Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

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Übersicht Politik & Gesundheitsreform Redaktion 05.05.2004
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Dorothea Buck in Krefeld

Eine Dokumentation ihres Vortrages



Zusammenstellung Dokumentation und Zwischenüberschriften: Kalle Pehe, Selbsthilfegruppe "Mut zum Anderssein"

14. Juli 1933 ....... 14. Juli 1996

”63 Jahre nach dem Erbgesundheitsgesetz zögert die Bundesregierung die beschlossene Aufhebung der Zwangssterilisations-Urteile weiter hinaus. Wir antworten mit einer auf den Erfahrungen der Betroffenen, statt auf psychiatrischen Theorien gründenden empirischen Psychiatrie in unseren "Psychose-Seminaren".


Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann`s nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen,
Heimat, du bist wieder mein.

aus dem Lied "Die Moorsoldaten"

Am 14. Juli 1996 führten wir in Krefeld eine Veranstaltung mit Dorothea-Sophie. Buck-Zerchin durch. Anlaß war der Erlaß des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses am 14. Juli, 1933. Es handelte sich einerseits um eine Gedenkveranstaltung, andererseits dachten wir gemeinsam mit Betroffenen, betroffenen Angehörigen und beruflichen Kräften über eine andere menschenfreundlichere Psychiatrie heute nach. Die Veranstaltung fand eine gute Resonanz in Krefeld. Über 7O Menschen nahmen daran teil. Den Beitrag von Dorothea Buck dazu drucken wir hier im Wortlaut ab.

Eine Veranstaltung wie die heutige zum Gedenken der rund 400.000 Mitbürger und Mitbürgerinnen, die im Nazi-Regime von 1933 - 1945 die Zwangssterilisation erlitten, und an die "mindestens 275.000 Menschen", die nach der Schätzung des 1946 als "lebensunwert" von Ärzten ermordet wurden, ist ganz ungewöhnlich. Im Unterschied zu den "Ausrottungsmaßnahmen" gegen die jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen waren es Ärzte, Psychiater gewesen, die schon lange vor 1933 gefordert hatten, was mit der Machtübernahme Hitlers verwirklicht wurde.


Aus dem Vortrag von Dorothea Buck

Nutzlose Esser

Schon der noch heute hochangesehene deutsche Psychiater EMIL KRAEPELIN (1856 - 1926) forderte (Zitat) "Ein rücksichtsloses Eingreifen gegen die erbliche Minderwertigkeit, das Unschädlichmachen der psychopathisch Entarteten mit Einschluß der Sterilisierung. KRAEPELIN forcierte offen das Vorurteil vom biologisch minderwertigen und gefährlichen Irren; es ging ihm letztlich nicht um den Schutz des Kranken vor natürlichen und sozialen Schäden, sondern um die Ordnungsinteressen einer Gesellschaft, welche die Aufwendungen für die ökonomisch unproduktiven Kranken auf ein Minimum zu reduzieren begann. Fast alle maßgeblichen Psychiater dieser Zeit forderten Maßnahmen gegen ihre Patienten: lebenslange Haft, Zwangsarbeit, Unfruchtbarmachung, Ausmerzung." (Zitat von Dr. med. Hans-Georg Güse und Dr. med. Norbert Schmacke)
Auch die theologischen Leiter und leitenden Ärzte der ev. Anstalten der inneren Mission schlossen sich auf der Fachkonferenz für Eugenik im Mai 1931 in Treysa den Forderungen nach Unfruchtbarmachung und Dauerunterbringung durch die von ihnen geforderte "Verabschiedung des Bewahrungsgesetzes" an. Mit diesem Gesetz sollte die "Möglichkeit der Asylierung in Übereinstimmung mit den Forderungen der Eugenik verstärkt in Anspruch genommen werden", heißt es im Protokoll. Und weiter: "So besteht nicht nur ein Recht, sondern eine sittliche Pflicht zur Sterilisierung aus Nächstenliebe und der Verantwortung, die uns nicht nur für die gewordene, sondern auch die kommende Generation auferlegt ist." Außerdem beschloss die Fachkonferenz "zur Vereinfachung und Verbilligung der fürsorgerischen Maßnahmen für Minderwertige und Asoziale" die "wohlfahrtspflegerischen Leistungen auf menschenwürdige Versorgung und Bewahrung zu begrenzen" für alle, "die voraussichtlich ihre volle Leistungsfähigkeit" nicht wiedererlangen (Zitat). Die beschlossene bloße Verwahrung beschönigten sie als "differenzierte Fürsorge", die geforderte Sterilisierung als "Nächstenliebe", während sie die PatientInnen als "Minderwertige und Asoziale" abwerteten. Das aus dem Protokoll der Fachkonferenz der Inneren Mission im Mai 1931. Undenkbar, dass körperlich erkrankte Menschen, die voraussichtlich ihre volle Leistungsfähigkeit nicht wieder- erlangten, nur noch verwahrt worden wären.


Eine andere Sicht des "Irren": Wilhelm Ideler

Als ich 1936 als gerade neunzehnjährige Patientin in einem Betheler "Haus für Nerven- und Gemütsleiden" war, wurde es von einem Schüler KRAEPELINs geleitet. Seither beschäftigt mich die Frage nach einem christlichen Menschenbild anstelle des psychiatrischen Maßstabs der Norm in den psychiatrischen Einrichtungen der Diakonie und der Caritas. Dieser aus der Körpermedizin übernommene Maßstab der Norm lässt sich auf das seelische Erleben eines Menschen nicht übertragen und ist mit dem Anspruch christlicher psychiatrischer Einrichtungen unvereinbar. Das, was ich 1936 in Bethel erlebte, grub sich mir unauslöschlich als beklemmendste Erfahrung menschlicher Entwertung meines Lebens ein. Besonders beängstigend und demütigend fand ich, dass Ärzte und Pfarrer uns psychotische PatientInnen während der ganzen Zeit keines Gespräches für wert oder fähig hielten. Seit KRAEPELIN gab es kaum noch Gespräche, wie sie vor ihm WILHELM GRIESINGER (1817-1868) und WILHELM IDELER (1795- 1860) auch mit ihren psychotischen PatientInnen geführt hatten. IDELER schrieb sogar: "Denn wir begegnen in der Irrenanstalt fast niemals jenen flachen, seelenlosen, bedeutungsleeren Gestalten der Alltagswelt. Vielmehr ist jeder Wahnsinnige der Repräsentant irgendeines herrschenden Grundgedankens, der Held eines erschütternden Dramas, dessen Katastrophen mit seinem Herzblute geschrieben sind. Daher seine ganze Erscheinung, wenn sie nur in ihrer Vollständigkeit und inneren Bedeutung aufgefasst wird, sich den Seelengemälden eines Shakespeare, Goethe, Schiller ebenbürtig zur Seite stellt, und sie durch hochpoetische Kraft fast noch übertrifft." Soweit das Zitat von WILHELM IDELER. Diese so ungewohnte Anerkennung der Verrückten durch einen Psychiater vor 150 Jahren kann uns noch heute wohltun. Denn unsere Psychiater wollen die Sinnzusammenhänge des Psychose-Erlebens mit der Lebensgeschichte in der Regel gar nicht wissen, sondern bekämpfen alles von der NORM Abweichende und drängen es medikamentös ins Unbewusste, aus dem es aufbrach, zurück. KRAEPELIN ersetzte die Gespräche seiner Vorgänger durch die Beobachtung von Symptomen. Auf ihn als Begründer der Krankheitsbilder - Psychiatrie (auch nosologische Psychiatrie genannt), und auf seine diagnostisch-nosologischen Grundbegriffe bezieht sich noch heute auch die internationale Klassifizierung der WHO mit dem ICD-Schlüssel. Für unsere Betheler Ärzte waren wir nur Objekte ihrer Beobachtung unserer Symptome und der trostlosen Verwahrung ohne eine Beschäftigung und Abwechslung. Tiefer kann ein Mensch nicht entwertet werden, als ihn keines Gespräches für wert oder fähig zu halten. Auch die heutigen PatienInnen leiden unter den fehlenden oder ganz ungenügenden Gesprächen.


