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Lichtblick-Newsletter Nr. 19 vom 13.11.2000
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Lichtblick-newsletter 19/2000 vom 13. November
Nachrichten aus Psychiatrie & Selbsthilfe (naps)
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http://www.lichtblick-newsletter.de
1. Fliege: Talkshow: Letzter Ausweg Psychiatrie
2. Psychiatrie-Diagnosen: eine "Epidemie" von Störungen
3. Kommentar: "Wissenschaft kann töten"
4. Schizophrenie-Gen: Sensation oder Wunschdenken?
5. In Sachen Antistigma-Kampagne
6. Medienprojekt: Totschweigen - Leben retten
7. Ohne Kommentar: Psychiatrie in der Öffentlichkeit
8. Aus der Postmappe: Ergebnis der Kosteneinsparung -
Neuroleptika auf dem Schwarzmarkt
9. NRW: Gesamtkonzept für den Massregelvollzug
10. Kann Insektizid Parkinson verursachen?
11. Termine
12. Kurz & bündig
13. Der aktuelle Buchtipp
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(1) Fliege: Talkshow: Letzter Ausweg Psychiatrie
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Einschalten: ARD/Fliege: Talkshow, Thema: "Ich wusste nicht mehr weiter -
Letzter Ausweg Psychiatrie", Donnerstag, 16.11.2000, 16:00 Uhr (!) Aus der
Ankündigung: Fast eine Million Menschen in Deutschland sind psychoseerfahren
und wissen, was es heißt, Stimmen zu hören oder Dinge zu sehen, die andere
nicht wahrnehmen, auf Medikamente und die Hilfe anderer angewiesen zu sein
und als "verrückt" abgestempelt zu werden. In der Sendung begrüßt Jürgen
Fliege diesmal Gäste, die von Ihren Erlebnissen in der Psychiatrie
berichten.
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(2) Psychiatrie-Diagnosen: eine "Epidemie" von Störungen
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naps/rh: Es war eine nachdenkliche und zugleich konstruktive Jahrestagung
der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) in Berlin: Für
reichliche "Zutaten" von außen sorgte schon das Motto "Auf dem Tellerrand -
Denken über Grenzen in der Sozialpsychiatrie". Immerhin, die Suppe, die sich
die "Sozialpsychiatrie" vor 30 Jahren "eingebrockt" hat, nämlich
"menschenwürdige Verhältnisse in den psychiatrischen Einrichtungen
herzustellen und bei psychiatrischem Handeln und Forschen den sozialen
Kontext einzubeziehen", tröpfelte auch auf die "etablierte Psychiatrie"
nieder. Dennoch, von einem Schulterschluss kann keine Rede sein, bestenfalls
vom "kleinen Grenzverkehr". Und dieser fand auch hier statt. Dabei
verblüffte der sozialpsychiatrisch engagierte Psychiater Prof. Asmus Finzen
die 350 Teilnehmer: "Eine biologische Psychiatrie gibt es eigentlich nicht."
Jede Psychiatrie ist in der Anwendung Sozialpsychiatrie. Alles was über die
"biologische" Psychiatrie verkauft wird, "sind nur Grundlagenwissenschaften,
zum Beispiel Molekularbiologie, Biochemie". Finzen kritisierte aber immer
noch die gängige Praxis, Forschung und Klinik zusammenzulegen: "Grundlagen
haben nichts mit der eigentlichen Psychiatrie zu tun." Allenfalls Partner
kann die angewandte Wissenschaft sein. Finzen macht auch keinen Hehl daraus,
dass ihm das aktuelle Diagnosesystem mißfällt, das jetzt 395 (!) psychische
Störungsbilder zählt. "Bei uns geht kaum noch jemand mit weniger als vier
Diagnosen raus!" Praktisch werden die Symptome "aufaddiert". Statt
Krankheitsverständnis - nun eine "Epidemie" von Störungen. "Das ist ein
großes Unglück!", erklärte Finzen und nannte ein Beispiel: "Jemand mit
Stupor, der eine Tasse in der Hand hält, nicht trinkt - verdurstet. Er ist
nicht gestört, sondern krank!" Sicherlich, auch Störungen gibt es, wie die
multiple Persönlichkeitsstörung, die posttraumatische Belastungsstörung, die
Schlafstörung, die Essstörung, die Angststörung..." Aber einige hält er für
erfunden, sogar für bedenklich, die weit in das Gesunde reichen, z.B. die
antisoziale Persönlichkeitsstörung, das prämenstruelle Syndrom, das
frühkindliche Trotzverhalten, das Sissi-Syndrom, das Schatten-Syndrom...
