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Von ddp-Korrespondent André Spangenberg
Berlin (ddp). Es ist fast schon ein Ritual: Jedes Jahr streiten Ärzte und Gesundheitsministerium bei der Vorlage des Arzneimittelverordnungs-Reports um mutmaßlich unnötig ausgegebenes oder zu wenig eingespartes Geld. Demnach drohen den Krankenkassen durch die zunehmende Verschreibung teurer Pillen Mehrbelastungen in Höhe von bis zu vier Milliarden Euro in diesem Jahr - was einer möglichen Beitragssatzsteigerung von 0,4 Prozentpunkten entspricht.
Angesichts dieser Zahlen schlägt Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) Alarm. Denn all die mühsam errungenen Einsparungen des vergangenen Jahres - bezahlt vor allem durch die Patienten mit der Praxisgebühr sowie den höheren Zuzahlungen bei Medikamenten - drohen von der Kostenexplosion bei Arzneimitteln um durchschnittlich 18 Prozent in den ersten neun Monaten 2005 wieder aufgefressen zu werden.
"Angesichts des erneuten Befundes von überflüssigen Kosten im Arzneimittelbereich ist es höchste Zeit für eine vorurteilsfreie Bestandsaufnahme", verlangt Schmidt mit Blick auf 2,9 Milliarden Euro, die laut Arzneimittelreport hätten eingespart werden können. Allein bei den so genannten Analogpräparaten wird für 2004 ein Einsparpotenzial von 1,2 Milliarden Euro berechnet.
Falsch, sagt Ulrich Vorderwülbecke vom Verband der forschenden Arzneimittelhersteller: "Diese Präparate abzulehnen macht weder medizinisch noch ökonomisch Sinn." Analogpräparate unterschieden sich sehr wohl von bisherigen Erstpräparaten in der Wirksamkeit, Wirkdauer oder dem Nebenwirkungsspektrum. Die mathematischen Einsparpotenziale sollten nicht zu Lasten der Patienten gehen.
Auch die Ärzteschaft ist sauer auf Schmidt. Man könne ja nicht ernsthaft auf der einen Seite die "beste Gesundheitsversorgung für alle" fordern, und auf der anderen Seite den Ärzten mit Kollektivregress drohen, mahnt der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Leonhard Hansen. Und die FDP warnt gar vor einem "Zwangsrabatt", den Schmidt offenbar plane.
Genau solche Instrumente sind aber aus Sicht von Dieter Paffrath, dem Herausgeber des Arzneimittelreports, die einzig richtige Konsequenz aus der Kostenexplosion. "Steigerungsraten bei Arzneimitteln sind unmittelbar beitragssatzrelevant", betonte er. Angesichts ungebremster Ausgabensteigerung und dem Trend zur Verschreibung immer teurerer Medikamente bestehe die Gefahr, dass die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung im kommenden Jahr "flächendeckend" steigen werden.
Schon in ersten Reaktionen werden Paffraths Vorschläge von Ärzten und Apothekern unisono als unzumutbar zurückgewiesen. Schließlich hat der Gesundheitsexperte an Tabus gerüttelt und einen kleinen, aber schmerzhaften Forderungskatalog aufgestellt: Eine dauerhafte Etablierung eines Solidarbeitrags der pharmazeutischen Industrie, eine Kürzung der Apothekervergütung von derzeit 8,10 Euro pro Packung sowie ein Festhalten an Festbeträgen für Arzneimittel, was auch für patentgeschützte Analogwirkstoffe gelten soll.
In die gleiche Kerbe schlägt Ulrich Schwabe vom Pharmakologischen Institut der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er kritisiert die Pharmaherstellen nicht nur für Produkte, die "marginale Vorteile bei erheblich höheren Kosten" brächten, sondern beklagt mit Blick auf Vioxx, Bextra oder Sortis eine "gezielte Desinformation marktbeherrschender Firmen". Nun werde noch massiv für inhalierbares Insulin geworben, das absehbar eine Milliarde Euro mehr Kosten verursache, aber letztlich keine Vorteile für Diabetiker brächte.
Seinen Rat wird Ulla Schmidt gern in die anstehenden Koalitionsverhandlungen mit der Union mitnehmen: "Angesichts solcher Kostensteigerungen durch zweifelhafte Innovationen sollten wir nicht nach einer weiteren Kostenverlagerung auf die Patienten rufen."
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