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Ursachen und Mechanismen immer noch wenig bekannt
Mehrere deutsche Forschungsverbünde lüften die Geheimnisse
(Berlin, 29.11.2002) Zwölf Millionen Deutsche trinken Alkohol in einem problematischen Ausmaß. Fast 30 Millionen rauchen mehr als zehn Zigaretten am Tag. Über drei Millionen konsumieren Cannabis. Obwohl Sucht die Dimension einer "Volksseuche" hat, war das Thema in der wissenschaftlichen Forschung lange Zeit unterbelichtet. Inzwischen gibt es vier zukunftsweisende Suchtforschungsverbünde von Kliniken und Universitäten, die den Ursachen und der Therapie von Sucht und Abhängigkeit auf der Spur sind. Sie wurden auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) vorgestellt.
Warum werden trockene Alkoholabhängige rückfällig? Ist es das Verlangen nach den positiven, euphorisierenden Wirkungen des Alkohols? Oder sind es die negativen, mit Entzugsstress verbundenen Folgen? Möglicherweise gibt es unterschiedliche Typen von Abhängigen, und das könnte von entscheidender Bedeutung sein, warum manche auf das Medikament Naltrexon ansprechen, andere auf Acamprosat und wieder andere weder noch, sondern am ehesten auf eine Psychotherapie reagieren. "Wir sind gerade erst dabei, die neuropsychologischen Zusammenhänge des Alkoholverlangens zu erkennen", erläutert Prof. Andreas Heinz vom Lehrstuhl für Psychiatrie an der Berliner Humboldt-Universität und Chefarzt der psychiatrischen Uniklinik an der Charité. "Wenn wir mehr über die Aktivierungsmechanismen von Alkohol im Gehirn wissen, können wir sie dann auch beim einzelnen Patienten mit Hilfe der Kernspintomographie ausfindig machen und die vorhandenen Therapiemöglichkeiten individuell anpassen. Das hilft dem Patienten und reduziert die Behandlungskosten."
Vier regionale Forschungsverbünde
Das Forschungsprojekt zur individuell abgestimmten Therapie von Alkoholabhängigkeit ist am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim angesiedelt, an dem Prof. Heinz bis Ende 2001 tätig war. Es ist nur eines aus einem ganzen Forschungsverbund, zu dem sich mehrere baden-württembergische Universitäten und Kliniken zusammengeschlossen haben. Deutschlandweit sind vier solcher regionaler Forschungsverbünde der Sucht auf der Spur - in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, München/Dresden und Lübeck/Greifswald.
Förderschwerpunkt des Bundesforschungsministeriums
Lange Zeit war Suchtforschung an deutschen Universitäten kein Thema. Zu sehr waren zumindest Alkohol und Nikotin als Genuss- und nicht als Suchtmittel gesellschaftlich anerkannt. Erst in den 90er Jahren starteten einige Forschungsprojekte, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Inzwischen hat das Ministerium einen Förderschwerpunkt für Suchtforschung gebildet, der die Grundlage für die Arbeit der vier Verbünde bildet. Dabei geht es um ganz unterschiedliche Fragestellungen: Haben verhaltensgestörte Kinder ein höheres Risiko, zigarettenabhängig zu werden? Erhöht oder vermindert es die Rückfallquote, wenn Alkohol- und Drogentherapiepatienten gleichzeitig auch eine Nikotinentwöhnung machen? Welche neuropsychologischen und hirnfunktionellen Veränderungen bewirkt chronischer Zigarettenmissbrauch? Gibt es genetische Faktoren für Suchtverhalten? Wie können Hausärzte mehr in die Suchterkennung und -behandlung eingebunden werden?
Hausärzte als wichtigste Kontaktpersonen
Vor allem die Vernetzung von Forschung und Praxis durch Einbeziehung der Hausärzte ist einer der zentralen Bestandteile des Förderschwerpunkts Sucht. "70 bis 80 Prozent der Deutschen suchen jährlich mindestens ein Mal ihren Hausarzt auf", so Prof. Markus Gastpar, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Rheinischen Kliniken an der Universität Essen und Sprecher des Forschungsverbundes "Kompetenznetz Suchtforschung Nordrhein-Westfalen". "Hausarztpraxen sind daher besonders geeignet, Menschen mit gesundheitsgefährdenden Konsum-gewohnheiten anzusprechen und bei ihnen eine Veränderung dieser Gewohnheiten zu erreichen." Denn den Weg in die bisherigen Versorgungseinrichtungen wie Suchtfachkliniken und Suchtabteilungen der Psychiatrischen Kliniken finden nur wenige Abhängige - Schätzungen zu Folge gerade einmal 1,7 Prozent. Eine Therapie, entweder drei bis vier Monate stationär oder 18 Monate ambulant, macht gerade einmal ein Prozent. Hausärzte hingegen könnten einen Großteil der in Frage kommenden Patienten identifizieren und oft auch gleich selbst therapieren. Viele sind jedoch auf den Umgang mit abhängigen Patienten nicht vorbereitet und verfügen auch nicht über ausreichendes Wissen zur Erkennung und Behandlung von Sucht. Daher werden in einem der nordrhein-westfälischen Projekte geeignete, einfache Screening-Verfahren und praxisgerechte Kurzinterventionen für Hausärzte entwickelt und getestet.
Rolle der Gene wird mit Hilfe von "Knockout-Mäusen" untersucht
Immer tiefere Einblicke gewinnt die Forschung auch in die möglichen genetischen Ursachen von Sucht. Wie stark der Einfluss der Gene ist, wird in einer internationalen Studie mit deutscher Beteiligung derzeit am Beispiel von Kokainkonsum erforscht. Kokain ruft bei manchen Konsumenten Euphorisierung und Sucht hervor, bei anderen Angstzustände und Aversion. Woran liegt das? Die Erklärung könnte in den Transportmolekülen für die Botenstoffe Dopamin, Serotonin und Noradrenalin liegen, die für Glücksgefühle und dem Verlangen nach mehr sorgen. In so genannten Transporter-Knockout-Versuchsmäusen wurden die Transportmoleküle genetisch lahmgelegt. "Mäuse, bei denen zwei der drei Transporter gleichzeitig ausgeschaltet wurden, wurden von Kokain kaum abhängig", berichtet Prof. Klaus-Peter Lesch von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, der an der Studie beteiligt ist. "Wurde allerdings nur der Serotonin- oder der Noradrenalin-Transporter eliminiert, war das Suchtverhalten sehr ausgeprägt." Es spricht einiges dafür, dass auch bei Menschen, die von Kokain abhängig werden, die Transporter für Dopamin, Serotonin und Noradrenalin an der Entstehung und am Fortbestand von Suchtverhalten beteiligt sind. Prof. Lesch: "Das würde bedeuten, dass bei Kokainabhängigen die gezielte Beeinflussung dieser Transportvorgänge eine praktikable therapeutische Maßnahme darstellen könnte. Somit sind wir den Sucht-Genen schon eng auf den Fersen."
DGPPN-Kongress Berlin, 27. - 30. November 2002
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