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03.03.2005



Übersicht "Meldung vom Tage" (Februar 2005)


21.02.05

Umstrittene Schrothkur - Scharlatanerie oder Erholung?
Naturheilverfahren lässt Pfunde purzeln
Mangel an Nährstoffen

ddp


Von ddp-Korrespondentin Susann Huster

Oberstaufen/Stuttgart (ddp). Viele denken zuerst an Körneressen, wenn sie von der Schrothkur hören. Der zweite Gedanke ist meist der an eine bessere Figur und die Möglichkeit, innerhalb einer zwei- bis dreiwöchigen Kur mal so richtig abzuspecken. Doch beides ist nicht das Wesentliche, was die Schrothkur ausmacht. "Die Schrothkur besteht aus vier Säulen", sagt Vera Brosig, Ärztin in der kurärztlichen Praxis im Schroth-Heilbad Oberstaufen im Allgäu. Sie berät seit Jahren Patienten, die sich für eine solche Kur entschieden haben und kennt sich gut mit diesem recht umstrittenen Naturheilverfahren aus.

Kombiniert werde eine Kurpackung mit einer Diät, einem moderaten Bewegungsprogramm sowie abwechselnden Trink- und Trockentagen. Zunächst erwarte die Kurgäste eine so genannte Schrothsche Packung, erläutert Brosig. Dabei werden sie nachts in nass-kalte Tücher gewickelt und bekommen drei Wärmflaschen dazu. "Dann ist man innerhalb von drei bis fünf Minuten warm", sagt die Medizinerin. Die damit verbundene Temperaturerhöhung des Körpers bewirke eine Stoffwechselbeschleunigung, die den Kreislauf und die Durchblutung des Körpers anrege. "Das hat eine unheimlich entspannende Wirkung." Der Kurgast könne "nicht vor sich selbst weglaufen" und habe Zeit für innere Einkehr.

Immer wieder beschwören die Anhänger der Schrothkur die entschlackende und entgiftende Wirkung dieses Naturheilverfahrens auf den Körper. Doch gerade das ruft Kritiker wie den Ernährungswissenschaftler Alexandr Parlesak von der Universität Hohenheim in Stuttgart auf den Plan. Er hält gar nichts von den Entschlackungsversprechungen an den Kurkliniken. "Das ist eine gewisse Scharlatanerie", kritisiert Parlesak. Die Entschlackungsstoffe, die der Körper bei der Kur angeblich ausscheidet, seien der Wissenschaft völlig unbekannt. Die Schlackenstoffe wurden ihm zufolge nie wissenschaftlich nachgewiesen.

Etwas Gutes lässt aber auch er an der Schrothdiät. Sie sei immerhin besser als eine Nulldiät. Dennoch verbleiben für den Fachmann zahlreiche Kritikpunkte. Da sich die Menschen während der zwei- bis dreiwöchigen Kur ausschließlich vegan ernähren, also auf tierisches Eiweiß und Fett verzichten, komme die Proteinversorgung des Körpers zu kurz. Zudem fehlten dem Organismus die in tierischen Produkten vorkommenden Vitamine B 12 und D sowie die ebenfalls sehr wichtige Folsäure. Zu regelrechten Mangelerscheinungen komme es aber in dieser relativ kurzen Zeit nicht, sagt Parlesak.

Brosig dagegen schwört auf die Schrothdiät, bei der Gemüse und selbst Obst gekocht werde, um den Darm zu entlasten. Bei den meisten Kurgästen habe diese spartanische Ernährung den "angenehmen" Nebeneffekt einer deutlichen Gewichtsabnahme. Frauen verlieren ihr zufolge in drei Wochen etwa acht, Männer zehn Prozent ihres Körpergewichtes. Für viele Anhänger der Schrothkur dürfte dies der eigentliche Grund sein, die Behandlungen und Diäten über sich ergehen zu lassen.