Abgestempelt

Mit den Zwangssterilisierungen wurden wir in Bethel ohne ein einziges Gespräch regelrecht überrumpelt. Sogar das Sterilisationsgesetz, das am 1. Januar 1934 in Kraft trat, erlaubte das nicht. Mit unserem Kummer über unsere Abstempelung als "Minderwertige und Erbkranke", über die lebenslangen Folgen der Eheverbote und über die rigorosen Ausbildungs- und Berufsbeschränkungen ließen uns Psychiater und Seelsorger ohne ein Gespräch völlig allein. Seelsorge verstanden unsere Betheler Hauspfarrer als "Wortverkündigung", als das Zitieren von Bibelworten, ohne ein persönliches Wort an uns zu richten. Über eintausend - vor allem Frauen – sind an der Sterilisations-Operation gestorben. Viele haben ihr Leben selbst beendet. Für mich wurde der Selbstmordgedanke, der mir vorher nie gekommen war, zur entscheidenden Lebenshilfe. Wenn ich statt sechzig Jahren, die wie eine Unendlichkeit wirkten, nur noch ein oder zwei oder auch fünf Jahre vor mir sah, wurde meine Verzweiflung schon etwas geringer. Denn die Ausweglosigkeit lag in der Unabsehbarkeit der vor mir liegenden Zeitspanne. Wie sollte ich meine Lebenszeit erfüllen ohne meinen Wunschberuf der Kindergärtnerin, die ich nicht mehr werden durfte, ohne Mann und Kinder? Mit der Selbstmordmöglichkeit sah ich ein Ende ab. Ohne ein Ziel vor sich kann der Mensch nicht leben. Nun hatte ich wieder ein Ziel vor mir, nachdem mir das Lebensziel genommen war. Ich konnte wieder planen, wenn auch auf die Freiheit zum Selbstmord hin. In einem oder in zwei Jahren, nahm ich mir vor. Soviel Zeit würde ich auch mit dieser schweren Belastung, als "minderwertig" abgestempelt zu sein, ausfüllen können. Meine in der Verzweiflung gebundene Kraft konnte wieder dem Leben zufließen. Nach einem Jahr, als ich zuerst im Töpfern und später im Modellieren eine Ausdrucksmöglichkeit für mich gefunden hatte, verlängerte ich die selbstgesetzten Lebensfristen, bis ich sie sehr viel später nicht mehr nötig hatte. Aber nur die wenigsten Zwangssterilisierten hatten die Möglichkeit, sich durch eine beglückende Arbeit von dem vernichtenden psychiatrischen Urteil ihrer "Unheilbarkeit" und "Minderwertigkeit" und seinen existentiellen Benachteiligungen zu entlasten.


Die ganze Wahrheit

1961, als ich als Bildhauerin an öffentlichen Aufträgen arbeitete, die nur durch Wettbewerbe zu gewinnen waren, hörte ich während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem zum ersten Mal auch eine Zahl der von Psychiatern ermordeten "Euthanasie"-Opfer. Bestürzt wollte ich Näheres wissen. Außer einem schmalen Kapitel in "Medizin ohne Menschlichkeit" von Alexander MITSCHERLICH und Fred MIELKE gab es im Buchhandel damals nichts. In einem Pressearchiv fand ich einige Leserbriefe, darunter den Brief eines ehemaligen Patienten der Anstalt "Eichberg" über seine grauenhaften Erfahrungen als Leichenträger. Der längst vergriffene Bericht "Die Tötung Geisteskranker in Deutschland" von Alice PLATEN-HALLERMUND von 1948 wurde mir auf Umwegen geliehen. Nur mühsam gewann ich einen Einblick in die verschwiegenen und verdrängten Morde, die von unseren Gesundheitsbehörden und Ministerien und von zumeist beamteten Psychiatern und Leitern psychiatrischer Anstalten geplant und durchgeführt worden waren. Die Todesurteile wurden nur nach Fragebogen von den psychiatrischen Gutachtern und Obergutachtern gefällt, die die Patienten nie gesehen und gesprochen hatten. Zwölf Psychiatrie-Professoren, darunter namhafte Wissenschaftler, die zum Lehrkörper deutscher Universitäten gehörten und zum Teil auch nach 1945 weiter lehrten, waren als Gutachter tätig. Der Fachausdruck für ein Todesurteil durch diese Psychiater durch ein rotes Positivzeichen bedeutete, dass dieser Mensch "positiv" begutachtet worden war. Die Todesurteile wurden bis zum August 1941 durch Vergasen in den 6 Tötungsanstalten vollstreckt, danach durch Abspritzen oder Vergiften mit überdosierten Medikamenten oder durch Verhungernlassen nun in vielen kommunalen und staatlichen Anstalten. Mir ging besonders die Einsamkeit des Sterbens der "Euthanasie"-Opfer nach. Die aus rassischen Gründen ermordeten Juden, Polen, Roma und Sinti erlebten ihre Vernichtung als Volk und im Familienverband. Die "Euthanasie"-Opfer traf das psychiatrische Urteil als "lebensunwertes Leben" jeden für sich allein. Viele werden von ihren Angehörigen in die Anstalten eingewiesen worden sein, die sie nun dem Tode auslieferten oder selber töteten. Auch uns Zwangssterilisierte traf das psychiatrische Urteil als "Minderwertige" jeden einzelnen isoliert. Ich lebte mit dem bedrückenden Gefühl, mit der Last des Wissens um die verdrängten und verschwiegenen Patientenmorde völlig allein zu sein. Aus meinen Gesprächen mit meinen Mitpatientinnen während meiner 5 Anstaltszeiten in der Zeitspanne von 1936 - 1959 wußte ich von ihrem Psychose-Erleben, das dem meinen ähnlich war. Um solcher Erfahrung willen waren schizophrene PatientInnen umgebracht worden ohne vorausgegangene ärztliche Gespräche über die Vorgeschichten und die Psychose-Inhalte und ihre Sinnzusammenhänge. Die psychiatrische Lehre der nicht seelisch, sondern körperlich und erblich verursachten, und daher sinnlosen unheilbaren "endogenen Psychosen" verhinderte solche Gespräche. Dieses Dogma der erblichen Somatose war die Voraussetzung auch unserer Zwangssterilisationen gewesen.


