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03.01.2006



Übersicht "Meldung vom Tage" (Januar 2006)



02.01.

Pferde als Therapeuten

ddp

Bei der Behandlung von autistischen Kindern
setzen Experten in Kürten auf Hufe und Zottelmähne

Von ddp-Korrespondentin Sandra Fomferek

Kürten (ddp-nrw). Bis zu seinem sechsten Lebensjahr sprach Jonathan kein verständliches Wort. Seine Mutter staunte deshalb nicht schlecht, als ihr Kind beim Füttern eines Pferdes klar und deutlich "Leckerli" sagte. Jonathan leidet unter Autismus - einer Entwicklungsstörung, die in den ersten Lebensjahren beginnt und bisher noch nicht geheilt werden kann.

Kindern mit Autismus fällt die alltägliche soziale Interaktion schwer, sie sprechen oft nicht, haben Probleme mit sozialer Nähe und Körperkontakt. Hippolita, Pinkas, Jack, Fjorde und Florafledermaus haben Jonathan die Sprache näher gebracht: Mit ihrer Zottelmähne, ihren großen vertraueneinflößenden dunklen Augen und dem weichen Fell machten die Pferde es ihm leichter, eine Beziehung aufzubauen. Seit Jonathan an der Reittherapie teilnimmt, lernt er ständig neue Wörter.

Von solchen Erfolgsgeschichten kann Marietta Schulz viel erzählen. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie im Reittherapiezentrum "Meierhof" in Kürten als Therapeutin. Träger ist die katholische Einrichtung "Die gute Hand". Stammeinrichtung ist das ländlich gelegene Kinderdorf oberhalb der Ortschaft Biesfeld, zu dem verschiedene Wohngruppen, eine Schule und eine Kindertagesstätte gehören. Seit Juli ist ein neues Gebäude dazu gekommen: eine lichtdurchflutete Reithalle aus hellem Holz.

"Das war wie sechs Richtige im Lotto", freut sich Pressesprecherin Catja Teicher, denn durch eine Verkettung glücklicher Umstände wurde der Bau der Halle größtenteils mit Spenden der Deutschen Vodafone-Stiftung finanziert. Bisher musste eine Halle für die Reittherapie extra angemietet werden. Sieben Pferde stehen jetzt für die Therapie zur Verfügung. In den Stallungen ist sogar Platz für zehn.

Über mangelnde Arbeit kann Reittherapeutin Marietta Schulz nicht klagen: Der Andrang auf die rund 150 Therapieplätze ist groß - Patienten kommen aus dem eigenen pädagogischen Zentrum, aber auch aus den umliegenden Gemeinden. Das Reiten soll nicht nur autistischen Kindern helfen, es wird ebenso bei Patienten mit Behinderungen, Entwicklungs- und Aufmerksamkeitsstörungen und zur Krankengymnastik angewandt.

Etwa 30 Kinder lernen derzeit in Einzel- oder Gruppentherapie, sich auf ein Pferd einzulassen. Ihre anfängliche Angst vor den großen Tieren verlieren die kleinen Patienten in der Regel schnell. Dass das so ist, liegt auch an dem Wesen der "Kuschelpferde", wie Catja Teicher sie gerne nennt: Die Tiere sind speziell ausgebildet. "Das Pferd muss sein Geschäft verstehen. Es muss voltigieren lernen, gehorsam sein und darf nicht wegrennen, wenn es sich erschreckt", beschreibt Schulz.

Auch die Farbe des Fells spielt eine Rolle: Scheckige und weiße Pferde sind beliebter, Schwarze flößen den Patienten eher Angst ein und fehlen deshalb im Reittherapeutischen Zentrum. Außerdem: "Pferde haben einen unglaublichen Aufforderungscharakter", betont Schulz. Oft besteht die Aufgabe der Therapeutin deshalb darin abzuwarten und zu beobachten, was passiert, wenn Kind und Pferd zusammen treffen. Mit Übungen und Bewegungsspielen werden die Patienten langsam an die Tiere herangeführt.

"Wir holen das Pferd gemeinsam aus dem Stall und putzen es erstmal", schildert Schulz. Trauen sich die Kinder auf den Rücken der Vierhufer, ist ein großer Schritt erreicht: Beim Reiten müssen sie sich nämlich auf den Rhythmus der Pferdebewegung einlassen, also eine Beziehung zum Pferd aufbauen.

Von der Delfin-Therapie, die einen ähnlichen Ansatz verfolgt, hält Pressesprecherin Catja Teicher wenig: "Es mag zwar etwas bringen, ist aber eine einmalige Sache, die viel Geld kostet und keine dauerhaften Veränderungen bewirken kann, weil sie nur kurzfristig gedacht ist." Am effektivsten sei die Therapie nämlich, wenn die Patienten ein halbes Jahr lang ein- bis zweimal die Woche in der Reithalle üben. "Außerdem ist es einfacher zu einem Pferd als zu einem Delfin eine Beziehung aufzubauen", fügt Teicher hinzu.

Tatsächlich entsteht in der Therapie oft eine echte Liebe zum Pferd. Wie bei dem Patienten, der bei seiner ersten Sitzung befürchtete, man würde ihn den Pferden zum Fraß vorwerfen. Lange schaute er zu, bis er sich das erste Mal auf den Pferderücken wagte. Heute kümmert er sich mit anderen Kindern gemeinsam um ein Pflegepferd.


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