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Krisen, die im Dunklen ablaufen - Angehörige zwischen den Fronten
Zugegeben: Mein Beitrag "Krisen, die im Dunklen ablaufen - Angehörige zwischen den Fronten" hört sich etwas militant an. Ist er aber nicht. Mir geht es darum, den Blick über den Tellerrand zu schärfen, in Richtung der Menschen, die mit Psychiatrie- oder Psychoseerfahrenen Freude und Leid teilen, die mit ihnen leben, mit ihnen verwandt oder freundschaftlich verbunden sind. Und die Sorgen beginnen nicht erst mit der Klinikeinweisung des Patienten, auch nicht mit dem Gang zum Psychiater oder in eine Beratungsstelle. Sie beginnen viel früher, wie dieser Hilferuf verdeutlicht:
(Zitat) "Wir suchen Hilfe für einen Freund, der seit einiger Zeit arbeitslos ist, und sich in seiner Wohnung einschließt und nicht bereit ist, sich helfen zu lassen. Wie können wir sein Vertrauen gewinnen bzw. wie können wir ihn dazu bringen, mit uns zu sprechen. Er macht weder seine Wohnungstür auf, noch nimmt er seine Telefonate entgegen. Auch zum Arbeitsamt geht er nicht. Er lebt von seinen letzten Ersparnissen. Was können wir tun? Waltraut S." Ausnahmsweise nicht Angehörige, sondern Freunde fragten hier nach Rat, feiertags, gegen 20 Uhr.
Auf solche "Problemlenlagen" eine klare Antwort zu finden, fällt immer noch schwer. Trotz der gestiegenen Zahl gemeindenaher Betreuungsangebote fehlt fast überall ein rund um die Uhr hausaufsuchender Krisennotdienst. Was Psychiater a.D. Professor Dr. Dr. Klaus Dörner unter qualifizierter Hilfe in Krisensituationen versteht, beschreibt er in «Irren ist menschlich»:
(Zitat) "Jede Krise, wenn man noch gar nicht weiß, ob sie psychosozial oder psychiatrisch ist, sollte am Ort ihrer Entstehung aufgesucht und genutzt werden."
Die Realität ist eine andere, eine Front, eine per PsychKG aufgestellte Hürde: Erst wenn der Notfall eine "öffentliche" Dimension erreicht hat, der Druck so groß geworden ist, dass das Umfeld; die Angehörigen, Freunde, die Augenzeugen, die Polizei und der allgemeine Notdienst reagieren müssen - zum Beispiel ein Lebensmüder steht zum Sprung bereit aus dem 6. Stock - dann setzt sich automatisch die Maschinerie der Notfallmedizin in Bewegung: Rettungswagen, Polizei, Feuerwehr... Für diese gewaltige Anbahnung der Hilfen steht eine Menge Geld bereit, nicht aber für ein präventives und deeskalierendes Handeln eines vorgeschalteten psychosozialen Krisennotdienstes.
Oft gehen die Vorboten mit sozialem und beruflichem Rückzug des Betroffenen einher, auch verändern diese den Alltag der Bezugspersonen. Nöte, Zerwürfnisse, Vereinsamung, manchmal auch scheinbar feindliche Gefühle oder gar Fronten kennzeichnen dann die Lebenssituation der Beteiligten. Vieles davon läuft im Dunklen ab. Oft tragen die Angehörigen die Last und sie leiden mitunter mehr als der Betroffene. "Die Familie", so Prof. Dörner, "ist dem permanenten Chaos und der manchmal lebensbedrohlichen Gefährdung hilflos ausgeliefert und steht unter dem Druck ihres eigenen Gewissens und der lieben Umwelt."
Bis Hilfe von außen gesucht wird, vergehen oft Monate oder Jahre. Wird dann - nach gründlicher Untersuchung - zum ersten Mal von Krankheit, einer psychiatrischen Diagnose gesprochen, ist damit längst noch nichts aus- und durchgestanden. Dazu erklärte erst kürzlich der Vorsitzende des Bundesverbands der Angehörigen psychisch Kranker, Dr. Alfred Speidel:
"Die alte Vorstellung hält sich hartnäckig, die Familie sei schuld an einer psychischen Krankheit".