Diese nur noch beschreibenden Befunde bezeichnete Professor Asmus Finzen als
"Rumpelstilzchen-Diagnostik". Was steckt dahinter? Es geht um den Aufbau
"störungsspezifischer Abteilungen", die das Überleben großer Kliniken
sichern sollen. Professor Dr. Eckart Rüther von der Psychiatrischen
Uni-Klinik Göttingen, angekündigt als "biologischer Psychiater", winkte
ebenfalls ab: "Biologische Psychiatrie existiert nur in den Köpfen! Sie ist
nicht von uns aufgebauscht worden." Seine Erfahrung aus der Praxis, geradezu
sozialpsychiatrisch und ökonomisch: "Eine Million Mark lassen sich
einsparen, wenn 50 Kranke vernünftig betreut und nachbehandelt werden." Sein
Spezialgebiet: der Schlaf. Er beklagt, dass wir fast täglich im Kollektiv
mit dem Wecker unsere Traumphase "abhacken". Leider, die Welt ist kein
Paradies. Sie hat ihre schrecklichen Seiten, auch störende. Der angekündigte
"Grabenkampf" zwischen Asmus Finzen und Eckart Rüther blieb aus. Das lässt
hoffen, um auf beiden Seiten gegen realitätsferne Projektemacher und
machtbesessene Gruppen Front zu machen.
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(3) Kommentar: "Wissenschaft kann töten"
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naps/rh: "Biologisch3 ist immer noch ein Reizwort, besonders wenn es um
die Psychiatrie geht. Kein Wunder, an der Erbbiologie der NS-Psychiatrie,
die zur Rechtfertigung der Aussonderung und Tötung psychisch Kranker diente,
wird deutlich: "Wissenschaft kann töten." (Zitat: Sonderband
Sozialpsychiatrische Information, "Der Krieg gegen die psychisch Kranken",
Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, 1989.) Wohin heute die boomende
Ursachenforschung psychischer Krankheiten tendiert, lässt sich anhand der
pränatalen Diagnostik erahnen. Föten, die Merkmale einer geistigen
Behinderung aufweisen, stehen bereits auf der Selektionsliste.
Möglicherweise stehen eines Tages Eltern vor der Entscheidung: ein
schizophrenes Kind austragen oder abtreiben? Fakt ist, die massiv
geförderten Anstrengungen in der Genforschung zielen darauf ab, die
Menschheit von chronisch Kranken und Behinderten frei zu machen. Dr. Michael
Wunder von der Evangelischen Stiftung Alsterdorf-Hamburg bezeichnet dies als
"eine Ethik der Ausgrenzung, eine Ethik der neuen Apartheid".
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(4) Schizophrenie-Gen: Sensation oder Wunschdenken?
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naps/lsm: Ein mit Schizophrenie in Verbindung stehendes Gen haben
isländische Forscher nachgewiesen. Das gab der Schweizer Pharma-Konzern
Roche kürzlich in Basel bekannt. Die Analyse führte das isländische
Unternehmen deCODE durch, das sich auf die Erforschung erblicher Ursachen
häufiger Krankheiten spezialisiert hat. Roche hat dafür eine nicht genannte
Summe gezahlt, und will anhand der Forschungsergebnisse neue Medikamente
entwickeln.
