Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

Startseite Rubrik: Meldung vom Tage aktualisiert 03.02.2004


Übersicht "Meldung vom Tage" (Januar 2004)

07.01.04

Praxisgebühr in Kliniken: "bürokratisches Desaster"


Von Thorsten Severin

Berlin (ddp). Die zum 1. Januar eingeführte Praxisgebühr bereitet den Ärzten heftige Magenschmerzen. Die Ärztevereinigung Hartmannbund startete am Mittwoch in Berlin eine breit angelegte Aktion gegen die Abgabe. Wie Verbandschef Hans-Jürgen Thomas sagte, will seine Organisation mit Plakaten, «verfremdeten» Zehn-Euro-Scheinen und Aufklebern in den Arztpraxen gegen die Zuzahlung zu Felde ziehen.

Der Chef des Klinikärzteverbandes Marburger Bund, Frank Ulrich Montgomery, kritisierte, die Praxisgebühr entwickele sich besonders in den Krankenhäusern zu einem «bürokratischen Desaster». Er verwies darauf, dass der entsprechende Verwaltungsaufwand in Krankenhäusern ungleich höher sei als bei niedergelassenen Ärzten. Auch in den Abend- oder Nachstunden seien Notärzte gehalten, die Praxisgebühr einzutreiben. Damit würden Schwestern und Ärzte zu «Inkassobeamten der Bundesgesundheitsministerin» gemacht.

Zudem lenke die Praxisgebühr Schwestern und Ärzte von ihrer eigentlichen Arbeit ab und störe damit die Patientenversorgung. Die Bundesregierung wäre gut beraten, nach den negativen Erfahrungen die neue Abgabe wieder zurückzunehmen, sagte Montgomery.

Hartmannbund-Chef Thomas bezeichnete den Begriff Praxisgebühr als «irreführend», weil «es sich um eine Gebühr für die Krankenkassen handelt, zu deren Einzug die Arztpraxen als Inkassostelle missbraucht werden». Die bürokratische, personelle und zeitliche Mehrbelastung in den Praxen sei «nicht hinnehmbar». Als «gangbaren Weg» schlug der Hartmannbund-Vorsitzende ein Scheckheft von 40 Euro pro Jahr vor, das vier 10-Euro-Quittungen enthält und zu Jahresbeginn von den Kassen an ihre Versicherten ausgegeben werden könnte.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) entgegnete, der Hartmannbund fordere viel. An den Vorhaben der Regierung habe dies aber bisher nie etwas geändert.

Die große Mehrheit der Deutschen will trotz Praxisgebühr genauso häufig den Arzt aufsuchen wie bisher. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Magazins «Stern» wollen 87 Prozent der Befragten in Zukunft nicht seltener zum Arzt gehen. Die Bevölkerungsgruppe, die Arztbesuche am meisten reduzieren will, sind Arbeiter. Von ihnen haben sich der Umfrage zufolge 26 Prozent vorgenommen, seltener zum Arzt zu gehen. Nur vier Prozent der Beamten und Selbstständigen gaben an, ihre Arztbesuche wegen der neuen Abgabe einschränken zu wollen.

Gesetzlich Krankenversicherte, die eine Überweisung zum Psychotherapeuten erhalten, müssen bei diesem künftig keine zusätzliche Praxisgebühr bezahlen. Einen entsprechenden Bericht der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» bestätigte ein Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin. Kranke, die zuerst den Psychotherapeuten aufsuchen, zahlen dort die Praxisgebühr und erhalten eine Quittung.

Die Krankenkassen und das Ministerium schlugen derweil im Streit mit den Augenärzten eine deutlich härtere Gangart ein. Schmidt und Barmer-Chef Eckart Fiedler drohten den Medizinern mit Entzug der Kassenzulassung, falls sie ihren Patienten Leistungen weiter privat in Rechnung stellten. Der Berufsverband der Augenärzte hatte seinen Mitgliedern empfohlen, die Brillen-Beratung nicht mehr als Kassenleistung anzuerkennen, da auch keine Zuschüsse mehr für Brillen gezahlt werden.



ddp

Übersicht "Meldung vom Tage" (Januar 2004)

Hier können Sie unseren Newsletter mit Neuigkeiten aus Psychiatrie, Soziales und Selbsthilfe bestellen!


RUBRIK
Meldung vom Tage

nach oben | E-Mail | Startseite  | Newsletter | Impressum |


nach oben Kontakt Startseite