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Beiträge (Gesamtübersicht) Stigma-Management Redaktion 06.11.2003
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Bericht

Gegen die Bilder im Kopf


1. Internationaler Filmworkshop
von Medienmachern für Menschen
mit Schizophrenie aus der Slowakei
und Deutschland, Michalovce Sommer 2002

Text: Manuela Richter-Werling
Fotos: Norbert Göller und Lutz Reinboth


Abschlussfest (Foto, unten): Wir haben eine kleinen Dampfer gemietet, tuckern über die Sirava, dem Stausee bei Michalovce. Essen und Trinken haben wir mitgebracht. Unser letzter gemeinsamer Tag mit den Slowaken geht zu Ende. Es regnet. Die Stimmung ist gedrückt. Abschied zu nehmen fällt uns schwer, obwohl wir auch erschöpft sind von der intensiven Arbeit im Filmworkshop, von der Intensität der Begegnungen. Unser Dampfer ist inzwischen weit weg vom Ufer. Jetzt übernehmen Lenka Besterciova aus Michalovce und Lutz Reinboth aus Leipzig das Steuer des Dampfers. Lenka hält das Steuerrad sehr fest, will es gar nicht wieder aus der Hand geben.

"Unser Schiff wird auch schwimmen, wenn Sturm und Gewitter aufkommt. Wir gehen nicht unter. Ich danke euch allen für eure Geduld, Liebe, Freundschaft, Übergabe von Wissen und vor allem für das wirkliche Aufnehmen des Lebens von uns Klienten, unserer Aktivitäten, Interessen und alltäglichen Dinge. Ich hoffe, dass ihr wieder kommt und wir weiter mit der Kamera arbeiten. Bei den Dreharbeiten in der Psychiatrie möchte ich unbedingt dabei sein", schreibt sie wenige Tage später an uns.


Stigma ist grenzüberschreitend

Trotz der Sprachbarriere haben wir uns wahrscheinlich deshalb so schnell mit den Slowaken verstanden. Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Menschen mit psychischen Krankheiten gibt es in der Slowakei genauso wie in Deutschland. Aber auch Menschen, die das ändern wollen: Lenka Besterciova, Martinka Cifrulakova, Rudolf Mikula und die anderen sieben Frauen und Männer aus der slowakischen Antistigma-Initiative »Öffnet die Türen, Öffnet eure Herzen« (NGO), Lutz Reinboth und Sven Ramos von »Irrsinnig Menschlich e.V.« aus Leipzig; der Journalist Norbert Göller und sein Filmteam aus Dresden.

Wir alle sind überzeugt davon: Der Filmworkshop wird fortgesetzt. Anträge an Stiftungen zur Finanzierung sind eingereicht, ein Flyer zum Filmworkshop in Slowakisch, Deutsch und Englisch erstellt und ein erstes Video, das die Arbeit des Filmworkshops dokumentiert.


Am Anfang war ein Drehbuch:
»Der Boss ist der Patient«

Rückblick: Im Februar dieses Jahres rief mich der Dresdner Filmemacher Norbert Göller an. Er hätte eine ergreifende Geschichte über den Psychiater und Psychiatriereformer Petr Nawka und seine Klienten aus Michalovce in der Slowakei. Er sei schon dort gewesen, habe gedreht und das Thema verschiedenen Fernsehsendern angeboten - erfolglos. "Könnte »Irrsinnig Menschlich e.V.« nicht etwas machen, schließlich engagiert Ihr Euch für Öffentlichkeitsarbeit in der Psychiatrie." Wir verabredeten, dass er zunächst einmal das Drehbuch schickt: "Der Boss ist der Patient".

Tatsächlich eine ergreifende Geschichte. Petr Nawka wird - mehr durch Zufall - 1988 beauftragt, ein Konzept für die damals noch im Bau befindliche Klinik für Psychiatrie in Michalovce zu entwickeln. Für ihn gibt es "keine Gesundheit ohne seelische Gesundheit. Sie ist keine Randerscheinung des Lebens, sondern sollte zu einer Priorität der Gesellschaft werden." Nawka setzt auf radikale Reformen, setzt ein neues Psychiatriegesetz in der Slowakei durch - das einzige in Mittel- und Osteuropa -, schafft geschlossene Abteilungen ab, führt Patientenvertretungen ein, Therapiepläne sowie »Hefte der Beunruhigung«, in denen Patienten ihre Erfahrungen mit Stigma festhalten.