Erwachen aus der Ohnmacht

Die von unseren Ärzten, Theologen, Juristen, Politikern und der Öffentlichkeit verschwiegenen und verdrängten Patientenmorde und die auch nach 1945 unverändert unmenschlichen Zustände in unseren psychiatrischen Anstalten beunruhigten mich so tief, dass es mich von der künstlerischen Arbeit immer wieder an die Schreibmaschine drängte. In meiner bildhauerischen Arbeit ging es mir um die Beziehungen der Formen und Gestalten zueinander. Die Beziehungslosigkeit unserer Psychiater zu ihren Patienten durch die fehlenden Gespräche widersprach allem Menschlichen, ohne das es keine Kunst geben kann. Es gelang mir nicht, mich über diesen Abgrund von Gleichgültigkeit hinwegzusetzen, und ich wollte es auch nicht. Nur wir Betroffenen selber würden zu mehr Einsicht und Menschlichkeit in der Psychiatrie beitragen können - auch dadurch, dass wir uns weigerten, weiterhin stumme Opfer und Objekte zu bleiben. Wir müssten die Psychiater davon überzeugen, dass unsere Psychosen seelische Ursachen und einen Sinn für uns haben. Das würden wir nur in Berichten über die Entstehung unserer Psychosen, ihre Inhalte und Sinnzusammenhänge mit unserer Lebensgeschichte beweisen können. Nachdem ich 1968 die an den PatientInnen begangenen Morde in einem Spiel für eine Patientenbühne bearbeitet hatte, setzte ich mich in einem folgenden Manuskript mit den psychiatrischen Lehren auseinander, denen ich meine schizophrenen Erfahrungen widerlegend oder bestätigend gegenüberstellte. Ende der sechziger und während der siebziger Jahre machte uns HANS KRIEGER, ein Mitarbeiter der Wochenzeitung DIE ZEIT, in seinen engagierten Rezensionen mit den psychiatrischen Reformbewegungen des Auslands, mit RONALD LAING in Kingsley Hall, mit JAN FOUDRAINE in Holland und vielen anderen bekannt. Ich gewann Kontakt zu Hans KRIEGER, und er riet mir, meine eigenen schizophrenen Erfahrungen zur Hauptsubstanz des Buches zu machen. 1990 erschien mein Schizophrenie- und Heilungsbericht mit dem Titel "Auf der Spur des Morgensterns - Psychose als Selbstfindung" unter den umgestellten Buchstaben von "Schizophrenie" gleich Sophie Zerchin. Wenn die Leiden der "Euthanasie"-Opfer und von uns Zwangssterilisierten einen Sinn gewinnen sollen, muss sich das in der Psychiatrie ändern, was zu diesem Verbrechen führen konnte: die fehlenden Gespräche. Menschen, mit denen man nicht spricht, lernt man auch nicht kennen, man nimmt sie nicht als Menschen wahr. Darum konnten die Psychiater ihre PatientInnen gleich zu Hunderten den Gaskammern der Tötungsanstalten überlassen, und sie nach der Einstellung der Vergasungen im August 1941 auch selbst töten.


Psychose-Seminare

Um diese dringend notwendigen Gespräche zwischen uns Psychose-Erfahrenen, Angehörigen und Fachleuten einzuführen, haben wir im Wintersemester 1989/90 an der Hamburger Uni-Psychiatrie das erste "Psychose-Seminar" als Erfahrungsaustausch zwischen diesen drei - und wo es Bürgerhelferinnen und Bürgerhelfer gibt - zwischen diesen vier Gruppen unter der Moderation des Psychologen Dr. Thomas BOCK begonnen. Psychosen sind sehr viel besser aus dem eigenen Erleben der Betroffenen, als aus psychiatrischen Theorien zu verstehen. Will die Psychiatrie als eine empirische Wissenschaft gelten, führt kein Weg am gleichberechtigten Erfahrungsaustausch vorbei. Diese Idee des gleichberechtigten Erfahrungsaustausches lag auch unserem XIV. Weltkongress für Soziale Psychiatrie vor 2 Jahren in Hamburg mit 3.200 Gästen aus 52 Ländern zugrunde. "Abschied von Babylon – Verständigung über Grenzen in der Psychiatrie" lautete der Titel. Dieser Erfahrungsaustausch in unseren jetzt etwa 70 Psychose-Seminaren in der Bundesrepublik und demnächst auch in Zürich, Bern und Basel ist unsere - der Betroffenen - Antwort auf die fehlenden Gespräche der Psychiater, die von 1933-1945 zu den Zwangssterilisationen und zu den Morden an den von ihnen als "minderwertig" und als "lebensunwert" verachteten Patienten und Patientinnen führten. Die Idee unserer Psychose-Seminare ist höchst einfach und eigentlich selbstverständlich: Da jeder von uns - auch der Psychiater - nur das wirklich kennt, was er selbst erlebt hat, können wir Psychose- und Depressions-Erfahrenen besser, als es Fachleuten ohne eigene Psychose-Erfahrung möglich sein kann, ein Verständnis der eigenen Psychose oder Depression und ihrer Vorgeschichte vermitteln und über das, was uns geholfen hat oder helfen würde. Auch die Angehörigen können als unmittelbar Mitbetroffene nur selber ein Verständnis ihrer Situation und ihrer Schwierigkeiten vermitteln. Die PsychiatriemitarbeiterInnen verstehen sich vor allem als Lernende, die ihre Vorstellungen und Lehren über Psychosen und Depressionen, und wie sie entstanden sind, aus den Erfahrungen der Betroffenen ergänzen oder auch korrigieren.


