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Von ddp-Korrespondentin Antje Pöhner
München/Stuttgart (ddp-bwb). Im Münchner Jugendamt herrscht Ratlosigkeit und Entsetzen. Niemand kann sich erklären, wie es zu dem tödlichen Schuss eines Münchner Jugendlichen auf seinen Erzieher in Griechenland kommen konnte. Weder für das Amt, das den Heimaufenthalt in Griechenland finanzierte, noch für die Hauptstelle des Heims in Baden-Württemberg sei die Tat des 14-Jährigen "in irgendeiner Weise" absehbar gewesen, betonte Stadtjugendamtschef Hubertus Schröer. Am Dienstag hatte der 14-Jährige seinen 63-jährigen Betreuer in der griechischen Außenstelle seines Kinderheims mit einem Bolzenschussgerät getötet. Als Konsequenz fordern bayerische und baden-württembergische Politiker den Stopp von Jugendhilfemaßnahmen im Ausland. CSU-Generalsekretär Markus Söder betonte: "Schluss mit der Kuschel-Pädagogik."
Die Sache sei dem Amt "völlig unerklärlich", beteuerte Jugendamtschef Schröer. Schließlich sei der Junge bisher "ein ganz normaler Jugendlicher einer normalen Heimerziehung" gewesen und noch nie strafrechtlich in Erscheinung getreten. Vielmehr sei er aufgrund von vorgeburtlichen Schädigungen durch seine schwer alkoholkranke Mutter psychisch krank.
Schon drei Monate nach seiner Geburt wurde der Junge in einem Münchner Kinderheim gesteckt. Mit vier Jahren kam er in die Kinder- und Jugendeinrichtung nach Baden-Württemberg. Seitdem befindet er sich in kontinuierlicher Betreuung der heilpädagogischen Einrichtung. Auch für seinen eineiigen Zwillingsbruder wurde nach Angaben Schröers "das richtige Arrangement" getroffen. Mehr wollte der Jugendamtsleiter zum Schutz des Bruders nicht zu diesem Thema sagen. Zu Vater und Mutter bestehe seit längerem kein Kontakt.
Bereits 2002/2003 hatte der Jugendliche, der sich nach Angaben des Jugendamts im Laufe seiner Erziehung immer weniger gruppenfähig zeigte und mit anderen Kinder schwer oder gar nicht zurecht kam, 15 Monate in der Kinderheim-Außenstelle bei dem 63-jährigen Erzieher und dessen Frau in Griechenland verbracht. Während dieser Zeit habe er "die beste Entwicklung seines bisher abgelaufenen Lebens" gemacht, betonte der Jugendamtsleiter.
Am Freitag vergangener Woche kehrte der Jugendliche, der seit mehreren Jahren mit Psychopharmaka behandelt wird, auf eigenen Wunsch wieder nach Griechenland zurück. Was mit dem Jugendlichen weiter geschieht ist, nach Angaben Schröers "eine Frage der griechischen Justiz".
Gleichzeitig wies der Jugendamtschef die Pauschalkritik der Politik an erlebnispädagogischen Maßnahmen zurück. Nicht alle diese Projekte dürften verdammt werden. Schließlich würden nur in "außergewöhnlichen und pädagogisch begründeten Einzelfällen" solche Aufenthalte genehmigt. Adressaten dieser Hilfeform seien "besonders belastete oder gefährdete Jugendliche", deren Entwicklung durch ein negatives Umfeld geprägt sei und die nur "weit weg von Zuhause" in einem anderen Milieu und Umfeld neue Werte und Normen vermittelt bekommen könnten.
Als Konsequenz aus dem Vorfall hatten sowohl CSU-Generalsekretär Markus Söder als auch die Sozialminister aus Bayern und Baden-Württemberg, Christa Stewens (CSU) und Friedhelm Repnik (CDU), einen Stopp erlebnispädagogischer Maßnahmen gefordert. Der aktuelle Fall zeige, dass "das Experiment Erlebnispädagogik völlig fehlgeschlagen sei", betonte Söder.
Repnik sagte, Auslandsprojekte seien "nicht nötig" und müssten ein Ende haben. Stewens hatte zuvor ebenfalls gefordert, Betreuungsmaßnahmen im Ausland nicht mehr anzubieten. Im Ausland sei die Qualitätskontrolle der Maßnahmen erschwert. In Bayern werde daher längst "das Konzept der geschlossenen Unterbringung in einer Clearingstelle" favorisiert.
Ein Lichtblick-Leser schreibt dazu:
Erst schickt man junge Leute ins Ausland, die für ihr vorheriges Verhalten nach dortigen Gesetzen längst im Gefängnis gelandet wären. Dann wundert man sich, wenns Probleme gibt und tut so, als sei das überraschend.
Es ist nun mal unerfreulich, junge Leute einsperren zu müssen.
E-Mail-Adresse bekannt, d. R.
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