Viele der innerlich "gereinigten" und schlankeren Kurgäste fallen allerdings zu Hause wieder in alte Essgewohnheiten und schnell auf ihr früheres Gewicht zurück - und das trotz der Ernährungsseminare, die ihnen in Oberstaufen angeboten werden. Parlesak ist verärgert über die Argumente der Kurärzte, die ihren Patienten eine schnellere Fettverbrennung durch die Ernährung bei der Schrothkur versprechen. "Das stimmt nicht", sagt er. Ist eine Kalorie erst einmal im Körper, müsse sie in jedem Fall verbrannt werden - egal, wie man sich ernährt. "Das wird aber von den Ärzten propagiert, die es eigentlich besser wissen sollten", moniert der Fachmann.

Umstritten ist auch eine weitere Säule der Schrothkur - der Wechsel zwischen Trink- und Trockentagen. Während an den Trockentagen nur sehr wenig oder gar nichts getrunken wird, bekommen die Kurgäste an den Trinktagen sogar Wein zur inneren Reinigung angeboten. "Bis zu einem Liter Wein haben die Patienten früher bekommen. Jetzt ist es nur noch ein viertel Liter für Frauen und ein halber für Männer - und das über mehrere Stunden verteilt", sagt Brosig. Dies liege in einem Bereich, der von der Schulmedizin anerkannt werde. Aber gerade wegen des Alkoholkonsums ist die Schrothkur in der Kritik. Häufig wird deshalb der Wein durch Säfte oder Kräutertees ersetzt.

Brosig rät psychisch Kranken sowie Menschen mit akuten Infektions- oder Krebserkrankungen, einer Schilddrüsen-Überfunktion oder einer stark gestörten Nierenfunktion von der Schrothkur ab. Ansonsten sei das Naturheilverfahren bis ins hohe Alter empfehlenswert. Allerdings solle die erste Kur vor dem 70. Lebensjahr liegen, schränkt die Medizinerin ein.

Parlesak sieht die Schrothkur als "so eine Art Urlaub" an, die keinen echten Nutzen bringe, aber auch keine Schäden verursache. Für diese ernüchternde Bilanz ist der Preis einer solchen Kur nicht unerheblich: Pro Woche zahlt man Brosig zufolge je nach Unterbringung und Behandlungen zwischen 350 und 1000 Euro.


Was ist die Schrothkur?

Oberstaufen (ddp). Ihr Name stammt von dem Naturarzt Johann Schroth, der im Jahre 1829 dieses klassische Naturheilverfahren begründete. Wie so oft in der Geschichte der Naturheilmedizin hat auch Johann Schroth seine Anwendungen zunächst an sich selbst erprobt: Im Alter von 18 Jahren erlitt er eine schwere Kniegelenksverletzung durch den Hufschlag eines seiner Fuhrpferde. Mit kalten Umschlägen, die er bis zur Erwärmung liegen ließ, konnte er seine schlimme Verletzung vollständig auskurieren. Diese Methode wandte er zunächst bei erkrankten Tieren und dann auch bei Menschen an.

"In feuchter Wärme gedeiht Holz, Frucht und Wein, selbst Fleisch und Bein" erkannte er aus der Natur. Schroth beobachtete auch, dass kranke Tiere die Nahrungsaufnahme und das Trinken einschränkten oder ganz verweigerten. Dies brachte ihn auf die Idee, neben der feuchten Wärme, die Schrothsche Diät und den rhythmischen Wechsel von Trink- und Trockentagen einzuführen.

Über wenige Wochen wechseln sich diese Trink- und Trockentage ab, an denen eine kalorien- und eiweißarme, fett- und salzarme Kost aus Getreidebrei, Vollkornbrot und Gemüsesuppen gegessen wird. Getränke, darunter auch Wein, gibt es an den Trinktagen. Zusätzlich sorgen Ganzkörperpackungen für eine gute Durchblutung und regen den Stoffwechsel an.

Viele Kurorte bieten die Schrothkur an. Am bekanntesten ist Oberstaufen im Allgäu. Mittlerweile kann man auch modifizierte Schrothkuren durchführen, die ohne Alkohol auskommen und besser verträglich sind. Bei der traditionellen Schrothkur kommen die lebenswichtigen Nährstoffe zu kurz.

http://www.oberstaufen-schrothkur.de
http://www.netdoktor.de



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