Reform von unten

Dass diese Idee eines demokratischen und gleichberechtigten Erfahrungsaustausches nicht von den Fachleuten gekommen ist, werden Sie sich denken können. Mehr Demokratie wird fast immer von unten, der Basis, erwachsen, wenn die Leiden der Entwerteten, Missachteten eine grundlegende Veränderung notwendig machen. Als im Juni 1987 zum ersten und einzigen Mal VertreterInnen der als "minderwertig" zwangssterilisierten, und der als "lebensunwert" die Tötungsanstalten überlebenden Menschen vor dem Innenausschuss des Deutschen Bundestages angehört wurden, machte mir die damalige Behinderten-Beauftragte des Bundesgesundheitsministeriums auf meine Kritik auch an der heutigen Psychiatrie, die im wesentlichen Symptome medikamentös bekämpft, statt helfend ein gemeinsames Psychoseverständnis zu erarbeiten, einen Vorschlag. Ich solle meine Vorstellungen einer verständigeren und menschlicheren Psychiatrie für das Bundesgesundheitsministerium aufschreiben. Diese Chance wollte ich nicht ungenutzt lassen. In einem ausführlich begründeten Antrag auf einen "Arbeitskreis für mehr Mitbestimmung Betroffener in der Psychiatrie" stellte ich die Notwendigkeit einer auf den Erfahrungen der Betroffenen gründenden empirischen Psychiatrie dar. Der Arbeitskreis sollte aus etwa 30 TeilnehmerInnen gebildet werden: Betroffene der Selbsthilfegruppen, Angehörige, Psychiater, Psychologen, Vertreter der Pfleger und Schwestern, einem Vertreter des "Dachverbandes psychosozialer Hilfsvereinigungen e.V." und je einem theologischen Leiter einer evangelischen und einer katholischen Anstalt. Auch in der heutigen theologischen Ausbildung werden keine Kenntnisse zum besseren Verständnis psychotischer Menschen vermittelt. Das führt auch in den Kirchengemeinden häufig zu Vorurteilen und Ängsten vor psychose- und psychiatrie-erfahrenen Gemeindemitgliedern, die sich ausgegrenzt fühlen. Darum wäre die Teilnahme von Theologen an unseren Psychose-Seminaren notwendig. Der beantragte Arbeitskreis sollte monatlich im Bundesgesundheitsministerium tagen und durch ein Arbeitspapier Initiator für die Bildung weiterer Arbeitskreise in der Bundesrepublik sein. Ein von uns Psychose- und Depressions-Erfahrenen vermitteltes besseres Verständnis würde auch die äußeren Lebensumstände Betroffener verbessern, da man nur denen, die man nicht versteht und deshalb für "weniger wert" hält, zumutet, was man selbst nicht ertrüge. Prof. KLAUS DÖRNER befürwortete meinen Antrag bei der damaligen Bundesgesundheitsministerin Frau RITA SÜSSMUTH.


Bemühen um Annäherung findet Resonanz

Das Bundesgesundheitsministerium antwortete mit dem Vorschlag, den beantragten "Arbeitskreis für mehr Mitbestimmung Betroffener in der Psychiatrie" vor Ort einzurichten. Im Sommersemester 1989 fühlte ich als Gast in einem regulären Psychose-Seminar an der Hamburger Uni-Psychiatrie vor, wie groß die Bereitschaft zum Dialog mit uns Psychose-Erfahrenen sein würde. Der Psychologe Dr. THOMAS BOCK stellte dort StudentInnen und Berufstätigen aktuelle professionelle Psychose-Konzepte und Psychose-Forschung vor. Bei diesem Mal wurden gerade Interviews an die StudentInnen mit VertreterInnen verschiedener therapeutischer Schulen zu ihrem Psychose-Verständnis vergeben. Als ehemals Schizophrene mit 5 Schüben in der Zeitspanne von 1936-1959 und nun seit fast 37 Jahren durch ein gewonnenes Psychose-Verständnis gesund, schlug ich vor, mich ebenfalls zu befragen. So wurde aus dem Sprechen über Psychosen und über psychotische Menschen das Gespräch miteinander. Schon im nächsten Wintersemester 1989/90 wurde das Psychose-Seminar für Erfahrene und Angehörige geöffnet. Der Dialog entwickelte sich zum Trialog, zunächst als Diskussion nach Profireferaten. Erst im Sommersemester 1990 wurde eines der 5 Treffen am 9. Mai 1990 für "Das Erleben der Psychose und individuelle Versuche der Bewältigung" durch die Darstellung von zwei psychose-erfahrenen Männern und zwei Frauen angesetzt. Unser Vierergespräch über das Psychose-Erleben stieß auf großes Interesse. Wir schlugen Dr. BOCK vor, Psychosen künftig ohne Referenten aus unserem Erleben heraus gemeinsam zu besprechen. So wurden die ersten vier Treffen im WS 1990/91 nur für Psychose-Erfahrene angesetzt, und zwar für die Fragen: "Wie ist eine Psychose zu verstehen ? Was braucht man in der Psychose ?" Bei den letzten drei Treffen war das Seminar dann wieder für StudentInnen, Berufstätige und Angehörige geöffnet. In der Ankündigung hieß es: "Psychose-Erfahrene informieren über ihr Erleben, ihre Erwartungen und Wünsche. Gelegenheit für StudentInnen, ihr fachliches Wissen zu überprüfen, sich aus `erster Hand` zu informieren. Keine Selbsterfahrung, sondern fachlicher/wissenschaftlicher Austausch." Es war beeindruckend, wie bei diesen ersten Treffen über zwanzig Psychose-Erfahrene, um einen großen Tisch herumsitzend ganz selbstverständlich aus ihrem Psychose-Erleben und zuweilen auch aus der Vorgeschichte erzählten. Da in unseren Psychiatrien geäußerte Psychose-Erfahrungen in der Regel mit noch mehr Medikamenten beantwortet werden, konnten fast alle hier zum ersten Mal in ihrem Leben über das wohl immer tief beeindruckende Psychose-Erleben sprechen, ohne eine Medikamentenerhöhung befürchten zu müssen. Die letzten drei Male im Wintersemester 90/91 waren wir wieder mit den Angehörigen, Profis und StudentInnen zusammen und blieben es fortan. Als eine universitäre Veranstaltung richtet sich unser Psychose-Seminar nach den Sommer- und Wintersemestern. Wir treffen uns alle 14 Tage von 17 - 19 Uhr mit einer viertelstündigen Pause um 18 Uhr, die strikt eingehalten wird. Getränke stehen bereit. Am Ende eines Semesters tragen wir die im nächsten Semester zu besprechenden Themen zusammen und stimmen zu Beginn des neuen Semesters über sie und ihre Reihenfolge ab. In nun 13 Semestern haben wir viele Themen besprochen, von denen ich nachher nur einige wiedergeben kann.


