Was hab ich bloß? - Die besten Krankheiten der Welt
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Depressiv ist out - Mediziner nimmt "die besten Krankheiten der Welt" aufs Korn
Von ddp-Korrespondent Peter Leveringhaus
Berlin (ddp). Auch Krankheiten kommen aus der Mode. "Depression und Migräne sind out, aber ein Burnout-Syndrom oder Arbeitssucht - das klingt doch nach richtig wichtigen Problemen", sagt der Freiburger Mediziner Werner Bartens. Mit körperlich nicht allzu bedrohlichen Krankheiten Aufmerksamkeit zu erzielen, das sei ein neuer Trend, von dem inzwischen eine ganz Industrie lebe, lautet Bartens' bewusst provozierende These. Denn: leichte, vor allem gänzlich neue Beschwerden können interessant, ja sogar echt sexy sein: "Sick Building Syndrome", "Mousepadfinger" und "Restless Legs" führt er als Beispiel an und fragt: Gewöhnen wir uns zunehmend daran, Alltagsbelastungen als Krankheiten umzudeuten?
"Es gibt in Deutschland eine Zunahme von Befindlichkeitsstörungen", lautet sein Befund. "Die Bereitschaft, Leid und Entbehrung als Teil unserer Existenz hinzunehmen, ist gesunken." Wer als Ausgleich die passenden Beschwerden sucht, kann sie in Bartens Buch "Was hab ich bloß? - Die besten Krankheiten der Welt" (Droemer Verlag) finden. In augenzwinkernden "Beipackzetteln" führt er darin die "Vor- und Nachteile" solcher Krankheiten für die Betroffenen an.
Ein besonders kritisches Auge hat Bartens auf die "Demokratisierung" der Diagnostik geworfen. Nicht zuletzt zahllose Selbstgruppen sorgten dafür, dass einzelne psychosomatischen Krankheiten eine öffentliche Beachtung erreichen, die in keinem Verhältnis zu ihrer gesundheitlichen Bedrohung stehen. "In Freiburg hat sich eine Selbsthilfegruppe für 'Schreikinder' gebildet", nennt Bartens ein Beispiel. Zwar schreie jedes Kind - mal mehr, mal weniger - aber das spiele doch keine Rolle, so lange man nur eine prima Gruppe bilden könne, die vor allem eins tut: darüber reden.
Und falls über eine Krankheit nicht mehr so viel geredet würde, sie also "aus der Mode kommt", hielten die Betroffenen eben dagegen: "So will die Migräne-Liga unbedingt erreichen, dass Migräne-Kranke als Behinderte eingestuft werden", sagt Bartens. Dies würde der Gruppe den unschlagbar stabilen Nimbus der Ewigkeit sichern, denn: "Mit einer Behinderung muss man eben leben und kann nicht womöglich als Geheilter die Gruppe verlassen", merkt er sarkastisch an.
Ist Deutschland also wehleidig? Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Die krankheitsbedingten Fehlzeiten in den Betrieben sind im ersten Halbjahr 2003 auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gefallen. Diesen Befund bestätigt auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV): "Deutschland ist keine Republik der eingebildeten Kranken", sagt KBV-Sprecher Roland Stahl. Eher sorge man sich, dass "immer mehr Menschen aus Angst um ihren Job lieber krank am Arbeitsplatz erscheinen als ihre Beschwerden auszukurieren".
Gleichzeitig meldeten sich immer mehr Menschen mit psychosomatischen Symptomen als Patienten. "Zwischen 300 000 und 1,5 Millionen Menschen aller Altersgruppen in Deutschland leiden inzwischen an Erkrankungen, die medizinisch schwierig zu beschreiben sind", sagt KBV-Sprecher Stahl. Über die Gründe für diese Zunahme gibt es nur Vermutungen: "Zum einen kapitulieren einige vor den Anforderungen der Leistungsgesellschaft. Zum anderen zeigt sich an der Empfindlichkeit mancher das soziologische Phänomen, möglichst alle Lebensrisiken abzusichern."
Aber auch Ärzte sind neuen Krankheiten gegenüber offenbar sehr aufgeschlossen, wie Bartens in seinem Buch amüsant schildert: "Ein Mediziner hatte in einem Fachblatt zum Scherz eine 'Generalisierte Heiterkeitsstörung' als neue Krankheit beschrieben. Eigentlich wollte er damit nur die Wachsamkeit der Kollegen testen. Stattdessen bekam er zum Teil empörte und vor allem ernst gemeinte Reaktionen von Medizinern, die für die beschriebene Störung bei ihren Patienten ganz andere Symptome gefunden hätten."
© ddp, Juli 2003
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