Quelle: Neuro-psychiatrische Nachrichten
http://www.medizin-forum.de
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(5) In Sachen Antistigma-Kampagne
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In Sachen Antistigma-Kampagne hat die Redaktion Lichtblick zahlreiche
Meinungen und Aktivitäten eingefangen. Sie alle helfen, die öffentliche
Meinung über psychisch kranke Menschen und ihre Angehörigen zu verbessern.
Einige möchten wir Ihnen hier vorstellen:
--> Asmus Finzen: "Die Meinung der Bevölkerung und die Vorurteile zu ändern,
ist sicherlich richtig. Dafür braucht man jedoch einen langen Atem. Noch
wichtiger ist, dass man zunächst den Kranken und Angehörigen hilft, die
stigmatisiert werden. Die Stigmatisierung ist so zu behandeln, als wäre das
eine zweite Krankheit. Hilfen zur Bewältigung gehören in jede Psychotherapie
und Selbsthilfearbeit. Den Betroffenen muss klar werden, dass die Vorurteile
auch in ihnen sind. Sie müssen sich aber den Schuh nicht anziehen. Sinnvoll
sind Kampagnen von unten, beginnend bei den Kranken und Angehörigen, über
die Nachbarschaft und Lokalpresse. Das ist auch ein wichtiges Ergebnis, was
aus dem Buch "Psychiatrie in der Zeitung" hervorgeht. In den Lokalteilen,
den meistgelesenen Rubriken der Tageszeitungen, kommt Schizophrenie
überwiegend als etwas vor, was mit Verbrechen zu tun hat; Brandstiftung,
Vergewaltigung und Mord. Man kann Kontakt zur Reaktion halten, Leserbriefe
schreiben, die Leute in die Kliniken oder in die Selbsthilfegruppen
einladen. Das ist der Punkt, wo man ansetzen muss." (Prof. Dr. med. A.
Finzen, renommierter Buchautor, ist stellvertretender ärztlicher Leiter der
Universitätsklinik Basel.)
--> Beatrice Alder Finzen, Abgeordnete des Kantons Basel-Stadt, hat sich mit
den Folgen der umgangssprachlichen Verwendung des Begriffes Schizophrenie
beschäftigt. Unter dem Titel
brachte sie per Handzettel folgende Argumentation im Umlauf: "Für meinen
Parlamentskollegen S., der mich durch eben diese Verwendung des Wortes als
Metapher dazu provoziert hat, diese Zeilen zu verfassen. Beatrice Alder
Finzen im Dezember 1999 / Als Metapher wird die Verwendung eines Wortes
außerhalb seiner eigentlichen Bedeutung verstanden. SCHIZOPHRENIE ist kein
Charakterzug sondern eine schwere, im allgemeinen gut behandelbare
Krankheit. Sie beeinträchtigt - solange sie unbehandelt ist - das Fühlen,
Wahrnehmen und Wollen-Können. Wenn das Wort schizophren - so wie es sich in
der Umgangssprache eingebürgert hat, verwendet wird, steht es im Allgemeinen
für . Daran hat die Verwendung
dieses Wortes in den Medien sowie die Darstellung von Schizophreniekranken
im Fernsehen (man denke nur an die Krimis!) keinen kleinen Anteil. Die
FOLGEN für die Kranken und ihre Angehörigen lassen sich leicht vorstellen.
Wenn jemand, der schizophreniekrank ist, deswegen als verrückt, gespalten,
gefährlich und in der Folge davon als unheimlich gilt, ist die Integration
in Gesellschaft und Arbeitswelt unmöglich. Ich hoffe, dass ich zum
Nachdenken anregen und dazu beitragen kann, die Verwendung des Wortes
schizophren (oder seine Abwandlungen wie z.B. schizo) zu vermindern. Denn
Schizophreniekranke und ihre Angehörigen verdienen unser Mitgefühl und nicht
Ausgrenzung oder Angst. BITTE KOPIEREN UND WEITERGEBEN
--> Herbe Kritik von Lesern einiger Wochenzeitschriften musste sich ein
Inserent einer diskriminierenden Werbeanzeige anhören. Der Deutsche Werberat
forderte das werbungtreibende Unternehmen zur Stellungnahme auf. Auszugweise
veröffentlicht Lichtblick hier die Beschwerde von "Irrsinnig Menschlich e.V.