Eine Idee breitet sich aus

In den ersten Jahren nahmen jedes Mal um die 50 Interessierte am Seminar teil. Wir saßen damals im Ärztezimmer um einen langen, rechteckigen Tisch mit breiten Sesseln in der ersten Reihe und Stühlen dahinter. 20 - 50 TeilnehmerInnen lassen noch wirkliche Gespräche miteinander zu. Inzwischen ist die Teilnehmerzahl sehr gewachsen auf meist 60 - 70. Der Seminarraum ist mit mehreren Stuhlreihen um einen großen Tisch voll besetzt. Zuweilen sind wir sogar über 100 und müssen dann in den Hörsaal umziehen. So erfreulich das große Interesse am Erfahrungsaustausch ist, sind intensive Gespräche miteinander dann weniger möglich. In den ersten Jahren trugen wir unsere Erfahrungen mit der Psychose in eine Strichliste ein, entweder unter E = Erfahrene, A = Angehörige oder O = Psychiatrie-MitarbeiterInnen. Diese drei Gruppen blieben nahezu gleich groß. Nur vereinzelt nahmen E und A aus einer Familie teil. Als ein guter Einstieg und dem bildhaften Erleben in der Psychose entsprechend erwies sich Dr. BOCK`s Vorschlag zu Beginn unseres Psychoseseminars, unser Psychoseerleben in einem Sprachbild auszudrücken. Zwölf dieser Sprachbilder gebe ich hier wieder.


Eine Psychose ist für mich (wie):

...ein Fallschirm ohne Seil am Korb
...auf spitzen Steinen gehen
...eine ständige Verschiebung der Normen und Wirklichkeiten
...ein Erleben wie Goldmarie, nachdem sie sich in ihrer Ausweglosigkeit in den Brunnen gestürzt hat (Märchen von "Frau Holle") Leider trifft sie auf diesem Weg meistens keine Frau Holle, die sie aufnimmt und bei der sie arbeiten kann, sondern landet mehr oder weniger sanft in der Psychiatrie.
...so desintegrierend, dass man sich wie ein Mobile fühlt, das sich im Wind bewegt. Schon kleine Eindrücke irgendwo an der Peripherie führen zu großen Erschütterungen des gesamten Menschen, und Zustände relativer Ruhe sind selten.
...ein Aufbruch innerer Impulse
...sich getrieben fühlen. Ich habe dann ein viel stärkeres Selbstbewusstsein, ein erhöhtes Lebensgefühl. Ich habe dann immer viel geschrieben. Ich spürte einen engeren Zusammenhang zum Ganzen als im normalen Zustand. Jetzt versuche ich, die inneren Impulse zu erhalten. Vielleicht hatte ich sie vernachlässigt.
...ein Abschneiden von der Umwelt. Ich habe dann niemandem mehr getraut. Nehme Gerüche und Geräusche gesteigert wahr. Steigere mich in Angst. Manchmal viele Tage und Nächte. Irgendwann wird es weniger; wahrscheinlich kann man irgendwann nicht mehr Angst haben.
...Für mich ist Neurose ein ständiges Anwachsen von Spannungen, wie eine Spiralfeder, die immer weiter aufgezogen wird. Und Psychose ist, wenn die Spannung gelöst wird. Dadurch wird dann auch ungeheuer viel Energie frei und ungewohnt starke Gefühle.
...wohl die einzige Möglichkeit, wenn die Welt zu hart und unverständig ist - am besten nichts mehr fühlen und denken -...wenn man die Brutalität und Machtbesessenheit sowie den Materialismus nicht mehr ertragen kann. Es ist wohl der letzte Ausweg, wenn man den Tod selbst nicht herbeiführen will und der Schmerz unerträglich wird.
...eine Möglichkeit für mich, mit den Schwierigkeiten, die ich habe, sehr erfüllt zu leben, mich allein, aber nicht einsam zu fühlen. Für mich habe ich so ein Gefühl bekommen durch diese Zustände, in denen ich psychotisch war, dass ich unheimlich viel Lust habe zu leben, dass ich alles, was mich erstarren lässt, weit von mir weise. Es kam dann so ein Schwall aus mir heraus, und ich hatte den Eindruck, einen Großteil meines Lebens zu verstehen."


Nach unseren bisher zwei aus dem Hamburger Psychose-Seminar herausgegebenen Büchern: "Stimmenreich – Mitteilungen über den Wahnsinn", 1992 und 1994: "Im Strom der Ideen – Stimmenreiche Mitteilungen über den Wahnsinn", beide im Psychiatrie-Verlag, Bonn, werden wir sicher auch einmal die Protokolle dieser vielen Treffen zum Erfahrungsaustausch herausgeben, wenn sie denn von Interesse sein sollten. Sie werden von den StudentInnen geführt. Ein wichtiges Thema für die Betroffenen auch in unseren Selbsthilfegruppen ist die Frage: Was hilft in der Psychose? Einer der vordringlichsten Wünsche und Forderungen an die Fachleute ist immer wieder Offenheit in allen Begegnungen und Gesprächen. Natürlich haben auch offene Stationen für alle etwas Beruhigendes.


