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03.03.2005



Übersicht "Meldung vom Tage" (März 2005)


03.03

"Ein Drittel ist überfordert" - Experten vermuten hohe Dunkelziffer
bei Misshandlungen von Kindern durch ihre Eltern

ddp


Von den ddp-Korrespondenten Peter Leveringhaus und Jana Werner

Berlin (ddp-nrd). Verhungert, verdurstet, totgeprügelt - Misshandlungsdramen, in denen Kinder an den von ihren Eltern erlittenen Qualen sterben, machen immer wieder Schlagzeilen. Der jüngste Fall der verhungerten siebenjährigen Jessica in Hamburg ist nach Ansicht von Jugendsoziologen zwar ein "Extrembeispiel". Aber "die Dunkelziffer nicht erkannter seelischer und körperlicher Misshandlungen ist hoch", sagte der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann am Donnerstag im ddp-Gespräch. "Ein Prozent der Kinder in Deutschland erleidet wegen Misshandlungen dauerhafte körperliche Schäden", sagte Hurrelmann. Schätzungsweise ein Drittel der Eltern sei mit der Erziehung überfordert.

Das Hamburger Jugendamt hatte nach eigenem Bekunden nichts von Jessicas Martyrium gewusst. Das Mädchen war am Dienstag nach offenbar monatelanger Unterernährung gestorben. Die Siebenjährige hatte nur noch 9,5 Kilogramm gewogen. Die 35-jährige Mutter und ihr Lebensgefährte, der 49-jährige Vater des Mädchens, befinden sich in Untersuchungshaft. "Wir sind weder von Familienmitgliedern noch von Freunden oder Nachbarn, noch von anderen Institutionen über den Zustand des Mädchens informiert worden", sagte Volker de Vries, Jugendamtsleiter des zuständigen Bezirkes Wandsbek, auf Anfrage.

Jessica hätte bereits im August 2004 eingeschult werden müssen. Als sie nicht erschien, schaltete die Schule die Regionale Beratungs- und Unterstützungsstellen (Rebus) ein. "Rebus"-Mitarbeiter hätten daraufhin mehrfach vergeblich versucht, Kontakt zu der Familie aufzunehmen. Schließlich verhängte die Behörde ein Bußgeld, auf das die Eltern jedoch nicht reagierten. Eine Meldung an das Jugendamt gab es aber nicht, war beim Hamburger Kinderschutz-Zentrum zu erfahren. "Das Zusammenspiel der zuständigen Behörden hat hier nicht funktioniert", sagte die Leiterin Cordula Stucke.

Für den Deutschen Kinderschutzbund ist das Drama um Jessica kein Einzelfall. "Ich befürchte, dass es einige solcher Fälle in ganz Deutschland gibt, die nur nicht an die Öffentlichkeit dringen", sagte Uwe Hinrichs vom Hamburger Landesverband des Kinderschutzbundes. "Wenn sich nicht grundlegend etwas ändert, wird Jessica kein Einzelfall bleiben."

Nach Ansicht von Jugendforscher Hurrelmann müssten überall die Alarmglocken schellen. Der Mittelstand schrumpfe, der Rand der Gesellschaft werde breiter. "Der gerade vorgelegte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung belegt die wachsenden Probleme gerade für Familien mit kleineren Kindern", sagte Hurrelmann.

Die Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestages, Ekin Deligöz (Grüne), fordert mehr qualifizierte Hilfen für Eltern. Die Fälle von Verwahrlosung und Misshandlung von Kindern zeigten, dass viele Familien Unterstützung bei der Erziehung benötigten, sagte Deligöz im ddp-Gespräch. Mehr staatliche Zahlungen an Familien schützten aber nicht vor Vernachlässigung. In Deutschland sei jahrzehntelang der Fehler gemacht worden, die Familien nur über finanzielle Hilfen aus der Armut holen zu wollen. "Der Irrglaube war, dass sich der Rest an Problemen dann schon von allein erledigen werde", sagte Deligöz.

Die Vorsitzende des Deutschen Elternvereins, Elisabeth Mundlos, sieht das ähnlich. "Sozialhilfe bedeutete in den vergangenen 20 Jahren fast nur: Geld verteilen", sagte die. Es müsse sich endlich die Erkenntnis durchsetzen, dass Sozialhilfe vor allem Bildung und Lebenshilfe bieten müsse.

Hurrelmann beschreibt das grundsätzliche Dilemma: "Der Privatraum der Familie ist zu Recht durch das Grundgesetz gesichert." Die einzige Möglichkeit, kriminelle Misshandlungen wie im Fall Jessica durch ein familiäres oder nachbarschaftliches Umfeld zu verhindern, sei "in unserer Zeit sehr distanziert und brüchig geworden".


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