|
|
| "Wer zu DDR-Zeiten und in den ersten Jahren nach der Wende in Neubrandenburg psychisch erkrankte, musste nicht selten lange Wege auf sich nehmen", erklärte Dr. med. Rainer Gold, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg in einem Gespräch mit der Redaktion Lichtblick. Eine wirklich etablierte stationäre Psychiatrie, bis auf wenige Notfallbetten in der Neurologie am damaligen Bezirkskrankenhaus, gab es nicht. Die nächste psychiatrische Klinik lag im 70 Kilometer entfernten Ueckermünde. Mit der Reformpsychiatrie in den 90er Jahren verschwand schrittweise der "weiße Fleck" in Neubrandenburg, so der aus Berlin kommende Psychiater Rainer Gold. |
|
 |
|
|
Dr. med. Rainer Gold
|
Als Chefarzt konnte er im August 1993 die Psychiatrieabteilung in Betrieb nehmen, die erste an einem Allgemeinkrankenhaus in Mecklenburg-Vorpommern nach der Wende. Rückblickend verwies Dr. Gold darauf, dass bereits in den 80er Jahren fortschrittliche Psychiater eine stationäre Psychiatrie in Neubrandenburg forderten. Letztlich sorgte der öffentliche Druck, insbesondere ausgelöst durch die ARD Dokumentation "Die Hölle von Ueckermünde" (14. April 1993), die die baulichen und fachlichen Mängel in diesem psychiatrischen Krankenhaus zeigte, für den raschen Abbau der Missstände im nordöstlichen Teil Deutschlands.
Psychiatrie integriert im Allgemeinkrankenhaus
Heute versorgt das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum (etwa 1000 Betten) mit seiner integrierten Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie die Region Neubrandenburg und den Kreis Mecklenburg-Strelitz. Das sind etwa 150 000 Einwohner. Die psychiatrische Pflichtversorgung wird mit 72 vollstationären Behandlungsplätzen am Standort der Klinik in der Külzstraße und zur Zeit mit 18 teilstationären einer Tagesklinik in der Allendestraße gewährleistet. Eine Institutsambulanz befindet sich im Aufbau.
Brennpunkt: Sanierung oder Klinikneubau?
Aktuell beschäftigen sich die Geschäftsführung und die Krankenhausleitung mit der Frage ob die beiden Standorte der Psychiatrie zu halten sind. Eine Menge Kopfzerbrechen bereitet den Verantwortlichen der marode und teilweise leerstehende Altbau in der Külzstraße: "Eine Rekonstruktion ist nicht allein mit Malerarbeiten zu machen! Was ist günstiger - Sanierung oder Klinikneubau?" Aus Gründen der Gleichstellung von psychisch und somatisch Kranken wird ein Klinikneubau auf dem Gelände des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums favorisiert, erklärte der Chefarzt. Eine enge räumliche Anbindung der Psychiatrie an die anderen medizinischen Fachabteilungen sei auch aus ökonomischen Gründen sinnvoll. "So müssen Psychiatriepatienten zu speziellen Diagnoseverfahren, wie CT, MRT, Röntgen, Sonografie und Labor ins Klinikum gefahren werden. Dazu ist Begleitpersonal erforderlich. Es gibt lange Wartezeiten. Mittwochs ist bei uns die internistische Visite, selbst führen wir jährlich etwa 600 psychiatrische Konsile in den anderen Bereichen des Klinikums durch. Das alles ist viel zu umständlich für die Patienten, für die Mitarbeiter und für die Kooperation der Fachgebiete untereinander", erklärte Psychiater Gold.
Ein Netzwerk, das funktioniert
Als "sehr wichtig" bezeichnete der Chefarzt die Zusammenarbeit mit den komplementären Einrichtungen. Es sei ein Netzwerk entstanden, "das funktioniert". Zum Beispiel zählen dazu die Sozialpsychiatrischen Dienste, der Psychosoziale Trägerverein "Der Steg Neubrandenburg e.V.", im Suchtbereich das "Haus der Begegnung", die Evangelische Suchtkrankenhilfe, sowie die Hilfen der Caritas und des DRK. Zudem würdigte Gold das "gute Angebot" der Selbsthilfegruppen für Psychiatrie-Erfahrene. Bei den Angehörigen gebe es Nachholbedarf. Angehörige sind bei den Hilfeplankonferenzen der Klinik "enger dran", so Dr. Gold.
Psychose-Seminar und Emil Kraepelin
Fest steht: Die "Psychiatrielandschaft" hat sich in Neubrandenburg grundlegend verändert. Impulse für Erneuerungen und Gespräche bieten Psychose-Seminare, Regionaltagungen, Symposien und Suchtwochen. Bedeutsam auch: Neustrelitz, in Reichweite von Neubrandenburg gelegen, ist die Geburtsstadt von Emil Kraepelin (1856-1926). Er gilt weltweit als Begründer der wissenschaftlichen Psychiatrie. Zu Ehren seines 150. Geburtstages wird am 15. Februar 2006 an einem ehemaligen Wohnhaus der Familie Kraepelin eine Gedenktafel angebracht. Anläßlich des Kraepelin-Jahres findet im September als Höhepunkt ein interdisziplinäres, wissenschhaftliches Kraepelin-Kolloquium des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums in Neustrelitz statt. Wirklich hoch interessant, was sich rund um die "Vier-Tore-Stadt" Neubrandenburg neben dem alltäglichen Leben noch abspielt.
 |
|
Auf Einladung von Dr. med. Rainer Gold nahm am Donnerstag auch der Koordinator des Landesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker, Roland Hartig, als Referent an einer zertifizierten Weiterbildung in der Klinik teil. Im Rahmen einer Präsentation stellte er die Verbandsziele und Aufgaben vor. Die Bereitschaft der Klinik, die Bildung von Angehörigengruppen zu unterstützen, begrüßte Hartig. Helfen will auch der Vorstand und der Koordinator mit Informationen und Veranstaltungen vor Ort. |

Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum
www.dbk-nb.de
Kraepelin-Artkel von Rainer Gold
www.neustrelitz-persoenlichkeiten.de
|
|