Neues Psychose-Verständnis

Ein anderes wichtiges Thema ist in unserem Selbsthilfe-Gesprächskreis und war es auch in unserem Psychose-Seminar die Entstehung unserer Psychosen. Die Stauung von Gefühlen und Impulsen wird von vielen als entscheidende Ursache erlebt und bewertet. Daher bewegt uns auch die Frage, wie solche Gefühlsstauungen zu vermeiden sind. Gefühle leben und ausdrücken. Alle kreativen Ausdrucksmöglichkeiten bieten sich an. Besonders das Schreiben, auch als Tagebuch, Malen, Modellieren, Musik machen. "Bei inneren Aggressionen Briefe an sich selbst schreiben, bei denen man sie ausspricht", schlug eine Betroffene vor. Beim Schreiben meines Schizophrenie- und Heilungsberichtes "Auf der Spur des Morgensterns - Psychose als Selbstfindung" unter dem Anagramm von "Schizophrenie" = Sophie Zerchin machte ich die Erfahrung, dass sich, wie so vieles andere, auch der Zorn dadurch abnutzt, dass man das, was den Zorn erregt, immer wieder in die Schreibmaschine hämmert. Abnutzung durch Wiederholen und Schreiben als Befreiung. Da Psychiater in ihren Lehrbüchern und anderen Veröffentlichungen nur Symptome beschreiben, ohne sich auf die Entstehung dieser Symptome einzulassen, ergänzen wir auch das Zustandekommen dieser Symptome aus unseren Erfahrungen. Beispielsweise gilt als "zentrales schizophrenes Syndrom" das Erlebnis der "Eingebung von Gedanken, Vorstellungen, inneren oder gehörten Stimmen". Die bloße Feststellung dieses Symptoms hilft niemandem zum Verständnis. Dabei wäre die Kenntnis des Einbruchs von Inhalten des eigenen, normalerweise Unbewussten ins Bewusstsein, um einen vorausgegangenen seelischen Konflikt oder eine Lebenskrise zu lösen, die wir mit unseren bewussten Kräften nicht lösen konnten, für die Betroffenen in vielen Fällen lebensrettend. Denn der Schrecken und die Glaubwürdigkeit schizophrenen Erlebens resultieren vor allem aus unserer Bewertung dieser so ungewöhnlichen Erfahrungen als von Gott oder anderen Mächten oder Menschen "eingegebenen" Vorstellungen, Gedanken, Stimmen, weil sie sich von unserem normalen Denken so völlig unterscheiden. Wie viele Betroffene sind dem als von außen "eingegebenen" erlebten Befehl, sich umzubringen, schon gefolgt ? Weiß man dagegen, dass das normalerweise Unbewusste in der Schizophrenie ins Bewusstsein einbricht, wie SIGMUND FREUD und C.G. JUNG es schon zu Anfang des Jahrhunderts erkannten, und gehörte Stimmen eine alte Form des Denkens sein werden, kann man das als von außen "eingegeben" Erlebte und Bewertete leichter aus sich selbst kommend erkennen. Vorher wagt man nicht einmal, es kritisch zu hinterfragen. Wer seine Schizophrenie verstehen will - und eine andere Heilungsmöglichkeit wird es kaum geben - muss auch heute die dazu notwendigen Kenntnisse immer noch selber finden. Ich hatte das Glück, in meinem vierten schizophrenen Schub 1946 durch eine Mitpatientin zu erkennen, dass in der Psychose Inhalte unseres eigenen Unbewussten ins Bewusstsein einbrechen. Aus ihrem nächtlichen Traum heraus geriet sie in eine schwere Psychose. Sie sprach dabei eine fremde, wie französisch klingende Sprache. Sie hatte nie französisch gelernt, ich wußte aber von ihr, dass sie aus einer Hugenottenfamilie stammte. Offensichtlich war mit ihrer Psychose dieser Sprachrhythmus ihrer Vorfahren, der sie die zweite statt die erste Silbe in Deutschen betonen ließ, aufgebrochen. Aber erst nach meinem fünften und letzten Schub 1959 fiel mir auf, dass seit dem Aufbruch meiner psychotischen Vorstellungen meine Nachtträume ausgesetzt hatten, die ich nach dem Aufwachen vielleicht nur vergaß. Ich konnte mir das nur so erklären, dass die psychotischen Vorstellungen an die Stelle meiner Nachtträume getreten waren. Sie mussten also aus der gleichen Quelle kommen: aus meinem eigenen Unbewussten. Ebenso wenig wie der Traum "geisteskrank" ist, kann es die psychotische Vorstellung sein, sagte ich mir. Unsere Krankheit kann nur darin liegen, dass wir unsere psychotischen Vorstellungen für wirklich halten, was wir im Traum nur tun, solange wir ihn träumen. Verstand ich die Vorstellungen meiner abgeklungenen Psychose auf der Traumebene, konnten sie ihren Sinn für mich behalten, nur ihre Wirklichkeit nicht. Dieses Verstehen der Psychose als Aufbruch des eigenen Unbewussten befreite mich von der uns wohl alle schwer belastenden psychiatrischen Bestimmung der Schizophrenie als einer körperlich und erblich verursachten, "unheilbaren" Geisteskrankheit oder, wie es heute heißt: seelischen Krankheit durch eine Störung des Stoffwechsels im Gehirn. Mir wurden die Parallelen zwischen Traum und Psychose klar. Aus unseren Nachtträumen wissen wir, dass sie das normale Realitätsgefühl ebenso außer Kraft setzen können wie das in der Psychose geschehen kann. Oder das bildhafte Erleben in Traum und Psychose in Symbolen. Eine andere Entsprechung zwischen Traum und Psychose sind die aus den Irrenwitzen bekannten Identifikationen mit anderen Personen oder auch mit Symbolen wie Christus, Braut Christi und anderen. In unseren Nachtträumen erleben wir etwas ähnliches. Denn die im Traum auftretenden und handelnden Personen meinen uns häufig selbst. Sie sind ein Teil von uns, obwohl sie unter einer anderen Identität auftreten. Als Betroffene muss man wissen, dass die Identifikationen, von denen wir ergriffen werden können, ein Mittel des Unbewussten und auch des Traumes ist, das in der Psychose aufbricht. Dass die erlebten Symbole und Identifikationen so glaubwürdig für uns sein können wie sie es im normalem Zustand nicht wären, liegt wohl vor allem daran, dass sich in der Psychose das Weltgefühl verändert. Man spürt überall Sinnzusammenhänge, ohne sie wissen zu können. Das ist ein sehr anstrengendes Erleben und lässt uns auch Unmögliches miteinander in Beziehung setzen. Die Psychiatrie nennt es Beziehungs- und Bedeutungswahn. Ich nannte es "Zentralerleben", weil alle Bereiche des Lebens wie bei einem Fächer von einer gemeinsamen Mitte auszugehen und miteinander verbunden zu sein scheinen im Unterschied zur normalen Welterfahrung. Das verführt sehr leicht dazu, nicht sich auf das Ganze, sondern das Ganze auf sich bezogen zu erleben. Mit dem Gefühl der Angst kann das als persönliche Bedrohung erfahren werden und zu Verfolgungsideen führen. Im Vertrauen auf eine sinnvolle Führung überwiegt das Gefühl des engen Verwobenseins mit dem Ganzen. Diese im normalen Zustand nicht gespürten Sinnzusammenhänge führen nach meiner Erfahrung auch dazu, Wesentliches und Unwesentliches nicht mehr zu unterscheiden, weil alles einen geheimen Sinn zu haben scheint, Gleichnis für etwas ist. Dass das Weltgefühl auch im Traum verändert ist, ohne es uns bewusst zu machen, lässt ein Zitat von SIGMUND FREUD über den Traum im "Abriss der Psychoanalyse" vermuten. (Zitat): "Da ist vor allem eine auffällige Tendenz zur Verdichtung, eine Neigung, neue Einheiten zu bilden aus Elementen, die wir im Wachdenken gewiss auseinander gehalten hätten." (Zitatende) Psychose-Erfahrungen ohne klare Parallelen zum Traum, wie z.B. gehörte Stimmen, können besser verstanden werden, wenn man weiß, dass unsere frühen Vorfahren wahrscheinlich ihre Gedanken hörten, und dass das Stimmenhören eine alte, ursprüngliche Form des Denkens sein wird. C.G. Jung erwähnte in seinen "Erinnerungen - Träume - Gedanken" einen von der Außenwelt abgeschiedenen Volksstamm, dessen Menschen noch in unserem Jahrhundert ihre Gedanken hörten. Auch das Denken und Vorstellen in Symbolen und Bildern, das in der Psychose aufbrechen kann, gehört zu diesen älteren, sinnenhaften Denkformen, ehe sich das abstrakte Denken entwickelte. Wer keine Stimmen hört, wird doch innere Impulse kennen, die die Führung übernehmen. Besonders nach vorausgegangenen anstrengenden Lebenskrisen kann es eine Erleichterung sein, sich dieser inneren, nicht gehörten Stimme zu überlassen. Sie kann uns im genaueren Zusammenhang des Ganzen leiten, mehr als es der eigene Wille vermag. Die Verwandtschaft zwischen Traum und schizophrener Psychose scheint mir auch darin zum Ausdruck zu kommen, dass beide in konkrete Vorstellungen und bildhafte Symbole verwandeln, was als vorausgegangener seelischer Konflikt oder Lebenskrise noch ungestaltet oder sogar ausweglos erschien. Vielleicht trifft das nur für die sogenannte "positive Symptomatik" der Schizophrenie zu. Es wird einen Sinn haben, dass auch unsere Nachtträume Probleme, Emotionen und uns gar nicht bewusste Inhalte unserer Seele in konkrete, real erlebte Situationen verwandeln, die sie uns zugänglicher machen können, in denen wir unsere Phantasien ausleben können, wie wir das auch in unseren Psychosen tun. Die Parallelen von Traum und Psychose können den Zugang zum Psychose-Erleben erleichtern und befreien uns vom abwertenden Stigma der von vielen Psychiatern immer noch oder heute wieder vertretenen These der "sinnlosen und unheilbaren" Erkrankung. Wird dieses wohl immer zutiefst beeindruckende Erleben nur medikamentös bekämpft und verdrängt ohne eine Hilfe zu seinem Verständnis, bleibt der Betroffene in tiefer Verunsicherung zurück, ohne sich sein abgeklungenes Erleben erklären zu können. Wie alles nur Verdrängte oder von sich selbst Abgespaltene, bricht das unverstandene Erleben über kurz oder lang erneut auf.


