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24.10.2005



Übersicht "Meldung vom Tage" (Oktober 2005)



24.10.

Wenn die Angst vor dem Zahnarzt zur Krankheit wird
Fünf Prozent der Bundesbürger leiden unter Behandlungsphobie

ddp

Psychotherapie hilft

Von ddp-Korrespondent Kai Gerullis

Hamburg/Frankfurt/M. (ddp). Schon allein der Gedanke an Zahnarztstuhl und Bohrer treibt vielen den kalten Schweiß auf die Stirn. Die Vorstellung, dass ein fremder unkontrolliert im eigenen Mund aktiv wird, ist für manchen schier unerträglich. Trotz weitgehend schmerzfreier Behandlung durch örtliche Betäubung haben bis zu 80 Prozent der Bundesbürger Angst vor dem Zahnarzt. Bei fünf bis zehn Prozent ist diese Furcht sogar so groß, dass sie den Besuch bei ihm völlig vermeiden. Sie leiden unter Zahnbehandlungsphobie, einer krankhaften Angst - und die hat oft schwer wiegende Folgen.

"Einige Betroffene ertragen jahrelange Zahnschmerzen, nur um nicht in die Praxis zu müssen", erzählt Zahnarzt Mats Mehrstedt aus Hamburg. "Weil die kaputten Zähne nicht behandelt werden, fallen sie irgendwann aus. Wenn der Sichtbereich betroffen ist, ziehen sich viele Menschen aus Scham auch aus dem sozialen Leben zurück", sagt Mehrstedt, der sich auf die Behandlung von Patienten mit Ängsten und Phobien spezialisiert hat. Oft folgen dann auch psychische Leiden, die sich mit Schmerzen auch in anderen Körperbereichen bemerkbar machen könnten.

Die Ursachen für die krankhafte Angst sind vielfältig. "Auslöser sind meist schlechte Erfahrungen, die Menschen in der Vergangenheit mit Zahnärzten gemacht haben. In der Regel spielen dabei erlittene Schmerzen eine wesentliche Rolle", betont Psychologe Manfred Prior aus Frankfurt am Main. "Aber auch das Gefühl, auf dem Zahnarztstuhl keine Kontrolle über die Situation zu haben, kann ein Auslöser sein", weiß der Fachmann, der sich auf die psychologische Schulung von Zahnärzten spezialisiert hat.

Ob eine Zahnbehandlungsphobie vorliegt, kann unter anderem mit einem Fragebogen getestet werden - entsprechende Formulare sind bei einigen Zahnärzten sowie im Internet erhältlich. "Liegt eine mögliche Phobie vor, sollte der Patient unbedingt das Gespräch mit seinem Hauszahnarzt suchen, ihm am besten den Fragebogen vorlegen", empfiehlt Hans Peter Jöhren, Vorsitzender des Arbeitskreises für Psychologie und Psychosomatik in der Zahnheilkunde in der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Gemeinsam mit dem Hauszahnarzt könne dann über eine Therapie gesprochen werden.

Ein Behandlungsansatz der Phobie setzt auf eine Verhaltenstherapie. Diese erfolgt im Idealfall in enger Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und einem Psychotherapeuten. Als erster Schritt wird ein ausführliches Aufklärungsgespräch angesetzt, außerdem werden die Patienten mit Techniken zur Muskelentspannung vertraut gemacht. Durch Gespräche ergründen die Fachleute die Ursachen der Angst und diskutieren diese mit dem Patienten. Später folgen Entspannungsübungen direkt auf dem Zahnarztstuhl. Schritt für Schritt soll so die Angst abgebaut, Vertrauen geschaffen und eine regelmäßige Behandlung der Zähne ermöglicht werden.

Hilft auch die Psychotherapie nicht, oder ist Eile bei der Behandlung kaputter Zähne geboten, kann auch die Vollnarkose eingesetzt werden. Einige Praxen bieten diese in Zusammenarbeit mit einem Anästhesisten an. "Das sollte aber eher die Ausnahme sein, denn dadurch wird die Angst nicht beseitigt", betont Mehrstedt. "Muss trotzdem unter Vollnarkose behandelt werden, versuche ich die Patienten immer zu Teilnahme an einer Therapie zu überzeugen. Denn so kann die Angst dauerhaft besiegt werden."

Erfahrungen aus der Therapie kommen übrigens auch Patienten zugute, die zwar ängstlich sind, aber von einer Phobie weit entfernt sind. So empfehlen die Experten ihnen beispielsweise, ihre Lieblingsmusik - etwa in Form eines MP3-Players - zur Behandlung mitzubringen. "Das setzt die Schmerzschwelle herauf", sagt Jöhren. Auch Atemübungen können eventuelle Befürchtungen vor der Behandlung zerstreuen.

Doch auch die Zahnärzte können einen großen Teil dazu beisteuern, dass ihre Patienten ohne Vorbehalte in die Praxis kommen. Eine offene und umfassende Kommunikation sollte bei allen Behandlungsschritten selbstverständlich sein. "90 Prozent der Zahnarzt-Ängste können durch einen guten Umgang des Zahnarztes mit dem Patienten abgebaut werden", sagt Prior. "Allein der typische Geruch einer Zahnarztpraxis löst bei vielen Menschen alte Ängste aus und erinnert an schlechte Erfahrungen. Die für diesen Geruch verantwortlichen Stoffe sind heute aber leicht durch geruchsneutrale Stoffe zu ersetzen", betont Prior. Nach Meinung weiterer Experten sollten auch Vorgespräche in einem neutralen Zimmer stattfinden - möglichst ohne die typische weiße Bekleidung.



Weiterführende Informationen

Köln (ddp). - Im Internet unter www.zahnbehandlungsangst.com erfahren Interessierte zum Beispiel, wie Angst entsteht und was eine Angsterkrankung ist. Darüber hinaus gibt es dort einen Fragebogen, der dabei hilft, die eigene Angst richtig einzuschätzen. Das Ergebnis eines solchen Selbsttests ist auch für den Zahnarzt wichtig, um richtig mit dem Patienten kommunizieren zu können. Nur so kann er eine zahnärztliche Therapie planen, die dem Ausmaß der Angst Rechnung trägt.

- Weitere Informationen zum Thema gibt es auf den Internetseiten der Deutschen Gesellschaf für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) unter www.dgzmk.de


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