|
Aufgestellt auf der DGSP-Tagung "Das erste Mal... Ersterfahrungen in
und mit der Psychiatrie" vom 25. bis 28. Mai 1995 in Wittenberg
Die Ergebnisse und Forderungen der Arbeitsgruppen und Foren auf der ersten gemeinsamen Tagung von DGSP, Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen, Bundesverband der Psychiatrie-Erfahrenen und Bundesverband der Angehörigen wurden von Thomas Bock in nachfolgenden Thesen zusammengefaßt. Die Thesen wurden im Plenum vorgetragen und per Akklamation für gut befunden. Einzelne Veränderungswünsche konnten wegen der Kürze der Zeit nicht diskutiert werden. (Soziale Psychiatrie, Heft 2, Juni 1995)
In Wittenberg schlug Luther 95 Thesen an die Schloßkirche und begründete die Reformation. Anlaß war der Ablaßhandel einer korrupt gewordenen Kirche. Luther begehrte auf gegen ein jahrhundertaltes System und bestand mit seinem Querdenken gegen massiven Druck. Die Psychiatrie könnte ihn heute als manisch bezeichnen. Luther predigte lebenslange Buße. In der vierten These spricht er sogar von notwendigem Selbsthaß. Für depressive Menschen ein vertrautes Gefühl.
Unsere Wittenberger Thesen von 1995 richten sich gegen den Ablaßhandel der Psychiatrie: Symptombehandlung ohne tiefes Verstehen und wirkliche Auseinandersetzung. Sie richten sich aber auch gegen tiefsitzende Scham- und Schuldgefühle, bei Patienten, Angehörigen und Therapeuten.
Wir wollen keine bußfertigen Patienten, keine schuldbewußten Angehörigen und keine um schnellen Ablaßhandel bemühten Psychiatrie-Mitarbeiter, sondern ein selbstbewußtes und kontroverses Ringen um die zukünftige Psychiatrie.
Schon im ersten Kontakt mit der Psychiatrie werden Weichen gestellt. Deshalb beziehen sich die folgenden Thesen vor allem auf diese brisante Situation:
1. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wer gekränkt wird, wird krank. Damit Gesundung beginnen kann, muß Kränkung aufhören. Schluß mit weiterer Verletzung durch die Psychiatrie. Schluß mit der Ignoranz der Psychiatrie gegenüber den persönlichen Erfahrungen und Bedürfnissen von Patienten und Angehörigen.
2. Die erste Begegnung prägt. Notwendig ist Respekt gegenüber den ganz persönlichen Wünschen nach Nähe und Abstand, Gemeinschaft und Rückzug. Eine weite Sprache, die nicht diagnostisch einengen, sondern offen verstehen will. Interesse für das subjektive Erleben und individuelle Begleitung, eine ernst nehmende, haltende Beziehung.
Wer erste Kontakte bahnt, braucht eine besondere "Schulung" in: Ehrlichkeit, Klarheit, Offenheit, Standfestigkeit, Verantwortung. Die Psychlatrie-Tätigen sind es, die Krankheitseinsicht und "Compliance" erst lernen und entwickeln müssen. Dabei kann Fortbildung und Supervision helfen, vor allem aber der regelmäßige Austausch z.B. im Psychoseseminar über die Rollengrenzen hinweg.
3. Geborgenheit tut not, anstelle des Gefühls, ausgeliefert zu sein. Raum für verwirrte Gefühle und wechselnde Bedürfnisse, Zeit für ungestörte Gespräche, Ruhe und menschliche Wärme. Präsenz und Hoffnungsfähigkeit des Gegenübers. Das Trauma des ersten Kontakts mit der Psychiatrie gilt es zu lindern.
4. Die eigene Verantwortung muß bleiben und gestärkt werden. In jeder Psychose wirken Selbstheilungskräfte, auch ohne daß Psychiatrie-Tätige darum wissen. Und bei der Integration psychotischen Erlebens ist Selbsthilfe eine entscheidende, unverzichtbare Kraft.
5. Jede Diagnose stigmatisiert. Stigmatisierung und Schubladendenken gegenüber Patienten und Angehörigen sind abzuschaffen. Zu erfassen ist keine Diagnose, sondern ein Konflikt, eine problemhafte Entwicklung, ein Spannungsfeld. Das ist nur mit allen Beteiligten möglich. Weg mit dem Etikett unheilbar, Spielraum statt Dogmen.
