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Nicht nur Krieg und Katastrophen, auch "normale" Unfälle können zu psychischen Störungen führen
Auch Überlebende von schweren Verkehrs- und Arbeits-unfällen erkranken oft an Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) und bedürfen psychiatrisch-psychotherapeutischer Hilfe. Bisher wurde davon ausgegangen, dass nur Ereignisse wie Krieg, Folter und Naturkatastrophen solche schwer wiegenden psychischen Erkrankungen hervorrufen können. Dies betonten Experten auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN).
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| Prof. Mathias Berger |
Das ICE-Unglück von Eschede, der 11. September 2001, der Amoklauf von Erfurt - wer solche Situationen hautnah miterlebt hat, wird sie nur schwer oder nie wieder los. Häufig erkranken Überlebende von Katastrophen psychisch, werden von Alpträumen, großer Ängstlichkeit und innerer Unruhe gequält und bedürfen noch jahrelang professioneller Hilfe. "Das Störungsbild der PTBS wurde in der Vergangenheit jedoch zu sehr ausschließlich mit dem Erleben von Ereignissen verknüpft, die normalerweise außerhalb menschlicher Erfahrung liegen", betonte DGPPN-Vizepräsident Prof. Mathias Berger, Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Freiburg. "Wie wir heute wissen, können auch andere Ereignisse wie schwere Unfälle oder gravierende medizinische Eingriffe Auslöser für eine PTBS sein. Dies untersuchen wir derzeit intensiv."
Polizisten, Katastrophenhelfer und Friedenstruppen häufig betroffen
In der modernen Forschung steht nicht mehr so sehr das traumatisierende Ereignis selbst im Vordergrund, sondern vielmehr das subjektive Erleben. Entsetzen, Hilflosigkeit, Todesangst oder Furcht vor ernsthaften Verletzungen können lang andauernde psychische Störungen verursachen. So sind auch Menschen gefährdet, die einen schweren Verkehrs- oder Arbeitsunfall über- oder zumindest miterlebt haben. Störungen können sogar auftreten, wenn nicht einmal die eigene, sondern fremde Personen von einem Unglück betroffen waren. So ist beispielsweise bekannt, dass Unfallzeugen, Katastrophenhelfer, Feuerwehrleute und Polizisten ebenso wie Soldaten, die Friedenstruppen in ausländischen Krisengebieten angehören, nicht selten eine PTBS entwickeln. Eine Chronifizierung kann zu ängstlichem Rückzugs- und Vermeidungsverhalten und letztendlich zu Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung führen. Oft kommen Depressionen und Alkohol- oder Tablettenabhängigkeit hinzu.
Frühzeitig Risikopatienten erkennen und Chronifizierung vermeiden
Zu wenig Augenmerk wurde, so die Experten, auch auf die unmittelbaren psychischen Folgen eines Unfalls gerichtet. "Bisher wurde eine PTBS meist nur behandelt, wenn sie bereits chronisch war", so Prof. Berger. "Jetzt geht es darum, nach einem Unfall oder einem vergleichbaren Ereignis psychische Belastungen rechtzeitig zu erkennen, bevor sie zu einer PTBS chronifizieren." Allerdings benötigen nicht alle Betroffenen eine spezielle Hilfestellung. Prof. Berger: "Mit unseren aktuellen Studien versuchen wir, frühzeitig mögliche Risikopersonen zu identifizieren, um ihnen therapeutische Angebote anbieten zu können." An der Universität Freiburg wurden zu diesem Zweck 220 Opfer schwerer Arbeitsunfälle zu verschiedenen Zeitpunkten befragt. Sechs Monate nach dem Unfall hatten knapp zehn Prozent tatsächlich die Diagnose einer PTBS. Weiter wird untersucht, ob eine psychologische Frühintervention zur Vermeidung einer PTBS hilfreich ist und womöglich künftig in die unfallchirurgische Routineversorgung von Arbeitsunfallopfern integriert werden könnte.
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| Prof. Martin Driessen |
Konfrontation mit den Traumaerinnerungen
Es ist bekannt, dass zum Beispiel rund 50 Prozent aller Vergewaltigungs- und 10 Prozent aller Verkehrsunfallopfer eine PTBS entwickeln. In der Therapie lernen die Patienten zunächst, subjektiv zu verstehen, was mit ihnen geschehen ist. Warum Alpträume oder Angstzustände immer wiederkehren und in welchem Zusammenhang sie mit dem traumatischen Ereignis stehen. "Falls notwendig, erfolgt in einem zweiten Schritt eine kognitive Verhaltenstherapie", so Prof. Martin Driessen vom Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin der Krankenanstalten Gilead in Bielefeld. "Nach einer ausführlichen Vorbereitung und nur, wenn die Beziehung zwischen Patient und Therapeut stabil ist, werden übende Verfahren eingesetzt. Der Patient wird mit seinen Traumaerinnerungen konfrontiert oder auch, wenn eben das nicht gelingt, mit realen Situationen, wie etwa mit dem Ort, an dem der Unfall geschehen ist."
Neue Therapieverfahren und Medikamente
Zunehmende Beachtung findet das EMDR-Verfahren (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Bei dieser Behandlungsmethode wird die Konfrontation mit der Traumaerinnerung von geführten Augenbewegungen begleitet, so dass es zu einer Aufmerksamkeitsteilung kommt. Diese schafft eine emotionale Distanz zum Erlebten. Auch neuartige Medikamente, Antidepressiva vom Typ der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, haben sich als wirksam herausgestellt. Schwieriger wird die Therapie, wenn weit in der Kindheit zurückliegende oder auch mehrfache und lang andauernde Traumatisierungen vorliegen. Mitunter sind PTBS auch durch zusätzliche psychische Störungen überdeckt, etwa durch Suchtprobleme, psychotische oder depressive Störungen. Prof. Driessen: "Dann ist erst eine therapeutische Phase der psychischen und sozialen Stabilisierung notwendig, gegebenenfalls auch eine Behandlung der anderen Störungen. Erst danach kann eine traumaspezifische Therapie beginnen."
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