- Verein für Öffentlichkeitsarbeit in der Psychiatrie", aus Leipzig:
Werbung der Deutschen BA im Spiegel Nr. 42 u. 43, im Focus Nr. 43 und in
Capital Nr. 22 diskriminiert psychisch erkrankte Menschen / Die Werbung der
Deutschen BA "Ich will günstig fliegen und trotzdem hervorragenden Service.
Bin ich schizophren?" in den genannten Medien verstößt unserer Auffassung
nach gegen die Menschenwürde. Es diskriminiert Menschen wegen ihrer
psychischen Krankheit und Behinderung. Ihre Zuständigkeit für den Protest
... ergibt sich aus den "Verlautbarungen des Deutschen Werberates zum Thema
Herabwürdigung und Diskriminierung von Personen, Fassung 1991".
Schizophrenie wird leider in sehr vielen Medien als Metapher verwendet. Es
stellt sich die Frage, warum nicht der eindeutige Begriff gewählt wird. Im
Slogan der Deutschen BA könnte es heißen: "Ich will günstig fliegen und
trotzdem hervorragenden Service. Bin ich zu anspruchsvoll?" Offenbar folgt
die Deutsche BA einer Mode, die Begriffe missbraucht, um Aufmerksamkeit
hervorzurufen. Mit dem Krankheitsbegriff hat die Metapher nichts zu tun,
doch das dazu gehörige Foto ist eindeutig: es zeigt einen völlig fertigen
Passagier und einen im Sessel sitzenden Therapeuten. ... Da die Medien
auffallend selten über schizophrene Erkrankungen informieren, scheint die
metaphorische Benutzung des Wortes "schizophren" dazu zu führen, dass die
soziale Repräsentation der Krankheit und damit die ungerechtfertigte
Stigmatisierung von erkrankten Menschen und deren Angehörigen
fortgeschrieben wird. Bitte sorgen Sie dafür, dass die Deutsche BA die
angesprochene Werbung einstellt und sich bei den an Schizophrenie erkrankten
Menschen und deren Angehörigen entschuldigt. / Manuela Richter-Werling
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(6) Medienprojekt: Totschweigen - Leben retten
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naps/rh: Unter dem Titel "Totschweigen - Leben retten" berichtet das
Deutsche Medienmagazin "Journalist" 11/2000, Seite 54, von einem
außergewöhnlichen Pilotprojekt zur Suizidvermeidung in München. Die
Verkehrsbetriebe erklärten: Die Medien können die Zahl der Suizide senken,
indem sie anders oder gar nicht über die Freitode berichten. Gundula Stoll,
Autorin des Beitrages, und Redakteurin im Münchner Journalistenbüro move
Communication, recherchierte: "Fest steht: Von insgesamt 48 U- und
S-Bahn-Selbstmorden in den vergangenen drei Jahren geschah genau die Hälfte
in einem zeitlichen Abstand von weniger als einer Woche. Für die Münchner
Verkehrsbetriebe ist der Zusammenhang zwischen Schlagzeile und neuen
Freitod-Versuchen eindeutig. Sie appellierten deshalb im Juli an alle
Medienvertreter, Sätze wie oder
mit dem Begriff
zu tarnen oder zu tilgen." In dem Beitrag wird auf eine
Wiener Studie hingewiesen, wonach die Zahl der U- und S-Bahn-Suizide in Wien
vom ersten auf das zweite Halbjahr 1987 durch solche Medienreaktion
schlagartig von 19 auf drei sank und sich seither auf niedrigem Niveau
stabilisierte. Zuvor hatte der Wiener Schienenverkehr die Lokaljournalisten
um mehr "Zurückhaltung" in der Berichterstattung gebeten - eine
Aufforderung, an die sich die meisten Redaktionen hielten. Auch die meisten
Münchner Redakteure wollen sich an das Moratorium des Medienprojektes halten
und abwarten, wie sich die Statistik entwickelt. Angesichts der Zahlen -
bundesweit nehmen sich jährlich mehr als 1.100 Menschen im Schienenverkehr
das Leben, ein Zehntel aller Suizide insgesamt, diskutiert derzeit der
Deutsche Presserat über eine bundesweite Regelung der Berichterstattung.