"Wir haben auch einen Boss und der ist der Patient. Das ist der Grundgedanke der Reform, dass man von den Bedürfnissen der Patienten ausgehen muss." Die Genfer Initiative für Psychiatrie, eine weltweite Initiative gegen den politischen Missbrauch der Psychiatrie, wählte die Psychiatrische Klinik in Michalovce aus für ein Pilotprojekt einer umfassenden Psychiatriereform in Ost- und Mitteleuropa.

Im März 2002 weilte Petr Nawka in Dresden und leitete dort einen Workshop zum Thema "Entstigmatisierung". Nawka, der aus Bautzen stammt und vor mehr als zwanzig Jahren aus Liebe zu seiner Frau in die Slowakei zog, geht vom "Tetralog-Modell" aus. Tetralog bedeutet "Dialog von vier Seiten": der Klienten, Professionellen, Angehörigen und der Gesellschaft. Dabei spielt die Gewinnung der Öffentlichkeit eine entscheidende Rolle. Denn die Integration psychisch kranker Menschen gelingt nur, wenn die Öffentlichkeit dazu bereit ist. Petr Nawka, Chefarzt der Klinik für Michalovce, weiß wovon er spricht. Als Sorbe in der DDR, als psychisch kranker Student, als Deutscher in der Slowakei, als Psychiatriereformer - Nawka, der große, dennoch unscheinbare Mann mit dem offenen, freundlichen Gesicht ist immer in der Minderheit, muss sich behaupten, fast wie seine Klienten. Einige von ihnen hatte er nach Dresden mitgebracht.

Dort trafen wir uns mit dem Filmemacher Norbert Göller und verabredeten, ein deutsch-slowakisches Antistigma-Projekt zu starten, wenn möglich schon im Sommer. Da die Klienten in Michalovce gerade eine "Medienwerkstatt" gründen und »Irrsinnig Menschlich e.V.« bereits Erfahrungen in der Medienarbeit hat, lag es auf der Hand, genau dazu einen Workshop zu konzipieren. Dank der Förderung durch die Robert-Bosch-Stiftung kam der erste Filmworkshop »Gegen die Bilder im Kopf« vom 11. bis 24.Juli 2002 in Michalovce zustande, einer Stadt mit 40 000 Einwohnern im Ostzipfel der Slowakei.


Medienarbeit mit und für Menschen
mit psychischer Krankheit

Insgesamt sind drei Workshops geplant. Ihr Ziel: Menschen mit psychischer Krankheit zu motivieren, von ihrem Presserecht und ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen, sie für offensive Öffentlichkeitsarbeit zu qualifizieren, die Öffentlichkeit über die Lebenssituation psychisch kranker Menschen zu informieren, Medienmacher für den Alltag psychisch kranker Menschen zu sensibilisieren, Strukturen für die Integration psychisch kranker Menschen zu schaffen.

Die zwölf Teilnehmer des Filmworkshops in Michalovce, alle sind chronisch erkrankt und leben von Rente oder Sozialhilfe, setzen sich in den Workshops mit den journalistischen, technischen und handwerklichen Grundlagen der Medienarbeit auseinander. Sie lernen mit einer digitalen Kamera umzugehen, am Schnittplatz zu arbeiten und selbst Filme herzustellen. Sie hinterfragen die Wirkung von Medien, um offensiv gegen Vorurteile, Klischees und Tabus vorzugehen. Erstes Ergebnis wird ein von Medienmachern und Klienten gemeinsam hergestellter Film »Gegen die Bilder im Kopf« sein, der die Arbeit der Medienwerkstatt modellhaft dokumentiert. Dieser Film wird 2003 internationale Premiere haben.

Die erste selbständige Aufgabe der Medienwerkstatt wird die kritische Begleitung des dreijährigen niederländischen Pilotprojekts "Transformation in ein System humanitärer Psychiatrie" in Michalovce sein. Die Berlinale und auch der Berliner Verleih Salzgeber & Medien haben ihr Interesse an dem Film signalisiert. Das lässt hoffen auf eine Festival- und Kinoauswertung.

Und auch die Zeichen für eine Auslandsauswertung stehen gut: 2003 ist von der EU zum Jahr des behinderten Menschen ausgerufen worden. Zugleich wird das gesamte Material auf einer DVD zusammengefasst, nutzbar für Klienten- und Angehörigenorganisationen, Mitarbeiter der psychiatrischen Versorgung, Medienmacher und andere Interessierte.

