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Redaktion 10.02.2004
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Ärzte bemängeln «skandalöse Verhältnisse» in der Psychiatrie



Hamburg (ddp-nrd). In der psychiatrischen Versorgung in Deutschland herrschen nach Ansicht leitender Fachärzte noch immer «skandalöse Verhältnisse». Die Psychiatriereform drohe «in ihren Kinderschuhen stecken zu bleiben», sagte der Mitorganisator des Hamburger Kongresses «Brennpunkte in der Psychiatrie», Karsten Groth, am Donnerstag in der Hansestadt. Etliche Probleme psychisch kranker Menschen und der Psychiatrie im allgemeinen seien ungelöst geblieben.

Unter einem «gebetsmühlenartig vorgetragenen Kostendruck» werde die Ausgrenzung der Betroffenen gerechtfertigt. So würden viele Langzeitpatienten unter dem Stichwort «Enthospitalisierung» in Heime abgeschoben. Dieser «Etikettenschwindel» sei jedoch «mehr als fragwürdig», betonte Groth. Psychisch Kranke würden weiter vom sozialen Leben ausgegrenzt und seien überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen. Der Löwenanteil der Gelder von den Krankenkassen fließe jedoch weiter in die Krankenhäuser anstatt in gemeindenahe Versorgungsstrukturen. Auch die Forschung sei betroffen. Die Sozialwissenschaften als Mutterwissenschaften der Sozialpsychiatrie würden weitgehend aus dem medizinischen System ausgegrenzt. Es gebe kaum noch Sozialpsychologen, die größere Forschungsprojekte betreuten.

Nach Angaben von Kongress-Sekretär Michael Sadre Chirazi-Stark sind psychische Erkrankungen weiter auf dem Vormarsch. Insbesondere an Depressionen litten immer mehr Menschen. Zwar fehle eine ausreichende Ursachenforschung, doch sei er überzeugt, dass es sich häufig um Erschöpfungsdepressionen handle. Die Anforderungen an den Einzelnen seien deutlich gestiegen. Immer höhere Flexibilisierung, Mobilität und gleichzeitig die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes verunsicherten die Menschen massiv. Durch häufige Umzüge würden sie aus ihrem sozialen Netz gerissen. Freunde, Bekannte und die Anerkennung am Arbeitsplatz seien jedoch gesundheitliche Faktoren, deren große Bedeutung erst seit kurzem bekannt sei.

Michael Schulte-Markwort von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf kritisierte die Situation psychisch kranker Kinder in Deutschland. Es sei skandalös, dass die Hälfte psychisch auffälliger Kinder und Jugendlichen nicht behandelt werde. Dabei seien rund 15 Prozent dieser Altersgruppe verhaltensauffällig beziehungsweise psychisch gestört oder krank. Jeder Zehnte unter 18 Jahren müsste eigentlich in Behandlung. In Deutschland gebe es derzeit nur knapp 500 niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater, und auch die Anzahl der Kinderpsychologen sei unzureichend. Kinder- und Hausärzte und auch Lehrer wüssten zu wenig über psychische Störungen in diesem Alter.

Offensichtlich würden junge Betroffene längst nicht so wichtig genommen wie Erwachsene, kritisierte Schulte-Markwort. Dabei sei eine Früherkennung psychischer Erkrankungen enorm wichtig, um Behandlungserfolge zu erzielen. Rund 40 Prozent der schizophrenen Erkrankungen zeigten sich vor dem 20. Lebensjahr. Auch andere psychische Störungen seien zum Großteil bereits im Kinder- und Jugendalter erkennbar. Würden solche Vorzeichen rechtzeitig behandelt, könnte das spätere Erkrankungsrisiko deutlich reduziert werden.

Thomas Bock von der Universitätsklinik Eppendorf betonte, die gängigen Vorurteile über psychisch Kranke seien wissenschaftlich nicht haltbar. Psychosen seien weder unheilbar noch bedeutungslos. Betroffene seien nicht gefährlicher als der Durchschnitt der Bevölkerung, sondern reagierten besonders empfindlich in Lebenskrisen, die jedem zu schaffen machten. Psychisch Erkrankte und ihre Angehörigen litten unter den Vorurteilen ihrer Mitmenschen. Die Berührungsängste und mangelnde Information erschwerten die Genesung.

Der Vorstand des Hamburger Landesverbands Psychiatrie-Erfahrener, Wolfgang Heuer, kritisierte, in der alltäglichen Psychiatrie grassiere weiter viel Herzlosigkeit und Unverständnis. Durch Vorurteile, Stigmatisierung, Ausgrenzung und falsche Behandlung entstehe viel unnötiges Leid. Durch die Mittelkürzungen der Politik drohten sich die Verhältnisse in der Psychiatrie nach einer vorübergehenden Verbesserung wieder zu verschlechtern.

Beim Kongress «Forum Rehabilitation - Brennpunkte in der Psychiatrie» diskutieren von Donnerstag bis Samstag rund 1.000 Experten und Betroffene über aktuelle Themen. Geboten werden unter anderem Plenarvorträge, Fortbildungsveranstaltungen, Seminare und Arbeitsgruppen.

(c) ddp (03.05.01)



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