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09.03.2005



Übersicht "Meldung vom Tage" (März 2005)


09.03

Glück fordert neue Seniorenpolitik
Warnung vor Generationenkrieg

ddp


München (ddp-bay). Der bayerische Landtagspräsident Alois Glück (CSU) dringt auf eine neue Seniorenpolitik. Diese müsse "die Potentiale der Senioren für die gemeinsamen Aufgaben mobilisieren", sagte Glück der Nachrichtenagentur ddp in München. Notwendig sei zudem ein "Dialog der Generationen" über die künftige Lastenverteilung.

Glück mahnte, bei den Fragen zur Zukunft des Sozialstaats müsse man "miteinander um Lösungen ringen". Notwendig sei dabei ein Umdenken auf beiden Seiten. So dürften die Senioren nicht als "altes Eisen" betrachtet werden. Zugleich müsse man bei den älteren Menschen um Verständnis dafür werben, dass auch sie "mehr an Belastungen übernehmen müssen".

Glück betonte: "Wir müssen damit rechnen, dass in den nächsten Jahren ein härterer Verteilungswettbewerb zwischen den Generationen kommen wird." Deshalb sei jetzt ein Dialog notwendig, "damit das nicht in einem Konflikt oder gar Krieg der Generationen mündet".

Der Landtagspräsident warnte: "Für die Jungen wäre es schlimm, wenn sich die Älteren gegen sie wenden. Und für die Älteren wäre es dramatisch, wenn sich die Jüngeren verweigern. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die Situation nicht eskalieren lassen."

Glück verwies darauf, dass aus der geschichtlichen Erfahrung heraus ältere Menschen "mehr oder minder immer noch als eine eher hilfsbedürftige Gruppe" empfunden werden. Er betonte: "Die Senioren von heute haben aber eine ganz andere Lebenskraft und auch ganz andere wirtschaftliche Möglichkeiten als früher. Und insofern haben die Senioren auch ein großes Potential für unser Gemeinwesen."

Glück nannte es eine Aufgabe der Politik, die Veränderung der Bevölkerungsstruktur mit der größeren Zahl älterer Menschen nicht als eine Belastung zu sehen, sondern als Chance. Ein großer Teil der Senioren wolle sich engagieren.


INTERVIEW

"Kein altes Eisen" - Glück fordert neue Seniorenpolitik

München (ddp-bay). Die verbalen Attacken des mittlerweile zurückgetretenen Bundesvorsitzenden der Jungen Liberalen auf die Senioren haben die Frage der Generationengerechtigkeit wieder in den Mittelpunkt der politischen Debatte gerückt. Der bayerische Landtagspräsident Alois Glück (CSU) warnt in einem ddp-Interview vor einem härter werdenden Verteilungswettbewerb. Notwendig sei nun ein Dialog zwischen den Generationen. Mit Glück sprach ddp-Korrespondent Jörg Säuberlich in München.

ddp: Gibt es in Deutschland einen wachsenden Generationenkonflikt?

Glück: Wir müssen damit rechnen, dass in den nächsten Jahren ein härterer Verteilungswettbewerb zwischen den Generationen kommen wird. Und deswegen ist es unendlich wichtig, dass wir einen Dialog der Generationen führen, damit das nicht in einem Konflikt oder gar Krieg der Generationen mündet.

ddp: Geht es hierbei vor allem ums Geld?

Glück: Das latente Konfliktpotential sind vor allem die Auswirkungen der veränderten Altersstruktur auf die Sozialsysteme. Wir haben auf der einen Seite die großartige Entwicklung einer dritten Lebensphase nach dem Berufsleben in einer Qualität und Dauer, wie es noch vor 20 Jahren praktisch undenkbar war. Da sie aber verbunden ist mit einer dramatisch niedrigen Geburtenrate, führt dies zu ganz schwierigen Problemen. Das Thema Generationengerechtigkeit wird vielleicht die schwierigste politische und auch ethische Herausforderung, vor der wir stehen.

ddp: Die Senioren haben ja ein Druckpotential - sie können darauf verweisen, dass sie eine starke Wählergruppe bilden.

Glück: Wir können die Aufgaben nicht regeln nach dem Motto: Wo sind die Wahlmehrheiten. Wenn es am Schluss so ein reiner Machtkampf würde, dann sind wir schon auf dem Weg in eine schlimme Konfliktsituation. Wir müssen jetzt dafür werben, dass wir miteinander eine Neuverteilung der Aufgaben und auch von Belastungen finden müssen. Nur über einen Dialog der Generationen gibt es ein menschliches Zusammenleben - und auf das sind beide Generationen angewiesen. Für die Jungen wäre es schlimm, wenn sich die Älteren gegen sie wenden. Und für die Älteren wäre es dramatisch, wenn sich die Jüngeren verweigern. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die Situation nicht eskalieren lassen.

ddp: Welche Aufgaben hat dabei die Politik?