Die Geschichte der Psychiatrie, so Christian Müller in seinem Buch «Wer hat die Geisteskranken von den Ketten befreit?», ist eine Geschichte der Irrtümer. Zugleich ist sie aber eine Geschichte des Suchens. Das ist mir zu wenig, klingt zu sehr nach Experiment. Die fast zweihundertjährige Psychiatrie muss sich hier den Vorwurf gefallen lassen, dass sie auch bei der Suche nach einem "Schuldigen" tüchtig mitgemischt hat.
Dazu möchte ich Susanne Heim, Autorin und Referentin in Sachen Angehörigenarbeit, zitieren:
"Beispiele dafür finden sich zuhauf: nicht nur im Erleben gekränkter Patienten und Angehöriger, sondern in einschlägigen wissenschaftlichen Abhandlungen, Fach- und Lehrbüchern. So ist es gar nicht ungewöhnlich, wenn ein wohlmeinender Student der Sozialarbeit, 7. Semester, seine Diplomarbeit über die ´Arbeit mit Angehörigen von psychisch kranken Menschen´ schreiben will und dies (in einem Brief an den Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker) so begründet: «Ausgehend von der Vermutung, dass an der psychischen Erkrankung des Familienangehörigen die Familie möglicherweise eine gewisse Mitschuld trägt, muss sie auch in die Behandlung mit einbezogen werden, um mögliche Störungen im Familiengefüge beseitigen oder lindern zu können, die neben anderen Faktoren zur psychischen Erkrankung geführt haben.»" Zitat Ende.
Dr. med. Heinz Gerhard Vogelsang, Internist und Arzt für Naturheilverfahren, Mitglied im Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V. (BPE), fordert in einem Rundbrief den "Pseudo-Begriff" Schizophrenie zugunsten von Diagnose-Bezeichnungen zu ändern, "die seelisch-geistige Sonderzustände aus der normalen menschlichen Schwankungsbreite verständlich machen". Eine nachvollziehbare Forderung, angesichts tiefverwurzelter Vorurteile. Doch macht es Sinn, alles, was inhaltlich hinter dem Krankheitsbegriff steht, unter "Pseudo" abzutun? Eine seiner Thesen lautet, dass es kein Schizophrenie-Gen gibt, allenfalls könne man von einem "Sensibilitäts-Gen" sprechen, einer Erbanlage für "überdurchschnittliche Empfangsbereitschaft des Nervensystems".
Nach Vogelsangs Ansicht sei dies eine "Begabung", die bei günstigen "sozialen Umständen" Künstler und andere hochkreative Menschen hervorbringe. Bei "feindlichem Umfeld" führe sie in Krankheiten. Was dieses Umfeld ausmacht, umschreibt der Autor mit sozialpädagogischen Begriffen wie "Familienkonflikt, Sozialkonflikt, Selbstfindungskrise, Gewissensreifungsstörung". Zur Verbesserung der Rehabilitation empfiehlt er "eine Erweiterung der Diagnosen auf die Bezugspersonen des Betroffenen". Schlecht weg kommt dabei die Familie.
Zitat: "Seit langem besteht Einigkeit, dass die Angehörigen des Patienten oft ebenso krank sind wie er selbst, dies aber weit von sich weisen und sich jeder Therapie entziehen."
Eine neue Qualität der Schuldzuweisung - verbunden mit Psycho-Markt-Hascherei! Dürfen sich bald alle Familienangehörigen wie die Lemminge fühlen - einer geht zum Psychiater, die anderen müssen folgen?
Der Hallenser Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz, durch seine zahlreichen Vorträge in Presse, Funk und Fernsehen weit über die Fachöffentlichkeit hinaus bekannt, schreibt in seinem Buch "Der Gefühlsstau", ich zitiere:
"Müssen die Kinder die Forderungen ihrer Eltern und des Staates erfüllen, geraten sie unweigerlich in einen Mangelzustand, der sie für alle späteren Belastungen des Lebens labilisiert..."
Kurz gesagt, die eigentlichen Täter sind die Eltern und der Staat. Dagegen halte ich: Es gibt nunmal Menschen, die auf die Dinge des Lebens sensibler reagieren. Sei es ein neuer Lebensabschnitt, Konflikte, Trennung, Arbeitslosigkeit, der Tod eines Verwandten usw.
Angehörige psychisch Kranker fragen sich immer wieder, müssen wir lebenslänglich die Sorgen unserer Erkrankten tragen? Was wird sein, wenn wir nicht mehr da sind? Gerade in diesem Zusammenhang stimmt der "personenzentrierte Ansatz" in der Gemeindepsychiatrie hoffnungsvoll.
