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Antistigma-Arbeit aus der Sicht eines Betroffenen
Abstract von Roland Hartig
Wer sind unsere Bündnispartner? Auf einen einfachen Nenner gebracht, Bündnispartner sind alle, die sich für eine bessere Psychiatrie, eine bessere Versorgung psychisch kranker Menschen und eine bessere Aufklärung der Öffentlichkeit einsetzen. Dazu gehört der Austausch zwischen den professionellen Helfern, den Kranken und ihren Angehörigen, seit 1994 als Trialog bezeichnet. Gerade wie dieser Austausch geführt wird, ist bedeutsam für die Ausrichtung und Fortführung der Psychiatriereform. Das betrifft natürlich auch die Antistigma-Arbeit. Sie "von unten" zu profilieren, sozusagen als Gegengewicht zu den etablierten Initiativen, halte ich für ein Sparten-Theater. Das spaltet jede gut gemeinte Aktion in einzelne Glühlämpchen. Eine Vernetzung ist offenbar nicht gewollt.
Es gibt sie: Antistigma-Bündnisse mit Bedeutung, befreit vom Charakter eines Debattierklubs. Zum Beispiel: "Irrsinnig menschlich e.V., Open the doors, Nürnberger Bündnis gegen Depression, Kompetenznetz Depression, Kompetenznetz Schizophrenie und die Bayerische Anti-Stigma Aktion BASTA. Mitglieder sind Patienten und ihre Angehörigen, Wissenschaftler, Ärzte und Mitarbeiter der Psychiatrie, Journalisten und Politiker. Diese Bündnisse haben sich nicht nur für uns als Partner bewährt.
Journalisten zum Beispiel, die mit angemessener Sorgfalt medizinische Themen aufbereiten, Zusammenhänge herstellen können, finden über diese Bündnisse auch kompetente Ansprechpartner aus der Psychiatrie und der Selbsthilfe. Das schafft Durchblick. Über die Psychiatrie berichten heißt aber auch über die Selbsthilfe berichten.
Fakt ist, mit den Phänomenen "Stigma" und "verrufene Krankheit" müssen sich vor allem die Betroffenen und ihre Angehörigen herumschlagen. Eine Problematik, die längst die Psychiatrie erkannt hat. Gefragt sind vor allem eigene Strategien zur Bewältigung, aber auch spezielle Hilfen aus Psychiatrie und Selbsthilfe. Das ist auch ein Fundus für Forschung, Ausbildung und Therapie. Hier sehen wir noch Reserven.
Natürlich gibt es Diskurse über Psychiatrie, Krankheit und Stigma. Das öffentliche Spektrum reicht von Reformdiskussion über berechtigte Psychiatrie-Kritik bis hin zur Forderung, die Psychiatrie abzuschaffen. Nach meiner Ansicht wird der Trialog durch aggressive, ausdrucksstarke und verallgemeinernde Berichte über Psychiatrie und Psychiater konterkariert. Meinungsführer auf diesem Gebiet sind die Scientology-Organisation, deren Tochter KVPM (Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte) und deren fachlicher Kopf, Professor em. Thomas Szasz. Zur Diskreditierung der Psychiatrie gehört auch deren Verunglimpfung als "Nazi-Psychiatrie" (Eine Losung lautet: "Psychiatrie tötet"). Dadurch werden Hilfsbedürftige und deren Angehörige verunsichert, Therapien erst gar nicht begonnen, oder abgebrochen. Deshalb halten wir es für erforderlich, jeden Einfluss der Scientology-Organisation auf die Selbsthilfeverbände zu unterbinden. Dennoch ist es der Scientology-Organisation gelungen, mit antipsychiatrischem Vokabular Einfluss auch auf die Gruppe derer zu gewinnen, die Ärzte, Medikamente und Antistigmakampagnen grundsätzlich und lautstark ablehnen.
Kaum bekannt ist: Scientology will die Psychiatrie, ihre Helfer und Hilfsmittel abschaffen. Denn Scientology behauptet, dass ihre "Hubbard-Technologie" besser ist und zugleich Krankheiten aller Art verhindert. Durch Nichtbeachtung lassen sich diese Bestrebungen nicht "austrocknen". Im Gegenteil. Gerade die Breitenwirkung des Internets macht diese Problematik besonders deutlich.
Auch das stimmt bedenklich: Antipsychiatrische Gruppen lassen ihre gängigen Sprüche in Trialog-Foren ab, wie: "Wir bestreiten die Existenz von »psychischer Krankheit«", "lehnen jeden medizinischen Eingriff gegen den erklärten Willen des Betroffenen als folterartige Zwangsmaßnahme ab", "lehnen ab, für Zwangspsychiatrie Krankenkassenbeiträge zahlen zu müssen" und fordern die "Freigabe aller Drogen an Erwachsene". Mit fairem Umgang hat das nichts mehr zu tun. Wirkliche Alternativen werden nicht geboten - und das verunsichert Ratsuchende besonders.
Entscheidender Punkt: Im "Trialog" zwischen den Selbsthilfe-, Berufs- und Hilfsorganisationen gilt es die Hintergründe der "Antipsychiatrie" auf den Prüfstand zu stellen. Was wir brauchen ist eine sachliche Beschäftigung mit den aktuellen Problemen der Psychiatrie. Für mich symbolisiert die Antipsychiatriebewegung, begrifflich wie auch inhaltlich, den organisierten Widerstand gegen die heutige Psychiatrie. Sie kann deshalb auch kein Partner im Trialog sein.
Symposium: "Antistigma-Programme in der Psychiatrie - Ziele, Maßnahmen,
Wirksamkeit aus unterschiedlicher Perspektive.
DGPPN-Kongress Berlin, 27. - 30. November 2002
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