6. In einer schweren seelischen Krise ist die übliche Akutstation eines Psychiatrischen Krankenhauses der denkbar schlechteste Ort. Notwendig sind ambulante mobile Krisendienste (auch nachts und am Wochenende), die zunächst in der Konfliktsituation zu klären und zu helfen suchen. Notwendig sind Schutzräume, Krisenbetten, Weglaufhäuser außerhalb von psychiatrischen Kliniken und Abteilungen. Innerhalb und außerhalb sollten Behandlungseinheiten für akute Krisen nicht mehr als 8 bis 12 Betten haben. In jedem Fall sollte der Ort überschaubar, freundlich und vertrauenerweckend gestaltet sein. Von SOTERIA gilt es überall zu lernen. - Die Wahl des Krisenortes sollte frei sein; die Grenzen zwischen Privatheit und Klinik können fließen: Betreuung in der Klinik durch Freunde oder zu Hause durch Profis.
7. Der übliche Wechsel von Beziehungen auf Akutstationen und bei längeren Krankheitsverläufen ist absurd, krankmachend und auf spezifische Weise hospitalisierend. Verwirrt nicht die Verwirrten! Der erste Therapeut sollte bereit sein, als dauerhafter Partner zur Verfügung zu stehen. Die Kontinuität der therapeutischen Beziehung beginnt am Anfang. Bezugstherapeut und Bezugspfleger dürfen nicht einseitig verordnet werden. Um Kontinuität in der akuten Krise verwirklichen zu können, sind flexible Arbeitszeiten unabdingbar. Die 48-Stunden-Dienste der Soteria sind dabei ein wichtiger Orientierungspunkt.
8. In der akuten Situation sind die Wünsche des einzelnen zu berücksichtigen. Dafür kann es hilfreich sein, seine Erfahrungen im vorhinein zu kennen und in einer verpflichtenden Vereinbarung (Behandlungsvertrag) festzulegen.
Die Beteiligung von Patienten und Angehörigen darf sich nicht nur auf die Situation des einzelnen beschränken. Sie müssen auch die Struktur der Institution beeinflussen können. Alle Formen der Nutzerkontrolle, der Mitbestimmung, der Qualitätssicherung sind zu fördern.
9. So früh wie möglich ist Information zu geben über die Behandlung und ihre Nebenwirkungen, vor allem aber über die eigenen Rechte. Dabei ist Aufklärung kein einmaliger und kein einseitiger Akt, sondern ein wechselseitiger Prozeß, an dem die Angehörigen zu beteiligen sind.
In Krise und Not braucht jeder eine Person seines Vertrauens; dies kann ein Freund, ein Angehöriger, ein Patientenfürsprecher, Seelsorger oder Bürgerhelfer sein. Dieser muß, wenn gewünscht, auch über Nacht in der Klinik bleiben können ("Rooming-in").
10. Der Weg aus einer psychotischen Krise kann sehr verschieden sein. Anzubieten sind Einzel- und Gruppengespräche sowie die Möglichkeit von nichtsprachlichem Ausdruck, Bewegung und Entspannung. Ziel dabei ist, Selbstbewußtheit wiederzugewinnen, die Psychose nicht abspalten zu müssen, die eigenen Frühwarnzeichen kennenzulernen, sich der eigenen Ressourcen zu vergewissern und den Kontakt zur Realität wiederherzustellen. Die Grenzen zwischen stationärer Versorgung und ambulanter Nachsorge sollten fließend sein.
11. Bei alter persönlichen Brisanz ist die soziale und gesellschaftliche Bedingtheit einer Krise nicht zu vergessen. Dabei kann die Perspektive der Bürgerhelfer hilfreich sein. Sie sind am unbefangensten in der Wahrnehmung ihres Partners und bei der Mitgestaltung seines Alltags. Vorrang vor psychiatrischen Sondereinrichtungen haben alle Möglichkeiten des alltäglichen Kontakts, der alltäglichen kulturellen Begegnung. Diese gilt es zu fördern - materiell und durch die persönliche Unterstützung von Bürgerhelfern.
Die Wittenberger Thesen wurden auf der Tagung »Das erste Mal... Ersterfahrungen in und mit der Psychiatrie«, vom 25. bis 28. Mai 1995 in Wittenberg, aufgestellt. Zum ersten Mal tagten sie gemeinsam: die DGSP, der Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen, der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker und der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener.
Die Wittenberger Thesen wurden u.a. veröffentlicht in: Soziale Psychiatrie, Heft 2, Juni 1995 (DGSP, Stuppstr. 14, 50823 Köln, Tel. 0221 - 51 10 02), Psychosoziale Umschau (T.-Mann-Str. 49a, 53011 Bonn, Tel. 0228 - 63 26 46)
|