Aber werden die "Erwerbsunfähigen" mit ihrem Anderssein so ihre Stärken in der Gemeinde besser entdecken und entfalten können? Findet damit der Betreute den Weg aus dem "Übergangssystem" Gemeindepsychiatrie zu einer eigenen Wohnung, ins eigenständige Leben? Werden psychisch Kranke ihr Budget durch stundenweise Tätigkeiten um einige hundert Mark aufbessern können - oder bleibt nur die Behindertenwerkstatt oder der Langzeitbereich einer Anstalt - täglich bis zu acht Stunden für ein kleines Zubrot?
Besonders das negative Meinungsbild stigmatisiert psychisch Kranke und ihre Angehörigen. Hierzu hat die Universität Leipzig eine erste Aufstellung der Stigmatisierungserfahrungen erarbeitet. Die beiden wichtigsten Erkenntnisse aus der Rostocker Angehörigengruppe:
1. Stigma und Diskriminierung hören nicht im privaten Bereich auf, sondern sind auch in politischen Entscheidungen und rechtlichen Regelungen verankert. Medienberichte über vermeintlich psychisch kranke Gewalttäter verletzen und legen entsprechend negative Einstellungen in der Bevölkerung nahe, und die Lebensplanung in Bezug auf Beruf und Familie ist als Folge der Erkrankung und ihres Stigmas stark eingeschränkt.
Zudem sind die Angehörigen vor allem auch besorgt betreffs der ökonomischen Absicherung ihrer Erkrankten. Nicht abgeschlossene Ausbildungen und daraus folgend nicht bestehende Arbeitsmöglichkeiten führen dazu, dass viele psychisch Erkrankte sich nie einen Rentenanspruch erwerben können.
2. Am häufigsten wird Stigma im Rückzug von Freunden und Bekannten erlebt, gefolgt von einem oft wenig kooperativen Umgang der psychiatrischen Fachkräfte mit Angehörigen.
Noch vor einigen Jahren habe ich gemeint, die Psychiatrie selbst hat eine Ausstrahlungskraft wie ein Glühwürmchen. Nur wenige Psychiater und Sozialarbeiter setzten sich mit psychiatrischen Brennpunktfragen öffentlich auseinander.
Jetzt scheint sich das Blatt mit den Erkenntnisse aus der Stigmaforschung und dem Aufbau konkreter Anti-Stigma-Projekte zu wenden. So gründete sich in Leipzig der Verein "Irrsinnig menschlich e.V.", der sich besonders der Medien- und Öffentlichkeitsarbeit im psychiatrischen Bereich widmet. Gründungsmitglieder sind u.a. Bundestagsabgeordnete wie Sabine Leutheuser-Scharrenberger, der Psychiatriekoordinator der Stadt Leipzig Thomas Seyde und die Vorsitzende des Angehörigenverbandes Sachsen Monika Schöpe. Die Journalistin Dr. Manuela Richter-Werling unterstützt Medienvertreter bei der Themenfindung und Recherche. Neue Anstöße zum Umgang mit Vorurteilen und Schuldzuweisung bietet auch das aktuell überarbeitete Buch "Psychose und Stigma" von Asmus Finzen.
Trotz dieser positiven Entwicklungen in Richtung Aufklärung bleibt die Fragen offen, ob es in absehbarer Zeit möglich sein wird, genauso freimütig über eine psychische Krankheit zu sprechen, wie andere über Diabetes, Herzinfarkt oder Krebs.
Doch das wird nicht so einfach sein, wie das jüngste diskriminierende Beispiel einer Werbeanzeige einer Airline im Spiegel Nr. 42 und 43, im Focus Nr. 43 und in Capital Nr. 22. beweist.
Immerhin, Angehörige und Freunde, Vertreter aus Vereinen und Verbänden haben sich wegen dieser Werbung bei den Herausgebern und beim Inserenten beschwert. Inzwischen wurde auch der Deutsche Werberat informiert, wie dieser Brief zeigt.
Für mich bedeutet Ihre heutige Tagung, selbst über den Tellerrand hinaus zu schauen, um Neues dazuzulernen, um gemeinsam mit Ihnen Fronten abzubauen und in den Medien für realistischen Schlagzeilen zu sorgen.
Roland Hartig
Vortrag, Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e.V. (DGSP), 2. bis 4. November 2000
Ev. Bildungswerk, Haus der Kirche, Goethestr. 26-30, Berlin Charlottenburg
Veröffentlicht: Soziale Psychiatrie, Heft1 / März 2001
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