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(7) Ohne Kommentar: Psychiatrie in der Öffentlichkeit
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Quellen bzw. Namen sind der Redaktion bekannt!
"Psychiatrie - ein Horrorkabinett der Medizin. Psychisches Leiden ist keine
Krankheit." (Anti-Psychiatrie)
"Ich halte die Psychiatrie für eines der unklarsten Gebiete der
Wissenschaft." (Wissenschaftler)
"Das Problem ist, dass die Behandler mitunter selbst ein Rad abhaben."
(Bürger)
"Die Psychiatrie kämpft gegen die Psychologie. Diesen Streit müssen die
Patienten ausbaden." (Psychologe)
"Freud habe mehr Schaden angerichtet als Marx." (Wochenzeitschrift)
"Schizophrenie ist ein strategisches Etikett, wie es im
Nazi-Deutschland war..." (Psychiater/USA)
Ich will günstig fliegen und trotzdem hervorragenden Service. Bin ich
schizophren? Deutsche BA: Deutschlands vernünftige Airline. (Werbung,
Oktober/November 2000)
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(8) Aus der Postmappe: Ergebnis der Kosteneinsparung - Neuroleptika auf dem
Schwarzmarkt
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naps/mk: Geld ist überall knapp - davon bleibt auch die
Gesundheitspolitik nicht verschont. Sparmaßnahmen sind angesagt. Für
niedergelassene Ärzte und Psychiater bedeutet das: Sie haben einen Etat, und
wenn sie den überschreiten, müssen sie die Überschüsse aus eigener Tasche
bezahlen. Für Patienten bedeutet das: Sie können nur noch das absolute
Minimum an Hilfeleistung erwarten - seien dies Gespräche mit dem
behandelnden Arzt oder Medikamente. Im psychiatrischen Bereich trifft das
besonders die Menschen, die aufgrund einer psychotischen Phase auf
Neuroleptika angewiesen sind. Häufig stellen heute schon psychiatrische
Akutkliniken und -krankenhäuser auf die weit besser verträglichen atypischen
Neuroleptika ein, bevor die Patienten entlassen werden. Keine Frage: Dadurch
verkürzen sich meisst auch die stationären Behandlungszeiträume, weil viele
Patienten sich subjektiv besser und aktiver fühlen. Dann allerdings kommt
das Kostenloch: Viele niedergelassene Psychiater weigern sich, PatientInnen
aufzunehmen, die auf Atypika eingestellt sind. Sie scheuen das Kostenrisiko
und eine Etat-Überschreitung. Inmitten dieses Etat-Schachspiels zwischen
Akutklinik und niedergelassenen Fachärzten bleiben die Patienten mal wieder
auf der Strecke. Sie, die Geschwächten und ohnehin in ihrer Lebensführung
Eingeschränkten sind es, die sich um einen ambulanten Arzt kümmern müssen,
der sie aufnimmt. Was bleibt, wenn kein Psychiater einen Patienten aufnehmen
will, der nichts weiter als regelmäßig ein Rezept für ein stützendes
Medikament braucht, um ein lebenswertes Leben zu führen? Einige haben jetzt
das Internet entdeckt. So bat eine Angehörige im Usenet um Hilfe für ihre
Schwester, die seit kurzem nach einem akuten psychotischen Schub aus der
Klinik entlassen wurde und nun keinen Arzt findet, der bereit ist, sie als
Patientin ambulant zu behandeln. Der Grund: Sie ist auf Zyprexa eingestellt.