Vermeidung von Psychosen

Um unsere psychotischen Reaktionen auf vorausgegangene Lebenskrisen in Zukunft zu vermeiden, dient nicht nur ein besseres Verständnis. Unsere Psychosen haben uns ja auch etwas zu sagen, was wir ändern müssen, wie die Stauung von Gefühlen, die von so vielen Betroffenen als Ursache ihrer Psychosen erlebt werden, vermieden werden kann. Meine 5 schizophrenen Schübe waren alle durch den Aufbruch starker treibender Impulse gekennzeichnet, die ich vorher nicht kannte. Als ich diese treibende Kraft zu Beginn meines ersten Schubes 1936 erstmals erlebte, erklärte ich sie mir mit dem Paulus-Wort: "Die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder." Ich beschloss: "Mein Wille ist, nicht mehr zu wollen, sondern mich führen zu lassen." Während meines vierten (nicht durch Insulin- oder Cardiazolschocks, wie der zweite und dritte Schub unterbrochenen ) Schubes konnte ich das allmähliche sich Abschwächen der starken inneren Impulse oder inneren Stimme zu einem "Instinkt", wie ich ihn nun nannte, beobachten, den ich mir zu erhalten suchte. Zum ersten Mal folgte eine lange, 13jährige schubfreie Pause. Ich erklärte sie mir damit, dass ich aus diesem Instinkt heraus zu leben versuchte, die Impulse sich nicht mehr stauten. Nach einer schweren Krise brach nach 13 Jahren dann aber doch noch mein letzter Schub 1959 auf. Nach ein oder zwei Neuroleptika-Spritzen, die uns auch körperlich total schwächten und meinen Kopf so verspannten, dass ich nichts mehr denken und fühlen konnte, reagierte ich zu meinem Glück mit einem Hautausschlag und bekam statt der Spritze Pillen in den Mund geschoben, die ich jedesmal ins Klo spülte. Nach etwa 8 Wochen war ich ebenso psychosefrei, wie meine Mitpatientinnen, die die Pillen schluckten. Es hatte mir nichts genützt, dass ich der Oberärztin erklärte, dass die 13jährige schubfreie Pause dem Umstand zu verdanken sei, dass der vorausgegangene, nicht medikamentös unterbrochene Schub mir den schwachen Instinkt ließ, den ich in mein Leben einbezog, während die erlebten Schockbehandlungen von den Impulsen nichts übrig ließen, und auch die Neuroleptika sie total verdrängen würden. Dass unsere Erfahrungen nichts gelten, erleben auch die heutigen PatientInnen. Als mir nach meinem letzten Schub die Traumebene meiner Psychose-Erfahrungen klar wurde, und ich die mit jedem meiner 5 Schübe aufgebrochenen inneren Impulse gleichsam als dynamische Kraft verstand, die wie ein Aufzug die Inhalte meines normalerweise Unbewussten ins Bewusstsein befördert hatten, lebte ich von da an bis heute aus diesen nur noch schwachen, inneren Impulsen oder der inneren, nicht gehörten Stimme. Ein gewonnenes, nur besseres Verständnis der Psychose wird allein nicht genügen, um erneute Schübe zu vermeiden. Es fragt sich nur, was dem Betroffenen mehr hilft: Neuroleptika zur Reduzierung seiner Gefühle und Impulse oder zur Vermeidung von Stauungen ihre alltägliche Einbeziehung, angefangen beim Essen, wenn man Hunger hat, Schlafen, wenn man müde ist, um auf die inneren Impulse achten zu lernen. Das heißt auch, sich und der Kraft oder inneren Stimme, die uns leitet, zu vertrauen.


