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29.11.2005



Übersicht "Meldung vom Tage" (November 2005)



28.11.

Aufstand der Ärzte - Charité-Mediziner streiken für höhere Gehälter
Marburger Bund dehnt Streikwelle aus

ddp

Von Romy Richter und Marion Schierz-

Berlin (ddp). An der Berliner Charité wird seit Montag gestreikt. Mit der voraussichtlich eine Woche dauernden Arbeitsniederlegung wollen die Mediziner am größten Klinikum Europas einen eigenständigen Tarifvertrag erzwingen. Der Charité-Vorstand lehnt die vom Marburger Bund geforderte Gehaltserhöhung von 30 Prozent zwar ab, ist aber grundsätzlich bereit, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Der Marburger Bund kündigte eine bundesweite Ausweitung der Streiks an.

Die von den Medizinern geforderte Gehaltserhöhung sei "in Anbetracht der finanziellen Lage der Charité nicht machbar", sagte Klinikumsdirektor Behrend Behrends. Zudem wolle und könne der Vorstand nicht den Verhandlungen vorgreifen, die zwischen dem Marburger Bund und der Tarifgemeinschaft deutscher Länder auf Bundesebene geführt werden.

Der Vorsitzende des Marburger Bundes, Frank Ulrich Montgomery, verteidigte den Streik. Das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung habe nachgewiesen, dass Ärzte in den vergangenen zehn Jahren 7,5 Prozent Reallohn-Verlust hatten, während die Verwaltungsdirektoren der Krankenhäuser 6 Prozent mehr bekamen, sagte Montgomery.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte am Sonntag die Tarifparteien im Gesundheitswesen aufgefordert, ihren Streit um die Bezahlung der Krankenhausärzte schnell beizulegen. Die Ärzteschaft sollte die Tarifverhandlungen "mit Gehaltsforderungen von 30 Prozent mehr nicht belasten", sagte sie. Hier müssten "realistische Lösungen" gefunden werden.

Rund 1000 Mediziner zogen am Montag in weißen Kitteln von der Charité zum Roten Rathaus. Auf Plakaten war zu lesen "Ein Tag = 36 Stunden", "Charité ohne Ärzte noch billiger", "Arzt mit zwei Jahren Berufserfahrung - 7,50 Euro/Stunde" sowie "Operiert und verarztet Euch doch selbst". Am Abend sollte es eine Lichterkette um das Klinikgelände Charité Campus Mitte geben.

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund will die Streiks am 13. Dezember bundesweit auf kommunale Krankenhäuser ausdehnen. Die Situation an der Charité sei symptomatisch für die Situation an deutschen Krankenhäusern, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes, Armin Ehl. Tausende Arbeitsstunden würden nicht bezahlt, Arbeitszeitobergrenzen nicht eingehalten. Der Bundesratsbeschluss, das Arbeitszeitgesetz mit der Bewertung der Bereitschaftsdienste als Arbeitszeit erst ein Jahr später umzusetzen, sei "schlichtweg eine Sauerei".

Der Grünen-Gesundheitsexperte Harald Terpe bezeichnete das Anliegen der streikenden Ärzte als berechtigt. Der Streik sei ein Signal an Bundesregierung und Bundesrat, nicht einseitig die Interessen der Krankenhausgesellschaft zu fördern.


Aus dem Forderungskatalog der Ärzteinitiative der Charité

Die Ärzteinitiative der Charité hat einen Forderungskatalog aufgestellt, der auf eine angemessene Arbeitsvergütung und bessere Arbeitsbedingungen abzielt. Darin wird unter anderem verlangt:

Abschluss eines Haustarifvertrages
-- Die Charité-Mediziner erhalten laut Ärzteinitiative derzeit einen Stundenlohn von 14 Euro.

Vergütung sämtlicher Arbeitsleistungen
-- Monatlich leisten die Ärzte der Charité den Angaben nach etwa 85 000 unbezahlte Überstunden. Forschungsaufgaben würden zum großen Teil in der Freizeit wahrgenommen.

Kein Abbau ärztlicher Stellen

Verbesserung der Bedingungen für Forschung und Lehre
-- Gefordert werden Freiräume in Dienstplänen, so dass Forschung nicht mehr nach Feierabend mit Qualitätseinbußen erfolgen muss.

Mehrjährige Vertragslaufzeiten
-- Zurzeit werden Kurzzeitverträge abgeschlossen.

Einhaltung von Arbeitshöchstgrenzen
-- Überstunden sollen erfasst und vergütet, Nacht- und Wochenendarbeit mit Zuschlag bezahlt werden. Bereitschaftsdienste im Hause sollen als volle Arbeitszeit gelten. Die Ärzte fordern ein elektronisches Zeiterfassungssystem.

Konzentration auf originäre ärztliche Tätigkeiten
-- Einfache medizinische und pflegerische Tätigkeiten sowie arztfremde Organisations- und Dokumentationsaufgaben sollten nach Ansicht der Initiative nicht länger wesentlicher Bestandteil des ärztlichen Alltags sein.

Strukturierte und garantierte Weiterbildung
-- Jede Abteilung soll zur Einrichtung eines Ausbildungsplanes verpflichtet werden.

www.klinikaerzte.org



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