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18.10.2005



Übersicht "Meldung vom Tage" (Oktober 2005)



18.10.

OFFENER BRIEF von Dr. Rudolf Igelmann

ri

DR. RUDOLF IGELMANN
AM TEEBERG 18
29581 BOHLSEN - GERDAU

An die Vorstandsmitglieder des Vereins
"Initiative Sozialarbeit e.V. Schwerin"
Rogahner Strasse 4
19061 Schwerin


OFFENER BRIEF!

In großer Sorge um die Ziele unseres Vereins und der sozialpsychiatrischen Arbeit in M-V, wende ich mich heute in aller Öffentlichkeit an Sie und Ihre Verantwortung gegenüber unseren Psychisch-Kranken und Behinderten.

Unsere hohen Vereinsziele (bitte nachlesen!) verkommen immer mehr angesichts aktueller Fehlentscheidungen in der Sozialarbeit.

Im Fieberrausch des Neoliberalismus klingen sie in den Ohren der modischen Macher, Lobbyisten und Manager der sozialen Arbeit nur mehr wie romantische Märchensprüche aus ferner Zeit. Sie werden nur noch benutzt als gestanzte Redewendungen und beruhigende Phraseologien wohlfeiler Alibis.

Längst sind aus den Behinderten, aus den "Subjekten des Handelns" schweigende "Objekte der Behandlung" geworden.

Zur Erinnerung: Wer die "Goldene Regel", den Kategorischen Imperativ außer Kraft setzt, betreibt die Entwürdigung des Menschen, macht ihn zu einer SACHE, zu einer verfügbaren Masse im Profitpoker!

Immer wieder habe ich auf diesen Punkt aufmerksam gemacht:

Erstens, beim Scheitern der von mir mitbegründeten "Sozialpsychiatrischen Zusatzausbildung in M-V." Begonnen als breit angelegter qualifizierender Bildungsgang ist diese Ausbildung inzwischen abgeglitten in eine funktionalistische bürokratische Zurichtung für einen x-beliebigen Job (ohne Menschen- und Gesellschaftsbild, ohne Geschichte der Psychiatrie, ohne ethische Grundhaltung, etc.).
Alle Interventionen bei den verantwortlichen Stellen, auch Landtagspetitionen blieben erfolglos.

Zweitens bei der Einführung des sog. "I.B.R.P" = Integrierter Behandlungs- und Rehabilitationsplan
(ein bürokratisches Fragebogenmonster: Sozialtechnologie ohne Subjektbegriff!).

Drittens, bei der geplanten Einführung von "Minutenpreisen" (ein Skandalon, wie sich bereits in der Altenpflege gezeigt hat!). Siehe: Zeitungsartikel der SVZ vom 17./18.3.2003: "Psychisch Kranke künftig nach der Stoppuhr versorgt?"

Der akute Anlaß dieses Offenen Briefes ist allerdings noch gravierender, weil er über das Vereinsinteresse hinaus die res publica betrifft. Der Umgang mit Behinderten ist immer auch eine öffentliche Sache, die sich im nur Privaten oft genug als res dubia entpuppt.

Als langjähriges Vereinsmitglied, im Vorstand und als Gesellschafter der "Anker Sozialarbeit gGmbH" in Schwerin bin ich bestürzt über den Vorstandsbeschluß (?), die Palettenproduktion mit Behinderten zu betreiben.

Diese Entgleisung schmerzt mich umso mehr, als ich mir sicher war, daß ein solches gedanken- und würdeloses Experiment vom Vorstand unseres honorablen Vereins nie und nimmer gutgeheißen würde!

Ich war überzeugt, dass die sog. "Pilzzucht" mit Behinderten der GGP in Rostock die einzige und einmalige Verirrung in der Sozialarbeit in M-V bleiben würde (Pilze pflücken im Bunker, in Bückstellung/5 kg pro Stunde/bei 60 dB).

Ich habe mich getäuscht!

Solche mechanischen "Arbeiten", zweckgerichtet nur auf den Gewinn, haben gar nichts mit Gemeinnützigkeit zu tun. Sie rufen über kurz oder lang - gerechtfertigter Weise - die Finanzbehörden auf den Plan!

Darüber hinaus löst eine derartig stumpfsinnige und dumme Beschäftigung, die Behinderten wieder einmal zugemutet wird, eine Kette von bösen Erinnerungen aus, die den dunkelsten Kapiteln unserer Psychiatriegeschichte entstammen.

Ich bin maßlos erbost und tief beschämt über diesen kritiklosen Beschluß (?) des verantwortlichen Vorstandes; dieses trifft umso mehr, als ich erfahre: Dieser "Beschluß" wurde gefaßt ohne den kompetenten Rat und Sachverstand der Vorstandsvorsitzenden Frau Petra Michel und ohne Rücksprache mit der erfahrenen Prokuristin Frau Elvira Ondrasch.

Eine solche Verachtung allgemeingültiger Normen hat wohl auch zum sofortigen Rücktritt der Vorsitzenden und zum Vereinsaustritt geführt.

Ich muß also annehmen, daß der Beschluß zur Palettenproduktion mit unseren Behinderten auf eine sehr opake Weise zu Stande kam.

Einem "gemeinnützigen" Verein, dessen Vorstand die einfachsten demokratischen Regeln der Mitbestimmung auf diese Weise mißachtet, mag ich nicht mehr und keinen Tag länger, angehören.

Hiermit erkläre ich meinen sofortigen Austritt!

( Dr. Rudolf Igelmann )

Bohlsen, 12. Oktober 2005



Dazu: Dr. R. Igelmann: "Verirrung in der Sozialarbeit in M-V"



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