Glück: Es ist sicher Aufgabe der Parteien, diesen Dialog der Generationen voranzutreiben. Es ist aber ebenso Sache aller anderen gesellschaftlichen Gruppen, zum Beispiel der kirchlichen Gemeinschaften. Dabei geht es auch darum, neue Formen der Zusammenarbeit zu fördern - zum Beispiel im Zusammenhang mit bürgerschaftlichem Engagement für Familien. Notwendig ist zudem ein neuer Zugang zur Seniorenpolitik. Wir empfinden gegenwärtig aus der geschichtlichen Erfahrung heraus ältere Menschen mehr oder minder immer noch als eine eher hilfsbedürftige Gruppe. Die Senioren von heute haben aber eine ganz andere Lebenskraft und auch ganz andere wirtschaftliche Möglichkeiten als früher. Und insofern haben die Senioren auch ein großes Potential für unser Gemeinwesen.

ddp: Gab es in diesem Zusammenhang Versäumnisse der Politik?

Glück: Die Politik klagt häufig darüber, dass die Wirtschaft keine vernünftige Einstellung zu den älteren Menschen hat. Eigentlich muss die Politik da auch selbstkritisch in den Spiegel schauen. Wir brauchen eine neu konzipierte Seniorenpolitik, die vor allem auch die Potentiale der Senioren für die gemeinsamen Aufgaben mobilisiert. Es ist Aufgabe der Politik, die Veränderung der Bevölkerungsstruktur mit der größeren Zahl älterer Menschen nicht als eine Belastung zu sehen, sondern auch als Chance. Es handelt sich oft um Menschen voller Lebenskraft, voller Möglichkeiten und voller Erfahrungen.

ddp: Sind hierfür Anlaufstellen für Senioren auf kommunaler Ebene sinnvoll?

Glück: Wir haben zwar schon jetzt Seniorenorganisationen, auch bei den Parteien. Aber nach meiner Beobachtung sind sie noch zu sehr im traditionellen Denken verhaftet oder betrachten sich nur durch die Brille der älteren Menschen als eine Art Interessensvertretung. Ich sehe ganz großes Potential bei den Senioren für die Vielfalt des bürgerschaftlichen Engagements. Und dieses Potential müssen wir positiv erschließen.

ddp: Sollte so etwas wie ein "Soziales Jahr für Senioren" etwa im Bereich der Kinderbetreuung eingeführt werden - auch um der jüngeren Generation zu zeigen, dass sich die Älteren engagieren?

Glück: Ich glaube, dass wir neue Reglementierungen nicht brauchen. Ein großer Teil der Senioren möchte sich von sich aus engagieren - auch weil dies eine große Chance für eine Sinnfindung in dieser dritten Lebensphase ist. Die Erfahrung des Gebrauchtwerdens ist für Menschen unendlich wichtig - und deshalb braucht man da nicht viel reglementieren. Notwendig ist aber, positiver über das Engagement von Senioren zu reden und sie nicht als "altes Eisen" zu bezeichnen.

ddp: Wie sollte das Engagement von Senioren organisiert werden?

Glück: Es gibt schon Gemeinschaften wie die Aktiv-Senioren. Im Sinne einer Bürgerbewegung sollte durchaus die Politik vor Ort und auf der Landesebene solche Initiativen unterstützen. Ein gutes Beispiel für ein Engagement von Älteren ist etwa die Zusammenarbeit von Seniorenkreisen mit Kindergärten.

ddp: Halten Sie es für sinnvoll, wenn etwa bei der CSU die Senioren-Union und die Junge Union künftig in gemeinsamen Sitzungen tagen?

Glück: Sicher nicht generell - aber es gibt Themen, wo das ganz wichtig ist. So sollten bei Fragen zur Zukunft des Sozialstaats die jüngere und die ältere Generation miteinander um Lösungen ringen. Dabei müssen wir bei den älteren Menschen um Verständnis dafür werben, dass sie auch mehr an Belastungen übernehmen müssen. Dies kann konkret heißen, dass die Renten und Pensionen einen geringeren Zuwachs haben.

ddp: Lässt sich das gegenüber den Betroffenen vermitteln?

Glück: Die Politik hat das Problem, dass es häufig als Undankbarkeit und als unsozial gebrandmarkt wird, sobald wir älteren Menschen etwas zumuten müssen. Ältere Menschen können häufig nicht verstehen, dass sie genauso in der Generationensolidarität stehen den Jungen gegenüber wie die Jungen den Älteren gegenüber. Generationensolidarität ist keine Einbahnstraße. Notwendig ist ein Umdenken auf beiden Seiten.


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