Angst vor dem eigenen Gewicht -
Diäten und Schlankheitswahn leisten Essstörungen Vorschub
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Von ddp-Korrespondentin Katrin Neubauer
Essen/Siegen (ddp). "Du bist zu dick!" - zu oft hörte Nina diese Worte von ihrem Freund. Zuerst ließ sie ein, zwei Mahlzeiten aus. Später bestand ihre Tagesration nur noch aus einigen Salatblättern. Auf 33 Kilogramm hungerte sich die 16-Jährige herunter, bis sie schließlich in eine Klinik gebracht werden musste.
Für Essstörungen sind vor allem Mädchen in der Pubertät anfällig, sagt Nora Dannigkeit, Psychologin aus der Christoph-Dornier-Stiftung, Universität Siegen. Durch den natürlichen Fettgewinn im Rahmen der pubertären Entwicklung kommt es häufig zu einer Gewichtszunahme, die sich später wieder geben kann. Oftmals fühlen sich die jungen Mädchen aber dadurch verunsichert, werden unzufrieden mit ihrer Figur und beginnen mit Diäten.
Die am häufigsten auftretenden Essstörungen sind Bulimie und Magersucht. Insbesondere Mädchen und junge Frauen mit einem geringen Selbstwertgefühl neigen dazu, stellt Stephan Herpertz fest, Arzt für psychotherapeutische Medizin an den Rheinischen Kliniken/Universitätsklinik Essen. Häufig gehen den Essstörungen Diäten voraus, um dem in den Medien propagierten Schönheitsideal näher zu kommen. "Frauen verbinden mit dem Schlanksein Schönheit, Intelligenz und Erfolg. Während Männer ihr Selbstwertgefühl aus ihrer Leistungsfähigkeit beziehen, machen es Frauen an ihrem Körper fest", erläutert der Experte.
Zwar erkranken nur 0,1 bis 1,0 Prozent der Frauen an Magersucht (Anorexie) und etwa 2 bis 4 Prozent an Bulimie - die Folgen können jedoch verheerend sein. "Etwa 18 Prozent der Magersüchtigen sterben an der Krankheit", sagt Herpertz. Damit ist Anorexie unter allen psychiatrischen Erkrankungen die mit der höchsten Todesrate. Alarmierend sei auch, dass immer mehr Kinder schon mit zehn oder zwölf, Jahren an Magersucht erkranken.
Die gesundheitlichen Risiken bei Essstörungen sind beträchtlich. Wer unter Bulimie leidet - also Fressanfälle bekommt und danach die Nahrung durch rigides Fasten, Erbrechen oder Abführmittel wieder loswerden will - leidet häufig an Stoffwechsel- und Elektrolytstörungen. In schlimmen Fällen sind Kreislaufzusammenbrüche und Nierenerkrankungen die Folge. Das häufige Erbrechen kann Entzündungen in der Speiseröhre und Karies der Zähne hervorrufen. Bei Magersucht kommt es zu einer Reihe von Mangelerscheinungen, wie Haarausfall, trockene Haut, ständiges Frieren und Menstruationsstörungen, die bis zur Unfruchtbarkeit führen können. Essstörungen, die sehr früh im Leben beginnen, können Osteoporose (Knochenschwund) begünstigen.
Da Betroffene häufig versuchen, die Symptomatik zu verheimlichen, ist die Früherkennung nicht leicht. Deutliche Alarmzeichen, die Eltern, Lehrer und Freunde nicht übersehen sollten, sind beispielsweise ständiges Reden über Gewicht, Essen und Abnehmen, sagt die Psychologin. Die jungen Frauen lassen Mahlzeiten aus oder essen nur Mini-Portionen. Magersüchtige kochen manchmal opulente Menüs für die ganze Familie, bringen selbst aber keinen Bissen hinunter. Bulimiekranke laufen nach jedem Essen zur Toilette, um sich zu übergeben. Und nach Fressattacken ist der Kühlschrank leer.
Um Zugang zu ihren essgestörten Kindern zu finden, benötigen Eltern viel Fingerspitzengefühl. Es bringt nichts, sie zum Essen zu überreden oder den Kühlschrank zu verriegeln, warnt Reinhold Laessle, Psychologe an der Universität Trier. Je mehr Kontrolle essgestörte Mädchen spüren, desto weiter ziehen sie sich zurück. Essstörungen liegt meist ein psychisches Problem zu Grunde. Wichtig ist es daher, Vertrauen aufzubauen, um mit dem Kind ins Gespräch zu kommen, rät Laessle.
Eltern können dabei offen ansprechen, dass sie sich Sorgen machen und raten, gemeinsam zum Arzt zu gehen. In vielen Fällen - insbesondere bei Magersucht - ist es notwendig, die körperliche Verfassung regelmäßig zu überwachen. Auf Diskussionen über Gewicht und Figur sollten sich Vater oder Mutter aber auf keinen Fall einlassen, warnt Dannigkeit. "Essgestörte Frauen haben eine verzerrte Wahrnehmung ihrer Figur und finden sich auch mit deutlichem Untergewicht noch zu dick."
Essstörungen vorbeugen können Eltern, indem sie das Selbstbewusstein der Heranwachsenden stärken, ein offenes Verhältnis zu ihnen pflegen und selbst keinen Schlankheitskult betreiben. In Familien, wo Gewichtsprobleme kein vordergründiges Thema sind, finden Jugendliche auch weniger Anlass, an ihrer eigenen Figur zu zweifeln, sagt Laessle. Kinder nehmen sich am Essverhalten ihrer Eltern ein Beispiel. "Eine Mutter, die das Essen genießt, ist ein besseres Vorbild als eine, die jede Woche mit einer neuen Diät beginnt."
© ddp,13.01.2003
Hilfe für Essgestörte und Angehörige
Berlin (ddp). Therapien und Präventionsprogramme gegen Essstörungen bietet unter anderem die Christoph-Dornier-Stiftung in Siegen an, die als psychotherapeutische Ambulanz an die Universität Siegen angegliedert ist.
Adresse: Christoph-Dornier-Stiftung, Universität Siegen St. Johann Straße 18, 57068 Siegen
Tel.: 0271/740 49 39, Internet: http://www.c-d-k.de
Adressen von Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen bei Magersucht unter
http://www.magersucht-online.de/adress.htm
Informationen über Bulimie und Magersucht und Tipps zum Umgang mit essgestörten Frauen sind unter anderem in folgenden Büchern zu finden:
-- "Iß doch endlich mal normal. Hilfen für Angehörige von eßgestörten Mädchen und Frauen", von Bärbel Wardetzki, Kösel, 2002, 25,40 Euro, ISBN: 3466304067
-- "Der Weg zurück ins Leben. Magersucht und Bulimie verstehen und heilen", von Peggy Claude-Pierre, Fischer Taschenbuch, Frankfurt 2002, 9,90 Euro, ISBN: 3596149223
-- "Essstörungen erkennen, verstehen, überwinden", von Sabine Mucha, Katja Hoffmann, Trias Verlag, 1998, 11,45 Euro, ISBN 3893737588
© ddp,13.01.2003
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