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Von ddp-Korrespondent Peter Leveringhaus
Berlin (ddp). Vor der Bundestagswahl hat die Demoskopie wieder Hochkonjunktur. Neben Präferenzen für Parteien und Personen wird auch die Psyche des Volkes unter die Lupe genommen. "Wie depressiv ist Deutschland wirklich?", fragt zum Beispiel ein Internet-basiertes Stimmungsbarometer (www.depressionsbarometer.de). Der am Donnerstag anlaufende Kinofilm "Die große Depression" widmet sich ebenfalls der deutschen Melancholie. Und Bayern-Fußballmanager Uli Hoeneß forderte jüngst in der ZDF-Sendung "Berlin Mitte" das Volk auf, doch endlich seine kollektiv miese Stimmung abzulegen. "Typisch deutsche Selbstbespiegelung", spotten manche, während andere besorgt sind. Wie schlimm ist also die Lage?
"Eine leichte depressive Verstimmung konnte man anfänglich schon feststellen", sagt der Organisationsberater Fritz Simon, wissenschaftlicher Chef des Depressionsbarometers, das vom Managementzentrum Witten der Universität Witten/Herdecke Anfang Juli gestartet wurde. Doch die Online-Umfrage könne "selbstverständlich nicht repräsentativ" sein. "Sie soll vielmehr das Bewusstsein wecken, für die Art und Weise, wie wir auf die Weltlage reagieren und weitere Fragen ableiten", sagt Simon im ddp-Gespräch. Zum Beispiel: Ist es angemessen, wie wir reagieren?
72 000 Internetnutzer hatten sich bis Montag beteiligt und die acht Fragen ("Der Blick in die Zukunft ist für mich..." oder "Ich bin zufrieden..." usw.) beantwortet. Vorläufiges Zwischenergebnis: Deutschland bewegt sich mit einem Indexwert von rund 33 Punkten im Normalbereich (Normal: 0 bis 39 Punkte, Verdacht auf depressive Verstimmung: 40 bis 54 Punkte, behandlungsbedürftig: 55 bis 105 Punkte).
Simon, der auch Facharzt für Psychiatrie und für psychotherapeutische Medizin ist, weiß, dass die Aktion umstritten ist: "Ich wurde schon gefragt, ob das Ernst oder eine Persiflage ist", gibt er zu. Beim Kompetenznetz Depression, dem führenden wissenschaftlichen Zusammenschluss, findet man das Projekt zwar interessant, ist aber nicht so glücklich darüber: "Man sollte es lieber 'Stimmungsbarometer' nennen, denn die Depression als ernsthafte Erkrankung hat mit einer vorübergehenden depressiven Verstimmung nicht viel zu tun", sagt der Koordinator der Netzwerkzentrale, Tim Pfeiffer-Gerschel.
"Ein 'Wie geht's denn heute?' ist für klinisch Depressionskranke keine Hilfe", fügt der Experte hinzu. Er sieht das Portal daher auch "nicht als Forum für Betroffene", sondern als Meinungsplattform für gute und schlechte Laune. Und: Die Medien stünden mit in der Verantwortung: "Wenn tagtäglich kommuniziert wird, dass wir alle am Abgrund stehen", dürfe man sich nicht wundern, wenn die Stimmung stabil im Keller bleibe, sagt Pfeiffer-Gerschel.
Dass es positive Signale gibt, belegen zwei Zahlen: Im August haben sich nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums durchschnittlich nur noch 2,67 Prozent der Beschäftigten krank gemeldet. Das sei der niedrigste Wert seit 1970. Und die Jüngeren (18- bis 30-Jährigen) sehen laut einer Umfrage der Zeitschriften "Stern" und Neon" ihre eigene Zukunft hoffnungsvoll (54 Prozent) oder sogar optimistisch (45 Prozent).
Genau das hat der Filmemacher Konstantin Faigle bei den Dreharbeiten für seinem Film "Die große Depression" erfahren: "Vor allem bei jungen Menschen, zumal in Ostdeutschland, haben wir nicht die Spur von Jammertal gefunden. Die sagen sich: 'Wir wissen, dass wir keine Chance haben. Also nutzen wir sie.'" Den Deutschen, die dennoch "sehr gründlich im Rauspicken des Negativen" seien, empfiehlt er das Phänomen Jürgen Klinsmann: "Der hat das biedere Schwäbische mit kalifornischem Positivismus verbunden." Anders ausgedrückt: Man muss auch mal ein mageres Remis oder eine Niederlage akzeptieren, ohne sich selbst zu zerfleischen.
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