Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

Startseite RUBRIK 06.11.2002
Psychiatrie & Internet

Roland Hartig: Fakten und Anti-Stigma-Kampagne

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Vortrag

First International Symposium on Internet and Psychiatry / Benefits - Risks - Perspectives

5th bis 6th April 2001 / Department of Psychiatry: Ludwig-Maximilians-University Munich


Fakten und Anti-Stigma-Kampagne

Lediglich einen Mausklick entfernt von SPIEGEL oder FOCUS, TIMES oder TAZ tummeln sich die Websites zahlreicher Institutionen, Organisationen und Privatpersonen. Viele dieser Seiten bieten für bislang kaum beachtete Themen mannigfaltige Möglichkeiten zur Recherche und Kommunikation. Dabei geht es vor allem um den "Mehrwert" der Inhalte. Dazu gehört auch der Bereich Psychiatrie und Selbsthilfe. Gerade dieser hatte noch vor einigen Jahren eine Ausstrahlungskraft wie ein Glühwürmchen. Nur wenige Psychiater und Sozialarbeiter, Angehörige und psychisch Kranke waren bereit, sich mit psychiatrischen Brennpunktfragen öffentlich auseinanderzusetzen. Dank Internet hat sich das geändert.

Auch der Online-Service Lichtblick-newsletter - "Nachrichten aus Psychiatrie & Selbsthilfe" - kurz "naps" genannt - will mehr Leben und Alltagserfahrung in den Elfenbeinturm der Psychiatrie bringen. Seit 1998 ist die ehrenamtliche Redaktion dabei, die unter der Ägide des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker e.V. steht, Nachrichten, Berichte, Veranstaltungen, Interviews, Kommentare und Leserbriefe aus Psychiatrie und Selbsthilfe publik zu machen. Sie sollen die Diskussion zwischen den Betroffenen, Angehörigen und Professionellen beleben und außerdem neue Recherchefelder für Journalisten erschließen. Verwandte psychisch Kranker, aber auch die Betroffenen selbst werden mit Anhaltspunkten zur Bewältigung ihres Alltages versorgt. So helfen Beschreibungen, Kontaktadressen und sortierte Webadressen bei der Suche nach Ansprechpartnern weiter. Mindestens zweimal im Monat informiert der "Lichtblick-newsletter" via E-Mail, was es Neues auf dem Gebiet der Forschung, Therapie und Selbsthilfe gibt. Dieser Rundbrief wird inzwischen von 460 Abonnenten gelesen. Zusätzlich stehen auf den Websites von lichtblick-newsletter.de (hervorgegangen aus www.lichtblick99.de) Beiträge über psychische Erkrankungen, Heilungsmöglichkeiten und Initiativen der Selbsthilfe zum Download bereit. Besonders gefragt ist unsere Zeitschrift Lichtblick als Digital-Ausgabe. Und wer das 80 Seiten starke Heft im Original lieber lesen möchte, bestellt es bei der Redaktion für ein paar Mark in Briefmarken.

Deutlich mehr Platz gibt es jetzt in Sachen Antistigma-Initiativen. Denn mit den Phänomenen "Stigma" und "verrufene Krankheit" müssen sich vor allem die Betroffenen und ihre Angehörigen herumschlagen. Eine Problematik, die auch die Psychiatrie erkannt hat. Gefragt sind vor allem eigene Strategien zur Bewältigung, aber auch spezielle Hilfen aus Psychiatrie und Selbsthilfe. Deshalb sind wir auf zuverlässige Informationen von Betroffenen, Angehörigen und Professionellen angewiesen. Dabei hat sich der Leipziger Verein für Öffentlichkeitsarbeit in der Psychiatrie "Irrsinnig Menschlich" als ein für uns wichtiger Partner erwiesen, der neben seiner Pressearbeit kürzlich sogar ein Antistigma-Projekt an Schulen gestartet hat.

Dennoch warnt uns Asmus Finzen in seinem Buch »Psychose und Stigma«: "Wer mit den Massenmedien entstigmatisieren will, kämpft nicht nur gegen den Zeitgeist. Er kämpft gegen Windmühlen". Gleichzeitig differenziert er, zeigt auf, wo Öffentlichkeitsarbeit (Public Relation) vor allem Sinn macht: "Bei den Lokalredaktionen der Tageszeitungen und bei lokalen Rundfunksendern."

Ob es in absehbarer Zeit möglich sein wird, genauso freimütig über eine psychische Krankheit zu sprechen, wie andere über Diabetes, Herzinfarkt oder Krebs, hängt sicherlich auch davon ab, wie Laienhelfer, Professionelle, Lehrer, Journalisten, Geschäftsleute und andere "Schlüsselpersonen" in ihrer Gemeinde agieren. Natürlich ist das Internet auch eine Gemeinde. So sehen wir in dem kürzlich von uns eingerichteten Online-Forum "Schizophrenie und Stigma - Folgen und Konsequenzen" eine Chance, entstigmatisierende Meinungen weiter zu verbreiten.

Zugleich möchte ich darauf hinweisen, dass sich der Diskurs über Psychiatrie, Krankheit und Stigma zugleich in einem Spannungsfeld zwischen Reformdiskussion, berechtigter Kritik an Mißständen und radikaler Abschaffung der Psychiatrie abspielt. Ein Streifzug via Suchmaschine durch das World Wite Web bringt auch das ans Licht: eine breite schonungslose Diffarmierungs-Kampagne gegen die Psychiatrie. Laut der Suchmaschine FIREBALL.de gibt es allein über 1000 deutschsprachige Quellen zu dem Begriff "Antipsychiatrie". Dagegen kommt die Wortkombination "Psychiatrie und Selbsthilfe" nur 62 mal vor. Und in Deutschland haben gerade mal fünf von 15 Landesverbänden der Angehörigen psychisch Kranker das Internet als Informations- und Kommunikationsplattform entdeckt.

Auch das stimmt bedenklich: lange schon können Gegner der Psychiatrie ihre gängigen Sprüche in der Newsgroup de.sci.medizin.psychiatrie ablassen, wie: "Wir bestreiten die Existenz von «psychischer Krankheit»", "lehnen jeden medizinischen Eingriff gegen den erklärten Willen des Betroffenen als folterartige Zwangsmaßnahme ab", "lehnen ab, für Zwangspsychiatrie Krankenkassenbeiträge zahlen zu müssen" und fordern die "Freigabe aller Drogen an Erwachsene". Mit fairem Umgang hat das nichts mehr zu tun. Wirkliche Alternativen werden nicht geboten - und das verunsichert Ratsuchende besonders.

Dagegen steht Lichtblick-newsletter.de ganz im Zeichen der Mitverantwortung gegenüber psychisch Kranken und der Aktivierung der Selbsthilfekräfte der Familien. Wie die Betroffenen mit den Auswirkungen einer psychischen Erkrankung im Alltag besser zurechtkommen - auch wie eine verfrühte Berentung vermieden werden kann - und was Angehörige selbst für ihr gesundheitliches Wohlbefinden und für ihre berufliche Absicherung tun können, sind wichtige Brennpunktfragen unserer Bemühungen in Sachen Aufklärung und Antistigma. Alles in allem, es geht um das Netzwerk «Psychiatrie und Selbsthilfe» und um Denkanstöße - ganz im Sinne des französischen Schriftstellers André Gide: "Man entdeckt keine neuen Erdteile, ohne den Mut zu haben, alte Küsten aus den Augen zu verlieren."

weiterführende Informationen zum Thema "Internet und Psychiatrie unter: http://www.psynet-congress.de


© naps - Redaktion lichtblick-newsletter im LApK e.V.
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