Die Betroffene und ihre Angehörigen sind inzwischen mit den Nerven am Ende.
Ein Rückfall in die Psychose ist so gut wie sicher, wenn sich nicht bald ein
ambulant behandelnder Psychiater findet, der bereit ist, die Kostenkämpfe
gegenüber der Krankenkasse auszufechten. Und sie bekam ein Angebot aus dem
Usenet: "Ich habe noch von Zyprexa 10 Tabletten a 5 mg und 28 Tabl. a 2,5
mg, die ich nicht mehr brauche (ich nehme mittlerweile Solian). Bei
Interesse postet Eure Postadresse zwecks Zuschicken ..." Schwarzmarkt im
Internet - gleichgültig ob gefährlich oder illegal. So lange niedergelassene
Ärzte mit Kostenrestriktionen "im Zaum" gehalten werden, ist die Verbreitung
derartiger "Over-the-Counter"-Handelspraktiken mit verschreibungspflichtigen
Neuroleptika vorprogrammiert. Und dies gar nicht mal hinter der schwarzen
Maske irgendwo in der Gosse, sondern in einem öffentlichen Forum. Das sollte
zu denken geben, denn es ist auch eine Chance: Auf die Milchmädchenrechnung
des Gesundheitsministeriums aufmerksam zu machen. In Hessen ist die erste
Hürde bereits geschafft. Dort haben niedergelassene Psychiater durchgesetzt,
dass die atypischen Neuroleptika vom "gesundheitspolitischen Sparschwein"
ausgenommen werden. Zahlreichen Menschen haben sie damit zu mehr
Lebensqualität verholfen. Das einzige Bundesland ohne PsychKG fährt in
dieser Hinsicht ausnahmsweise mal eine Pioniermission. Ob andere diesem
Beispiel folgen, liegt an jedem und jeder von uns: Nur die Betroffenen und
deren Angehörige haben die Kompetenz und Expertise, diese Veränderungen
durchzusetzen. Den Psychiatern in Hessen ist das schließlich auch nicht als
Gutenachtgeschichte eingefallen...
Marianne Kestler, 7. November 2000
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(9) NRW: Gesamtkonzept für den Massregelvollzug
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naps/nrw: Noch in diesem Jahr wird die Landesregierung NRW ein
Gesamtkonzept für den Massregelvollzug vorgelegen und die notwendigen
Entscheidungen über neue Standorte treffen. Darauf hat Ministerpräsident
Wolfgang Clement anlässlich einer auswärtigen Sitzung des Landeskabinetts in
der größten deutschen Klinik für forensische Psychiatrie in
Lippstadt-Eickelborn hingewiesen. Die Mitglieder der Landesregierung
besuchten die forensischen Stationen und führten Gespräche mit
Gemeindevertretern, Beschäftigten, Patienten, dem Beirat und
Bürgerinitiativen. Ministerpräsident Wolfgang Clement: "Wir brauchen
zusätzliche Plätze im Massregelvollzug, um Sicherheit und Therapie zu
gewährleisten. Das geht nur dann, wenn wir den Massregelvollzug als eine
gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreifen. Wir dürfen die Verantwortung
nicht allein bei den Gemeinden abladen, die heute bereits Standorte
forensischer Kliniken sind."
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(10) Kann Insektizid Parkinson verursachen?