Mittlerweile konnten wir auch den MDR für das Vorhaben begeistern: »Irrsinnig Menschlich« ist die Überschrift für den vom Sender für 2003 bei Arte eingereichten Themenabend Psychiatrie. Einer der Filme wird vom Reformwerk Petr Nawkas, seinen Klienten und ihrer Medienwerkstatt in Michalovce erzählen.


Zuletzt noch einige Eindrücke vom ersten Workshop
im Juli 2002 in Michalovce:

Die Macht über die Bilder verleiht Selbstbewusstsein

Ergreifend der Moment, als die Klienten die Kamera erstmals in den Händen halten, Bilder machen und sich auf dem Monitor sehen. Überraschend, wie schnell sie sich die Technik aneignen, mit der Kamera souverän umgehen, das »Kleine groß«, das »Große klein« machen. Die Kamera verleiht ihnen Stärke und Selbstbewusstsein. Sie verkehren die Rollen, organisieren eine Talkshow: Sie stellen die Fragen an die Medienmacher, alle Fragen sind erlaubt. Die Medienmacher können sich nicht mehr hinter Mikrofon und Kamera verschanzen, sie müssen Herz zeigen, Grenzen respektieren. Die Klienten haben die Fäden in der Hand, führen das Gespräch, zeichnen es mit der Kamera auf, sind beeindruckt, wie souverän sie in dieser Rolle wirken. Ihr Wunsch für den nächsten Workshop: Sich gegenseitig zu porträtieren, davon zu erzählen wie sehr die Krankheit ihr Leben verändert hat.

Der Workshop fand auf Wunsch der slowakischen Teilnehmer in der Klinik für Psychiatrie statt. Wir hatten keine Minute das Gefühl, dort zu stören oder besonders leise sein zu müssen. Die Atmosphäre in der Klinik war lebhaft, ungezwungen, völlig normal.

Stigma ist grenzüberschreitend. Verständnis und Toleranz sind es auch! Eine tiefgreifende Erfahrung für alle Teilnehmer des Filmworkshops zu erleben, wie wir langsam aber sicher einen gemeinsamen Weg dafür finden und gehen. Gleich, ob einer krank ist oder nicht. Was zählt, ist das, was uns verbindet: Offenheit, Verständnis, Vertrauen, Hoffnung, Mut, Fantasie, Humor. Menschlichkeit! Ein Wort, was ich nicht gern benutze, weil es abgegriffen ist. Aber für unsere Begegnung in Michalovce ist es das beste Wort, was es gibt.


Der nächste Workshop findet Ende September 2002 statt.


Kontakt zum Projektteam: Irrsinnig Menschlich e.V.

Manuela Richter-Werling

Tel. (03 41) 2 22 89 90
E-Mail: info@irrsinnig-menschlich.de
Internet: www.irrsinnig-menschlich.de



Norbert Goeller

Tel. (03 51) 8 01 54 30
E-Mail: info@film-script.net
Internet: www.film-script.net

Dr. Manuela Richter-Werling ist Geschäftsführerin des »Irrsinnig Menschlich e.V. - Verein für Öffentlichkeitsarbeit in der Psychiatrie«, Journalistin und eine der Initiatorinnen des Filmworkshops.

Gespannt auf Michalovce - Sven Ramos, Manuela Richter-Werling und Lutz Reinboth vom Irrsinnig Menschlich e.V. Leipzig.

Wo kann an sich besser kennenlernen als beim Baden? Klienten, Medienmacher, Ärzte, Slowaken, Deutsche, Menschen!

Mit der Kamera das Große klein machen und das Kleine groß machen - Brainstorming auf Slowakisch und Deutsch.

Lenka, Ramos, Milos und Immrich erobern die Kamera.

Dr. Petr Nawka, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie in Michalovce und Initiator der slowakische Antistigma-Initiative "Öffnet eure Türen, öffnet eure Herzen".

Wir machen einen Plan...Teambesprechung.

Medienmacher in Aktion.

Rudolf und Martinka von "Öffnet eure Türen, öffnet eure Herzen".

Ramos und Josef.

Das Filmteam Eckard Reichl, Norbert Göller, Peter Hegewald.

Abschlußfest auf der Sirava - Lenka aus Michalovce und Lutz aus Leipzig übernehmen das Steuerrad.




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