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Beiträge Erschöpfung, Stress... Beiträge Erschöpfung, Stress... 08.02.2002
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Die Psyche gibt Frühalarm


Stuttgart (ddp). «Ich soll psychisch krank sein? Ich bin doch nicht verrückt.» So denken viele. Doch jeder vierte Mensch in Deutschland leidet irgendwann einmal in seinem Leben an einer psychischen Störung. Oft kündigen sich diese seelischen Schieflagen zeitig an. Dennoch werden sie häufig nicht richtig erkannt: von Angehörigen, Kollegen, Hausärzten und nicht einmal von den Betroffenen selbst. Dabei kann schnelles Eingreifen oft viel Leid ersparen. «Je früher der Betroffene ärztliche Hilfe bekommt, desto wirkungsvoller kann man das noch abfangen», berichtet Professor Volker Faust, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Ulm, im Maiheft der Zeitschrift «bild der wissenschaft».

Es ist halb vier in der Nacht, als der 38-jährige Prokurist Matthias Berndt (Name geändert) schweißgebadet aufwacht. Sein Herz rast und scheint immer wieder zu stolpern. Er leidet an Atemnot und zittert. Nach einigen Minuten ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Wochen später kehrt er jedoch wieder. Diesmal bei Tag während der Arbeit. Und das kurz vor einer Besprechung. Berndt befürchtet einen Herzinfarkt und geht zum Hausarzt. Dieser schickt ihn zum Internisten. Der wiederum überweist ihn an einen Kardiologen. Niemand kann etwas finden. Schließlich geht Berndt auf Anraten eines Freundes zum Psychiater. Die Diagnose: Panikattacken, plötzliche Angststörungen.

Ein typischer Fall: Psychische Probleme werden oft erst nach langer Zeit richtig diagnostiziert. «Der Patient geht von Arzt zu Arzt, und jeder sagt ihm: 'Sie haben nichts, seien Sie froh', oder - noch demütigender für den Kranken: 'Das ist bloß seelisch'», gibt Volker Faust die Erfahrung vieler Patienten wieder.

Angemessen behandelt werden solche psychischen Störungen nur selten, zeigt eine Studie des Münchener Max-Planck-Instituts für Psychiatrie. In 700 Praxen in Deutschland untersuchten die Forscher, wie gut Allgemeinärzte bei ihren Patienten depressive Störungen erkennen. Das Ergebnis: Die Mediziner übersahen fast jede zweite Depression. In der Therapie schnitten sie noch schlechter ab. Nicht einmal jeder fünfte Betroffene erhielt eine adäquate Behandlung oder wurde wenigstens zum richtigen Spezialisten überwiesen.

Wie weit die Wirkung psychischer Störungen in der Bevölkerung reicht, verdeutlichen Statistiken der Krankenversicherungen: Allein wegen Depressionen versäumen die deutschen Arbeitnehmer rund 13 Millionen Arbeitstage im Jahr. Das bedeutet nicht nur Einbußen für die Wirtschaft, sondern für die Betroffenen auch einen Verlust an Lebensqualität.

Dabei könnte vielen Menschen mit psychischen Störungen besser geholfen werden, würden ihre Probleme nur früher erkannt. Angehörige, Freunde und Kollegen sollten daher «auf die Stillen und besonders die still Gewordenen achten», rät Volker Faust. Sie sollten nicht wegsehen, wenn sich jemand «seltsam» verhält, sondern diesen Menschen bei passender Gelegenheit ansprechen ohne dabei den Eindruck zu erwecken, man hielte ihn für psychisch gestört. Das könnte ihn nur noch tiefer ins Abseits stoßen.

Am unverfänglichsten seien Formulierungen wie: «Ich habe in letzter Zeit den Eindruck, du bist ziemlich belastet.» Denn belastet zu sein, so der Psychiater, gelte in dieser Leistungsgesellschaft eher als Auszeichnung.

Die Behandlung einer psychischen Störung müsse einem Fachmann überlassen werden. «Niemand sollte sich als Diagnostiker oder gar als Therapeut aufspielen, wenn er nicht dafür ausgebildet ist», warnt Faust. Ziel sollte lediglich sein, den Betroffenen zum ersten Schritt in Richtung einer Therapie zu bewegen.

Die Schwierigkeit im Erkennen und in der Behandlung einer psychischen Störung liegt häufig darin, dass die Patienten nur die körperliche Seite ihrer Krankheit sehen. Manche Depressive beispielsweise berichten nur von Mattigkeit, Abgeschlagenheit oder von Schlafstörungen. Für den Arzt, den Therapeuten und auch für den Patienten selbst kann es dann ein mühevoller Weg sein, bis zum eigentlichen Kern des Leidens vorzudringen.

Dennoch stehen die Chancen, psychische Störungen in den Griff zu bekommen, in den meisten Fällen gut. Früh genug erkannt, können seelische Störungen heute ähnlich erfolgreich behandelt werden wie körperliche Beschwerden, versichert Faust.

(c) ddp (13.04.01)

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