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Das organische Insektizid Rotenon hat in Versuchen mit Ratten Symptome
hervorgerufen, die denen der Parkinson Krankheit sehr ähnlich sind. Wie
amerikanische Wissenschaftler in der Zeitschrift "Nature Neuroscience"
berichten, führte die Infusion dieses Toxins bei der Hälfte der
Versuchstiere zur Degeneration der in der substantia nigra vorhandenen
Dopamin-produzierenden Zellen. Der Untergang dieser Zellen führte
schließlich zu den klassischen Symptomen der Parkinson Krankheit. Ob dieses
Insektizid auch beim Menschen toxische Wirkungen hervorrufen könnte, ist
nicht bekannt, die Untersuchung stellt aber zumindest den Gebrauch dieser
Art von Toxine in Frage.
(Quelle: AFP)
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(11) Termine
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--> BERLIN: Pressekonferenz zur "2. Armutskonferenz von unten" morgen, am
Dienstag, den 14. November, 11 Uhr, im Stadtteiladen zielona gora,
Grünberger Str. 73, 10245 Berlin. Die eigentliche Armutskonferenz, diesmal
mit Betroffenen auf dem Podium, findet vom 18. bis 19.11. im Blauen Salon,
Franz Mehring Platz 1, jeweils von 10 bis 19.30 Uhr statt.
http://www.nadir.org/nadir/initiativ/fels/laden
--> STRALSUND: Öffentliche PSAG Sitzung, AG Geistige Behinderung, 30.
November, 13.00 bis 15.00 Uhr, Dat Inselhus, Lübecker Allee 56, 18437
Stralsund, Tel. 03831-44 49 70-2, u.a. Vorstellung des Konzeptes "Dat
Inselhus", Psychosozialer Wegweiser.
--> DÜSSELDORF: Internet-Tag für Behinderte, "Inter-'nett' für alle!?" -
unter diesem Motto veranstaltet die Arbeitsgemeinschaft "Der Verein der
Behinderten" am 1. Dezember,14 Uhr, im Düsseldorfer Medienzentrum einen
Informationstag für Betroffene. Anlass ist der "Tag der behinderten
Menschen" am 3. Dezember. Im Rahmen von Podiumsgesprächen und Kurzreferaten
sollen Menschen mit allen Arten von Behinderungen an das Medium Internet,
seine Möglichkeiten und seine Grenzen herangeführt werden. Für Hörbehinderte
steht ein Gebärdendolmetscher zur Verfügung. Info: Tel 0211-63 15 32 oder
780 24 48/50.
--> GÜTERSLOH: Kraft schöpfen durch Wohlbefinden, Symposium für Angehörige
psychisch kranker und behinderter Menschen, Samstag, 25.11.00, Westf. Klinik
für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Neurologie Gütersloh,
Veranstalter: Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Themen, u.a. Chinesische
Medizin, Aroma- und Bewegungstherapie, Anmeldung: Tel. 0251- 591-65 95,
E-Mail: m.stöber@lwl.org
--> INDIEN (AGRA): XVII World Congress Socialpsychiatry, Agra (Indien), 27
bis 31 Oktober 2001, Schwerpunkt: "Science, Psychiatry & Society: Search for
Synergy", Deadline für aktive Teilnahme: 30.6.2001.
http://www.17thwaspcongress.com
E-Mail: wasp_congress@vsnl.com.
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(12) Kurz & bündig
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--> Homepage Früherkennungszentrum für psychotische Krisen an der Klinik für
Psychiatrie und Psychotherapie der Universität zu Köln: http://www.fetz.org
--> Prof. Dr. Jörg Fegert, Universität Rostock, ist auf die C4-Professur für
Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm berufen worden.
--> In Münster gründete sich der "Arbeitskreis gegen Grenzverletzungen in
Psychotherapie, Beratung und Ausbildung e.V." Er will Klienten gegen
Machtmissbrauch schützen. Kontakt: Grevenerstr. 89, 48149 Münster, Tel.
