|
|
Von ddp-Korrespondent Klaus-Peter Voigt
Magdeburg (ddp-lsa). Es sind vorwiegend Männer, die den eher stillen "Dialog" mit dem Spielautomaten suchen. Ihr Alter reicht meist von Mitte 20 bis Anfang 40. Wie viele von ihnen abhängig sind und fast täglich in der Spielothek oder der Kneipe um die Ecke versuchen, das kleine oder große Glück zu finden, lässt sich nicht sagen. Statistiken fehlen, die Dunkelziffern sind hoch. Deutschlandweit rechnen Experten mit 90 000 bis 150 000 Spielsüchtigen, sagt Kerstin Klanert, Leiterin der Suchtberatungsstelle der Magdeburger Stadtmission der evangelischen Kirche.
Dort lassen sich mehr Glücksspielabhängige als noch vor zwei Jahren beraten. Jeder sechste Klient der Mission ist von der Sucht betroffen. Etwa 15 Prozent aller 1500 Sucht-Gespräche 2004 galten diesem Problem. In diesem Jahr ist ein ähnlicher Trend festzustellen, sagt Kerstin Klanert. Die Mehrzahl der Glücksspieler "verzocken" ihr Geld tatsächlich an Automaten. Weit weniger würden die Spielbank oder Pferderennen besucht. "Das Problem ganz allgemein ist nicht neu, schon vor 3000 Jahren gab es Leute, die vom Glücksspiel abhängig waren", erzählt die Therapeutin. Geblieben sei bis heute der Verlauf dieser Krankheit.
Sie entsteht nicht von heute auf morgen. Latent überschreitet der Spieler die Grenze zur Sucht. Ihm fehlt meist die Einsicht für sein letztlich eher unkontrolliertes Handeln. Dazu kommt, dass Spielabhängige in der Öffentlichkeit und auch in der eigenen Familie im Gegensatz zu Alkoholikern weit weniger auffallen.
Mindestens ein Jahr dauert es in der Regel, bis der am Automaten oder im Spielcasino entstandene Schuldenberg "unbeherrschbar" geworden ist, ergänzt ihre Kollegin Dorothea Baltzer. Sie habe bereits Fälle erlebt, wo 100 000 Euro in kurzer Zeit während einer "Pechsträhne" verspielt wurden, 10 000 bis 25 000 Euro Schulden nennt sie keine Ausnahme. In sensiblen Gesprächen in der Suchtberatungsstelle werden mit Betroffenen aber auch deren Angehörigen Lösungen für die verzwickte Situation gesucht. Eine ordentliche Schuldnerberatung gehört fast ausnahmslos dazu.
Häufiger als bei den Alkoholikern sind es Angehörige, die den ersten Kontakt zur Beratungsstelle suchen, berichtet Kerstin Klanert. Dann sei es immer eine individuelle Entscheidung, ob Einzelgespräche stattfinden oder in therapeutisch begleiteten Gruppen ein Ausweg gesucht wird.
Spielabhängigkeit ist selten mit einem schnellen sozialen Abstieg verbunden. Das Umfeld der Betroffenen bleibt meist intakt, sie haben eine Wohnung und einen Job. Darin liegt eine der wirklichen Gefahren. Angehörige, die mit in den Schuldenstrudel geraten, tragen die Last geraume Zeit mit, doch es folgt irgendwann die Ausweglosigkeit. Spieler brauchen Druck von außen, um sich einer Therapie zu stellen, wissen Suchtberater. Der Weg weg vom Glücksspiel ist schwierig, sagt Kerstin Klanert. Ähnlich wie beim Alkohol hilft nur eine radikale Abkehr. Der Prozess kann bis zu fünf Jahre und länger dauern.
Anfangs gewinnen Spielende oft größere Beträge. Auftretende Verluste werden meist beschönigt oder verharmlost, erläutert sie. Bedenklich wird es dann, wenn kontinuierlich viel Geld ausgeben wird oder gar Darlehen aufgenommen werden, um weiterspielen zu können. Dann folgt eine schleichende Distanzierung gegenüber der Familie und dem Freundeskreis. Der Weg in die Isolation ist vorgezeichnet. Die Spielenden sind aber nach wie vor davon überzeugt, ihre Schuldensituation wieder in den Griff zu bekommen. Das aber gelingt ihnen ohne fremde Hilfe kaum.
|
|