Die Selbsthilfe-Arbeit in Deutschland ist traditionell schwierig, da sie sich von wenigen populären Einzelfällen abgesehen vielfach mit existentiellen Nöten plagen muß. An erster Stelle stehen dabei die Finanzierungssorgen. In jüngerer Zeit kommen neue Problemfelder hinzu: Zunehmend tummeln sich Sekten auf dem Markt der medizinischen Selbsthilfe. Die Intention ist leicht nachvollziehbar. Analysiert man die Mitgliederstruktur von Selbsthilfegruppen wird man feststellen, daß sich bestimmte Personengruppen verstärkt in der Mitgliederklientel befinden. Hier sind zum einen die besonders an ihrer Gesundheit Interessierten zu nennen, die vielfach auch in weiteren Verbänden gleichermaßen engagiert sind und sich ein möglichst umfassendes Bild zu Krankheits- bzw. Gesundheitsthemen verschaffen wollen.
Aber es findet sich auch eine Gruppe von Menschen, die einen besonders hohen Leidensdruck erfahren haben und sich nicht nur an jeden Strohhalm klammern, der einen Hoffnungsschimmer beinhaltet, sondern die auch empfänglich genug sind, externe Hilfen und Heilsversprechungen aufzunehmen und bereit sind, daran zu glauben. Dabei geben sie wichtige persönliche Daten preis, die ansonsten verschwiegen werden. Ein gefundenes Fressen für Anbieter/innen jedweder Art von Produkten und Ideologien.
Der Deutsche Allergie- und Asthmabund e. V. (DAAB) erkannte diese Problematik bereits vor vielen Jahren und steht deswegen im regen Austausch mit anderen Verbänden der medizinischen Selbsthilfe. Dabei wird eine Tendenz deutlich. Im Sog der alternativen Heilmethoden treten neben klassischen - auch teilweise wissenschaftlich anerkannten Methoden - zunehmend esoterisch oder ideologisch geleitete Angebote auf. In Fernsehberichten der letzten Zeit wurden Diagnostik- und Therapieverfahren kritisch beleuchtet, bei denen sich die Erfinder/innen oder Vermarkter in der "Scientology Church" aktiv - auch finanziell - engagieren. Ein weiteres Beispiel ist das einer Fundraising-Agentur, die mit ihren Online-Diensten bundesweit an Patientengruppen herantrat und diesen einen kostenlosen Auftritt im Internet versprach. Voraussetzung war, daß die Verbände ihre Ansprechpartner/innen namentlich benannten. Diesem Schritt folgte dann ein weiterer: Man wolle Selbsthilfegruppen helfen, eine Mitgliederverwaltung sowie eine Spendendatei aufzubauen. Hierfür sollten die Verbände die entsprechenden Stammdaten - also Adressen und nähere Angaben über Mitglieder und Spender/innen - per Diskette übersenden. Versprochen wurde natürlich, daß diese Daten mit größtem Vertrauen behandelt werden würden. Als es erste Hinweise auf eine enge Beziehung des entsprechenden Unternehmens zu Scientology gab, hatten vor allem kleine Verbände bereits dankbar auf dieses Angebot zurückgegriffen.
In weiteren Fällen berichteten Selbsthilfegruppen, daß sich ehrenamtliche Helfer/innen, von denen sie erst später erfuhren, daß sie praktizierende Scientologen sind, als Leiter/innen von Ortsgruppen anboten bzw. bereits engagierten. Und dies in einer Zeit, in der es zunehmend schwerer fällt, aktive und dabei auch kompetente ehrenamtliche Mitarbeiter/innen zu finden. Wer hinterfragt da schon kritisch einen seriös wirkenden Freiwilligen oder eine seriös wirkende Freiwillige?
Auch hierzu ein Beispiel: In einem Patientenverband gab es vor einigen Jahren in Baden-Württemberg eine lokale Tendenz zu einem bestimmten alternativen Heilverfahren, das von unabhängigen Quellen eng mit Scientology in Verbindung gebracht wurde. Dabei wurde auch ein Arzt, der sich gerade frisch in diesem Verband ehrenamtlich engagierte, in Verbindung mit Scientology gebracht. Der Verband war ratlos und suchte Hilfe bei einer Sektenbeauftragten. Diese riet, ein Formular zu nutzen, in dem der Arzt unterzeichnet, nicht nach den Lehren von Ron Hubbard (dem Scientology-Begründer) zu arbeiten und zu leben. Die Beauftragte erläuterte der Gruppe, daß ein solches Formular im tatsächlichen Fall nie unterzeichnet würde. Um ihn vor weiteren Gerüchten zu schützen und ihm den Rücken zu stärken, wurde der Arzt gebeten, diesen Vordruck zu unterzeichnen. Eine reine Formsache. Er verweigerte jedoch die Unterschrift, legte sofort sein Amt nieder und kündigte umgehend seine Mitgliedschaft. Wie aber sollen Patientengruppen wissen, woran sie sind?