0251-27 98 16
--> Diskriminierende Veröffentlichungen in Presse, Film oder Fernsehen
können an "SANE Stigma Watch" gemeldet werden. Sane arbeitet mit dem World
Psychiatric Association Global Program against Stigma und mit NAMI zusammen.
http://www.sane.org
--> Der Polnisch-Deutsche Internetservice "Rehabilitation" widmet sich der
Problematik der Rehabilitation und sozialer Reintegration der psychisch
Kranken. Der Service wurde von zwei Partnervereinen, die sich mit der
psychiatrischen Rehabilitation beschäftigen, entwickelt: "Reha-Verein"
(Deutschland) und Verein "Pomost" (Polen).
http://www.reha.pomost.cz.pl
--> In Münster feierte die Deutsch-Polnische Gesellschaft für Seelische
Gesundheit ihr 10jähriges Jubiläum. Aus der grenzüberschreitenden
Zusammenarbeit in der Psychiatrie haben sich Kontakte, Freundschaften und
die gemeinsame Zeitschrift "Dialog" entwickelt. Die Redaktion leitet Sabine
Radtke-Götz, Bodelschwinghsche Anstalt Bethel, PF 13 02 28, 33545 Bielefeld,
E-Mail: terach.bethel@gmx.net
--> Bericht vom 63. Deutschen Juristentag in Leipzig (u.a.
Patientenverfügung, Einwilligungsfähigkeit)
http://www.hospizberatung.de
--> Nachdenkliches, Provokantes oder nur Abzockerei?
Freie Radikale: Die Ursache praktisch aller Krankheiten (?)
http://www.businesspark.org/Gesundheit_ist_machbar/INFO-FreieRadikale.htm
Psychisch gestört oder arbeitsbedingt krank?
http://home.t-online.de/home/bruno.hennek/infos.htm
--> E-Mail an Lichtblick: Ich bin Gerhard und bin Alkoholiker. Meine Website
"Sprungbrett Sucht" http://www.gluksch.de beschäftigt sich primär mit dem
Thema Alkoholismus. Seit dem 1.11. habe ich eine Linkliste installiert,
welche auf andere Süchte und auf verwandte Themen, wie Angst und Panik,
Borderlinstörungen, Psychosen etc. aufmerksam machen soll. Denn das Saufen
ist nur die Spitze des Eisberg.
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(13) Der aktuelle Buchtipp
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"Psychiatrie in der Zeitung / Urteile und Vorurteile", Ulrike
Hoffmann-Richter, Edition Das Narrenschiff, ISBN 3-88414-295-X, 420 Seiten,
49.80 DM (49.80 sFr/364 öS)
"Psychose und Stigma / Stigmabewältigung - zum Umgang mit Vorurteilen und
Schuldzuweisung", Asmus Finzen, ISBN 3-88414-254-2, 200 Seiten, 24.80 DM (23
sFr/181 öS)
"Wenn die Seele neue Kraft braucht. Wie aus Urlaub und Freizeit Erholung
wird." / Stark, Michael / Sandmeyer, Peter, Rowohlt Verlag, 222 S., 29,80 DM
"Innovation im Arzneimittelmarkt", Jürgen Klauber, Helmut Schröder, Gisbert
W. Selke (Hrsg.), 254 S., 98 DM, ISBN 3-540-67706-2, Springer-Verlag Berlin
Heidelberg New York.
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IMPRESSUM
Lichtblick-newsletter: naps - Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe
Herausgeber: Landesverband Mecklenburg-Vorpommern
der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker e.V. (LApK)
Vorsitzende: Ulrike Schob
mailto:ulrike.schob@lichtblick-newsletter.de
Verantwortlicher Redakteur: Roland Hartig
mailto:roland.hartig@lichtblick-newsletter.de
Tel/Fax +49(0)381 - 72 20 25 / Mobil: +49(0)170 - 29 55 040
D-18106 Rostock, Henrik-Ibsen-Str. 20
INTERNET --> http://www.lichtblick-newsletter.de
Webmaster: Thomas Greve
mailto:webmaster@lichtblick-newsletter.de
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