Eine Zwischenbilanz

Zum Abschluss die Frage: Was hat der Erfahrungsaustausch zwischen Betroffenen, Angehörigen, Fachleuten und, wo es sie gibt, BürgerhelferInnen in unseren Psychose-Seminaren bisher verändert, und was bewirkt er? Da ist zunächst einmal die veränderte Rollenverteilung: Im Unterschied zur Therapie, wo PatientInnen als Objekte der Behandlung und Angehörige oft als Störfaktor gesehen werden, gelten in unseren Psychose-Seminaren die Psychose-Erfahrenen als die eigentlichen Experten ihrer Psychosen, die Angehörigen als deren Kenner, und die Profis sehen sich als die Lernenden, die sich einen persönlichen Zugang zum Geschehen erarbeiten. Über das Psychose-Erleben, das in der Psychiatrie nur als ein Unwert bekämpft wurde, als etwas gar nicht so Abwegigem sprechen, sich austauschen zu können und mit Verständnis und Respekt angehört zu werden, ist eine unglaublich ermutigende Erfahrung nach aller Entmutigung in unseren Psychiatrien. Das dort oft zerstörte Selbstvertrauen kann sich wieder erholen. Dass man zu sich und der eigenen Lebensgeschichte stehen kann, sie nicht mehr verleugnen muss, ermutigt dazu, sich auch außerhalb der Psychose-Seminare als Psychose- oder Psychiatrie-Erfahrene erkennen zu geben. In unserem aus unserem Hamburger Psychose-Seminar und dem "Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen" angeschlossenen "Arbeitskreis Betroffene" 1992 hervorgegangenen "Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V." (BPE) finden sich immer mehr Mitglieder bereit, bei Tagungen und Arbeitsgruppen über ihre Erfahrungen zu sprechen. Auch von Psychiatern - natürlich mehr der sozialpsychiatrischen als der medizinisch-physiologischen Richtung - wurden wir zu Fortbildungsveranstaltungen eingeladen; auch von der Bundesdirektorenkonferenz mehr zu einem Streitgespräch. Einen therapeutischen Anspruch erheben die Psychose-Seminare nicht. Ohne es zu wollen, haben sie aber eine therapeutische Wirkung, weil das angehörte und ernst genommene Psychose-Erleben zur Verarbeitung oder doch zum Überdenken anregt. Es braucht nicht mehr als nur "krank" von sich selber abgespalten zu werden. Dazu möchte ich aus dem Brief eines Moderators zitieren: "Ich bin sehr dankbar für die Erfahrung dieses ersten Seminars. Ich habe in ganz neuer Weise erfahren dürfen, welche tiefen seelischen Erfahrungen, aber auch Konflikte, jeder Psychoseerfahrene durchzustehen hat. Gleichzeitig war es aber auch beglückend, von den Teilnehmern zu hören, dass dies für alle die erste Möglichkeit war, über diese Erfahrungen zu sprechen, die ihnen neuen Mut und Zuversicht schenkte".(Zitatende) Der Erfahrungsaustausch mit den Angehörigen lässt uns ihre Ängste und Schwierigkeiten mit ihren betroffenen Kindern, Partnern, Elternteilen oder Geschwistern nachvollziehen und besser verstehen. Umgekehrt ermutigen unsere Erfahrungen die Angehörigen dazu, mit ihren betroffenen Familienmitgliedern ins Gespräch zu kommen. Hier möchte ich abschließend aus dem Brief der Mutter eines Betroffenen vom 28.11.94 zitieren. Sie schreibt: "Ich war letzte Woche im Hamburger Psychose-Seminar in der Uni-Klinik, und ich weiß nicht, ob ich je in einem großen Gremium ( von ca. 70 Teilnehmern) so ein echtes Aufeinanderhören und Offenheit der Aussagen gehört habe (nicht zu vergleichen mit den oft etwas peinlichen Outings der im Fernsehen gezeigten Gruppen-sitzungen). Da sprachen sicher 20 Leute aus einer für mich erschütternden Unversehrtheit ihres Ichs über ihre Verrücktheit... Inzwischen ist diese Richtung zu einer bundesweiten Bewegung geworden. Im Juni gab es in Hamburg den Weltkongress der Sozialpsychiatrie mit über 3000 Teilnehmern aus aller Welt und ca. 500 Betroffenen, denen man freien Raum gab; 3 Wochen später der Psychotherapie-Kongress unter strengem Ausschluss der Laien." (Zitatende) In diesem XIV. Weltkongress für Sozialpsychiatrie mit dem Thema: "Abschied von Babylon - Verständigung über Grenzen in der Psychiatrie" setzten wir den Trialog oder Erfahrungsaustausch fort. Unserem "Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener" wurde der amerikanische "Masserman Foundation Prize for enhancing social relations between the groups" zuerkannt. Wir hoffen, dass die bei uns in der Bundesrepublik fast ausschließlich medizinisch-physiologische Forschung in der Psychiatrie mehr die Erfahrungen der Betroffenen einbezieht. Denn der "gestörte Hirnstoffwechsel" könnte ja auch die Folge der von so vielen Betroffenen als Ursache ihrer Psychosen erlebten "gestauten Gefühle" sein. Und wir hoffen, dass die Teilnahme an einem Psychose-Seminar bald zur psychiatrischen Facharzt-Ausbildung gehören wird. Denn bisher nehmen nur wenige Psychiater an einem Psychose-Seminar teil.
- Ende -

Wer ein Psychose-Seminar einrichten möchte und dazu weiteres Material wünscht, kann dies anfordern bei:

Dr. THOMAS BOCK
Universitätskrankenhaus
Hamburg-Eppendorf
Martinistr. 52
20246 Hamburg


Büchertipps:
Th. Bock, J.E. Deranders und I.Esterer
Stimmenreich - Mitteilungen über den Wahnsinn
Psychiatrie-Verlag, DM 24,80

Dorothea-Sophie Buck-Zerchin
Auf der Spur des Morgensterns - Psychose als Selbstfindung
Hans Krieger, 1990 List Verlag, DM 29,80


Unsere Selbsthilfegruppe arbeitet zusammen mit dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE)
Thomas-Mann-str. 49a
53 111 Bonn
Tel.0228 - 63 26 46


Der Druck dieser Broschüre wurde ermöglicht durch den Sozialdienst Katholischer Männer SKM – Krefeld. Wir bedanken uns beim SKM - Krefeld und der Angehörigengruppe der Psychosozialen Hilfe (PSH Krefeld) für die freundliche Unterstützung bei der Durchführung der Veranstaltung.


Kant-Zitat zur Mündigkeit

"Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem, dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberherrschaft über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften: so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen, allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern, und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab."

Immanuel Kant (zitiert nach einer Biographie von Christian Krockow über den "alten Fritz"





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Politik & Gesundheitsreform

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