Gerade das Beispiel "Scientology Church" hat in den letzten Jahren gezeigt, wie schwammig die Grenze von Vermutung, Gerücht und Diffamierung ist. Gerade in der Wirtschaft zeigte sich, daß kaum etwas effektiver ist, als an passender Stelle einen unliebsamen Konkurrenten oder eine unliebsame Konkurrentin mit dem Gerücht zu belasten, er oder sie sei Scientologe oder Mitglied einer wie auch immer gearteten Sekte. Und auch Selbsthilfegruppen können sich bei einer ehrlichen Reflexion ihrer Verbandsstruktur nicht davon frei sprechen, Neid und Mißgunst in den eigenen Reihen zu wissen. Hier ist viel Raum für Spekulationen. Und dennoch ist es wichtiger denn je, diese Problematik zu kennen und nicht zu negieren. Über die Aktivitäten der "Scientology Church" im Rahmen der Psychiatrie respektive entsprechender Gruppierungen wurde vielfach in den Medien berichtet. Daß nun weitere medizinische Felder folgen, erscheint logisch.
Im Deutschen Allergie- und Asthmabund e. V. haben wir uns mit diesem Thema inhaltlich lange auseinandergesetzt. Wir wissen, daß der DAAB als ältester Verbraucher- und Patientenverband ein für unseriöse Machenschaften "attraktives Klientel" sowie eine sehr gute Reputation besitzt. Um Infiltrationen jedweder negativer Art einen Riegel vorzuschieben, wurde eine Ergänzung in der DAAB-Satzung beschlossen. Daher findet sich seit Februar 1999 der nachfolgende Zusatz in der Präambel: "Der DAAB ist unabhängig und frei in seiner wissenschaftlichen Meinungsbildung und in der Organisation demokratischen Grundsätzen verpflichtet. Nicht aufgenommen werden dürfen Personen oder Gemeinschaften, die sich zu Ideologien, Unternehmenszielen oder Parteien bekennen, die den Grundsätzen des DAAB, der Freiheit und Demokratie widersprechen."
In dieser Form gilt die Satzung des Deutschen Allergie- und Asthmabundes e. V. (DAAB) inzwischen für andere Verbände und Organisationen als ein mögliches Vorbild, um ihre Mitglieder zu schützen. Denn: Durch die Integration entsprechender Satzungs-Vermerke kann der jeweilige Verband schnell reagieren und die Daten der Mitglieder und derjenigen, die Beratung erhalten, schützen. Den Umgang mit diesen Themen sollte natürlich jede Institution so handhaben, wie es für sie sinnvoll oder verträglich ist. Wichtig ist es jedoch zu bedenken, daß der Umgang mit kranken Menschen für bestimmte Zielgruppen von hohem Interesse ist. Sei es, um sich Datenmaterial zu erschleichen, sei es, da sie unter dieser Mitgliederstruktur ihre spezielle Zielgruppe labiler und/oder verzweifelter Menschen wissen, die leichter mit Heilsversprechungen zu ködern sind. Dies betrifft nicht nur Sekten, sondern auch Scharlatane jedweder Art sowie ausschließlich kommerziell ausgerichtete Anbieter/innen, die losgelöst von jeder Seriosität ihres Angebotes an diesen Menschen nur verdienen wollen. Hier müssen wir zum Schutz derer, die unsere Hilfe suchen, uns mit aktuellen Strömungen intensiv beschäftigen, um die notwendige Obacht zu gewährleisten. Nicht zuletzt aus diesen Beweggründen finden wir in den letzten Jahren zunehmend Anbieter/innen zweifelhafter Therapiemethoden, die ihre eigenen "Patienten" oder dreister die eigene Arzthelferin/Sekretärin zur Gründung einer neuen Selbsthilfegruppe motivieren, um auf diesem Wege das hohe Lied auf den Wunderheiler (sich selbst) zu verbreiten und so Wartezimmer und Portemonnaie zu füllen. Der Deutsche Allergie- und Asthmabund e. V. kann deswegen nur raten, vorsichtig mit jedwedem Angebot umzugehen, das Ihnen anscheinend nur Vorteile bringt. Informieren Sie sich intensiv, bevor Sie wichtige persönliche Informationen preisgeben.
Über die Sektenbeauftragten in Ministerien oder Kirchen erhält man zum Thema Scientology jenen Vordruck, mit dem der/die Betreffende bestätigen kann, daß er/sie nicht nach den Lehren von Ron Hubbard (dem Scientology-Begründer) lebt und arbeitet.
Andrea Wallrafen
Deutscher Allergie- und Asthmabund e.V.
Bundesgeschäftsstelle
Fliethstraße 114
41061 Mönchengladbach
Tel.: 0 21 61 - 81 49 40
Fax: 0 21 61 - 81 49 430
E-Mail: info@daab.de
Internet: http://www.daab.de
(c) NAKOS-INFO 66 März 2001
Selbsthilfearbeit im Visier der Sekten, NAKOS-INFO Nr. 66, S 14 bis 16.
Mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberin:
NAKOS - Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
Albrecht-Achilles-Straße 65
10709 Berlin Tel: 030 - 891 40 19 Fax: 030 - 893 40 14
E-Mail nakos@gmx.de
Internet http://www.nakos.de
Telefonische Sprechzeiten
Di, Mi, Fr 09:00 - 13:00 Uhr, Do 13:00 - 17:00 Uhr
|