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Die Misshandlung der psychisch Kranken

von Rich Lowry, 31. Juli 2003



Ich treffe die psychisch Kranken täglich. Ich stolpere über sie auf den Bürgersteigen, ignoriere ihr Getobe, schaue weg, wenn sie im Abfall herumwühlen. Ich mache das nicht, weil ich hartherzig wäre, sondern weil ich in New York City lebe, und da habe ich wirklich keine andere Wahl. Jeder, der in einer amerikanischen Großstadt lebt, tut wahrscheinlich dasselbe.

In den letzten Jahrzehnten haben wir psychisch schwer kranke Menschen buchstäblich auf unsere Straßen abgekippt, sie mit ihrer Erkrankung und ihren Wahnvorstellungen sich selbst überlassen. Das ist eine große nationale Schande, für jedermann sichtbar versteckt. Am 22. Juli hat die New Freedom Commission of Mental Health von Präsident George Bush einen Bericht herausgegeben, anhand dessen sich diese Vernachlässigung hätte thematisieren lassen können, doch die Chance wurde schmählich verpasst.

Die meisten der psychisch Kranken, die durch die Straßen irren, sind zu krank zu merken, dass sie krank sind. Zirka 50 Prozent der Schizophrenen und Menschen mit bipolarer Störung wissen nicht, dass sie psychisch krank sind. Das bedeutet: Wenn - wie in den letzten Jahrzehnten - die Behandlungsmöglichkeiten auf rein freiwilliger Basis angeboten werden, entscheiden diese Menschen sich weiterhin für Krankheit und Elend.

Einflussreiche Mächte wenden sich entschieden gegen die unfreiwillige Behandlung psychisch Kranker: die American Civil Liberties Union, die sich vorwiegend dafür einsetzt, dass Schizophrene ein Recht darauf haben, jegliche Behandlung abzulehnen; die Scientologen, die den Hass auf die Psychiatrie zu ihrem Glaubensbekenntnis machen; und die "Psychiatrieüberlebenden", die ehemals unfreiwillig behandelten psychisch Kranken, die sich der Ideologie verschrieben haben, so etwas dürfe niemals wieder irgendwem passieren.

Die Kommission des Präsidenten äffte Ausdrucksweise und Befürchtungen dieses Anti-Zwangsbehandlungs-Blocks nach, bezeichnete psychisch Kranke als "Konsumenten" und forderte deren Beteiligung an ihrem "Heilungsplan". Das ist prima, so lange die betreffenden psychisch kranken Menschen wissen, dass sie krank sind.

Dieser Fokus auf "freie Entscheidung" passt zum bereits lang andauernden Trend zur "Deinstitutionalisierung". 1955 waren 559.000 Menschen in staatlichen psychiatrischen Krankenhäusern untergebracht. Heute sind es weniger als 50.000. Hätte die Situation von 1955 angehalten, so wären heute, gemessen am Bevölkerungsanstieg, 900.000 Menschen in staatlichen Krankenhäusern. Vielen dieser Menschen geht es in ihrem Umfeld gut, doch andere erleben einen Albtraum auf den Straßen oder im Gefängnis.

In den Vereinigten Staaten gibt es ungefähr 450.000 Obdachlose, ein Drittel davon ist psychisch krank. Etwa 16 Prozent der Gefangenen in staatlichen oder lokalen Gefängnissen leiden unter psychiatrischen Erkrankungen. Der Präsident des Treatment Advocacy Centers, Dr. Fuller Torrey, sagt: "Die Strafvollzugsanstalt des Bezirks Los Angeles ist mit 3.400 psychisch kranken Insassen de facto die größte stationäre psychiatrische Einrichtung in den Vereinigten Staaten. Das Gefängnis Rikers Island von New York ist mit 2.800 psychisch kranken Insassen die zweitgrößte."

Gegner der unfreiwilligen Behandlung verfechten den Standpunkt, psychisch schwer Kranke würden sich freiwillig für eine Behandlung entscheiden, wenn nur das Behandlungsangebot besser wäre. Unsinn, sagt Torrey: "Sie können im örtlichen Hyatt-Hotel eine Suite einrichten mit gratis Kaffee und Zigaretten - diese Leute würden kommen, aber sie würden immer noch keine Behandlung annehmen."

Gegner argumentieren auch, es liege an der "Stigmatisierung" psychischer Erkrankungen, die Kranke daran hindere, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dieser Unsinn übertrifft sich selber. Er erlaubt es psychisch kranken Menschen, unbehandelt zu bleiben, auf der Straße herum zu lungern und sich selbst und anderen Schaden zuzufügen. Das trägt zur Stigmatisierung psychischer Erkrankungen bei.

Dass psychisch schwer Erkrankte jegliche Behandlung ablehnen, ist Teil ihrer Krankheit. Die einzige Antwort darauf ist eine Behandlung gegen ihren Willen. In der staatlichen Gesetzgebung zeichnet sich ein Trend hin zu dieser Lösung ab. Die Kritikerinnen der Arbeit der Bush-Kommission, Sally Satel und Mary Zdanowicz, erläutern: "Immer wieder zeigen Studien, dass die meisten der anfangs ohne ihr Einverständnis behandelten Patienten mit dieser Entscheidung nachträglich einverstanden sind, wenn man sie dazu befragt."

Es gibt keine Freiheit in der Psychose, zu wirklicher Freiheit können psychisch kranken Menschen Medikamente verhelfen. Leider mangelte es der Kommission des Präsidenten an der Courage, zu diesem Effekt ein klares Statement abzugeben und Lösungsansätze zu empfehlen. In der Zwischenzeit verrecken überall in Amerika schwer kranke Menschen auf der Straße.


Übersetzung:
Marianne Kestler

Rich Lowry ist Herausgeber der National Review,
Mitglied der TownHall-Gruppe.

Dazu auch in Ingo Heinemanns Webseite
"Scientology, Psychiatrie-Kritik und Anti-Psychiatrie"
Abschnitt "Psychiatrie in den USA"
http://www.ingo-heinemann.de/Psychiatrie-Kritik.htm





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