Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

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Erfahrungen & Perspektiven
Redaktion
29.09.2002

Thesenpapier zum Trialog



von Ruth Fricke

Vertreterin des BPE - Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.,
Vorsitzende: Hilfe für verletzte Seelen e.V. PE-Selbsthilfe Kreis Herford

Vorgestellt auf der Fachtagung "Trialog", am 1.Oktober 2001 in Düsseldorf
Veranstalter: Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche im Rheinland


Thesenpapier

Ich wünsche mir, dass der Trialog Basis künftigen psychiatrischen Denkens und Handelns wird; ich glaube nicht, dass wir schon sagen können, dass er Es ist. Trialog ist heute noch in vielen Gegenden Deutschlands ein Fremdwort und dort wo von Trialog geredet wird, ist es häufig kein echter, nämlich nicht der Ort wo sich alle drei Gruppen auf gleicher Augenhöhe begegnen. Warum ist ein offener und von allen Beteiligten ehrlich geführter Trialog aus Sicht der Psychiatrie-Erfahrenen so wichtig? Ich sage immer "Ein und die selbe Psychose erleben Betroffene, deren Angehörige und psychiatrisch Tätige aller Berufsgruppen zum gleichen Zeitpunkt völlig anders." Es kommt darauf an, dass jede der drei Gruppen das Erleben, die Empfindungen, Ängste, Hilflosigkeit ... der jeweils anderen beiden Gruppen möglichst authentisch kennenlernt und nach Möglichkeit auch nachempfinden kann. Alle Beteiligten müssen wirklich bereit sein und in die Lage versetzt werden einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Dazu ist bei allen Beteiligten die Bereitschaft zu absoluter Offenheit und Ehrlichkeit notwendig.

- Nur dann bringt der Trialog wirklich die Erkenntnisse, die wir brauchen, um psychiatrisches Handeln nachhaltig zu verbessern.

- Nur der Trialog kann den Profis und hier insbesondere den Ärzten ein anderes, realitätsnäheres Krankheits- bzw. Psychoseverständnis vermitteln wie es z.B. für eine größere Verbreitung und Umsetzung des Soteriakonzeptes und die dazu notwendige innere Haltung der psychiatrisch Tätigen notwendig ist.

- Nur das im Trialog erworbene andere Krankheitsverständnis kann dazu beitragen, dass nicht weiterhin Forschungsmillionen verplempert werden auf der Suche nach vermeintlich genetischen Ursachen von Schizophrenie und Depressionen - nur genau das findet gegenwärtig im großen Stile statt - Und darum sage ich der Trialog ist noch nicht die Basis psychiatrischen Handeln, aber er muß es dringend werden.

- In einem echten offenen Trialog können wir Betroffenen den beiden anderen Gruppe unser psychotisches Erleben so authentisch wie möglich schildern aber auch die Umstände, die uns in die Psychose gebracht haben.

- Wir können versuchen unser vermeintlich unverständliches Verhalten und Handeln verständlich zu machen und für andere in einen Sinnzusammenhang zu bringen.

- Wir erfahren von den Ängsten und der Hilflosigkeit der anderen Beteiligten, können vielleicht wertvolle Tipps geben, was man hätte anders machen können.

- Wir erfahren von gesetzlichen und institutionellen Zwängen an die z.B. Profis gebunden sind.

Erst wenn wir gegenseitig die Perspektive der anderen beiden Gruppen kennen, können wir auch gemeinsam nach anderen Lösungen suchen. Alternative Lösungen in die Praxis umzusetzen, kann der auf Erfahrungsaustausch angelegte eigentliche Trialog - häufig auch Psychoseseminar genannt - aber nicht mehr leisten. Hierzu bedarf es trialogisch besetzter echter Mitbestimmungsgremien. Ich würde mir trialogisch besetzte Psychiatrie-Beiräte wünschen, die mit echten Kompetenzen ausgestattet sind

- einmal auf der Ebene des Gesetzgebers,
- zum anderen bei den Kreisen als Träger der Aufgaben
- und wenn die Kreise nicht gleichzeitig Klinikträger sind auch in den Kliniken.

Aber die Kompetenzen dieser Beiräte müssen (möglichst im Psych-KG und/oder im ÖGD) rechtlich abgesichert sein. Wo die Grenzen von informellen, rechtlich nicht abgesicherten, Beiräten liegen, konnten wir im Zusammenhang mit den Personalentscheidungen des LWL in der westf. Klinik Gütersloh hautnah erleben. Wir haben zwar über Jahre klinikintern den konzeptionellen Umbau der Abteilung nach Soteriakriterien mit vorantreiben können. Aber es ist uns nicht gelungen dem Krankenhausträger zu vermitteln, wie gut dieses Konzept von den PatientInnen angenommen wurde und dass dieses Konzept von den Menschen die es tragen und deren innerer Einstellung lebt. Es gab und gibt kein festgeschriebenes Mitwirkungsrecht, also entschied man über unsere Köpfe hinweg, gegen unsere Wünsche und die Interessen der Patienten. Wer Psychiatrie-Erfahrene und deren Angehörige als Experten in eigener Sache ernst nimmt, muß ihnen auch die Möglichkeit geben ihr Expertentum in wesentliche Entscheidungsprozesse mit einzubringen. Hierzu gehören gesetzliche Grundlagen ebenso wie konzeptionelle Fragen und Personalentscheidungen.

Schlußendlich muß das Expertenwissen der Selbsthilfeorganisationen auch einfließen in die Ausbildungsordnungen der Ärzte, Pflegekräfte, Psychologen und sonstigen MitarbeiterInnen im Bereich der Psychiatrie.

Ich würde mir wünschen, dass Medizinstudentinnen und Studenten schon in einem sehr frühen Stadium ihrer Ausbildung die Gelegenheit zum Gedankenaustausch mit Psychiatrie-Erfahrenen und deren Angehörigen haben, dass dieser Austausch obligatorischer Bestandteil ihrer Ausbildung wird, damit sich gar nicht erst diese verqueren Vorstellungen von psychischer Erkrankung und deren Ursachen, wie sie bei den "Klassikern" beschrieben werden, bei ihnen festsetzen. Ähnliches gilt auch für die Aus- und Fortbildung der anderen Berufsgruppen.

Die Psychiatrie braucht mündige Patienten und deren Angehörige, damit sich endlich ein realistisches Krankheitsverständnis und daraus resultierende menschenwürdige und wirklich hilfreiche Behandlungs- und Therapiemethoden durchsetzen.

© naps - Redaktion lichtblick-newsletter im LApK e.V.
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