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Von ddp-Korrespondentin Eva Dignös
Heidelberg (ddp). Was hat denn das Baby nur? Es ist satt, hat eine frische Windel, müsste eigentlich müde sein und weint immer noch. Ein Neugeborenes beschert Eltern oft nicht nur schlaflose, sondern auch ratlose Nächte. Ein neues Kurskonzept, das Wissenschaftler der Universitätsklinik Heidelberg entwickelt haben, soll ihnen helfen, ihr Kind besser zu verstehen.
Möglichst früh wolle man ansetzen, damit Eltern eine stabile Beziehung und eine sichere Bindung zu ihrem Kind aufbauen und seelische Störungen erst gar nicht entstehen, umreißt Professor Manfred Cierpka vom Institut für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie an der Uniklinik die Intention des Programms. "Wir wissen heute, wie entscheidend die frühe Kindheit für die spätere Entwicklung eines Menschen ist", sagt er.
Viele Eltern verstünden ihr Neugeborenes intuitiv richtig, betont Cierpka. Wenn es aber zwischen Baby und Eltern nicht funktioniert, wenn das Kind nach Ruhe schreit, die Eltern die Signale aber fehlinterpretieren und es immer weiter abzulenken und zu beschäftigen versuchen, dann können Eltern und Kind in einen gefährlichen Kreislauf von Missverständnissen geraten. Vernachlässigung oder Gewalt können die furchtbare Folge sein.
Das neue Kurskonzept beginnt deshalb schon gegen Ende der Schwangerschaft. "Ich sorge auch für mich selbst" und "Wie können Partner zusammenarbeiten" lauten die Themen. Ist das Kind auf der Welt, üben die Teilnehmer, seine Signale zu deuten. Dazu haben Professor Cierpka und sein Team kurze Videosequenzen von Eltern und ihren Babys aufgenommen, die in der Gruppe besprochen werden. "Es sind oft nur Kleinigkeiten, die die Beziehung zwischen Eltern und Kindern beeinträchtigen", sagt der Arzt und Familientherapeut. Sie lernen zu unterscheiden, ob ihr Kind Hunger hat oder müde ist, ob es beschäftigt werden möchte oder etwas Ruhe braucht.
"Vielen Eltern hilft es, sich mithilfe der Videosequenzen selbst zu beobachten", berichtet Kursleiterin Edith Jung. Erst dann falle ihnen auf, dass sie auf Schreien des Säuglings immer mit Aktion reagieren. "Für die meisten ist es schwierig, ihr Kind weinen zu sehen", erläutert die Hebamme. Ihr Tipp: Mütter und Väter sollten die Kleinen lieber ruhig im Arm halten, als sie ständig zu schaukeln oder mit lauten Geräuschen abzulenken. Beobachtungen hätten ergeben, dass Babys, die auch mal schreien dürfen, mit der Zeit weniger weinen.
Ganz wichtig ist Manfred Cierpka zufolge die Beteiligung der Väter: "Sie müssen sich in sehr kurzer Zeit auf die neue Rolle einstellen, müssen plötzlich ein Nest bauen." Ihnen solle das Programm helfen, schon vor der Geburt ihres Kindes einen Eindruck von den Veränderungen zu gewinnen, die in ihrem Leben anstehen.
Je mehr sich Partner oder andere Familienangehörige in den ersten Wochen unterstützten, desto intensiver und ruhiger könnten die Erwachsenen auf ihren Nachwuchs eingehen, ergänzt Edith Jung. "Gerade junge Mütter sind sonst schnell überfordert und reagieren gereizt." Dieses Verhalten übertrage sich auf den Säugling. Eltern sollten sich bewusst machen, dass Kinder von Anfang an Signale aussenden und mit Schreien nicht nur körperliche Probleme wie Schmerzen oder Hungergefühle zum Ausdruck bringen.
Angeboten werden die Kurse mittlerweile in ganz Deutschland, meist unter Leitung von Hebammen, die dafür zuvor geschult werden. Nähere Informationen gibt es bei der gemeinnützigen Focus-Familie GmbH, die die deutschlandweite Verbreitung des Programms und die Organisation der Expertentrainings übernimmt sowie den Kontakt zwischen Hebammen und interessierten Eltern herstellt.
Möglichst viele Familien müsse man erreichen, nicht nur die ohnehin Interessierten, wünscht sich Cierpka. Im hessischen Landkreis Bergstraße wird der Kurs deshalb auf Initiative des Landrats Matthias Wilkes im Jahr 2006 als Pilotversuch allen Familien angeboten, die ein Kind erwarten.
Kinder richtig verstehen - Weiterführende Informationen
Kontakt/ Anmeldung zu den Elternkursen:
Focus Familie, Keplerstraße1, 69120 Heidelberg, Tel.: 06203/485767
E-Mail: info@focus-familie.de, im Internet unter www.focus-familie.de.
Buchtipps:
Jirina Prekop: Der kleine Tyrann. dtv-Taschenbücher. Welchen Halt brauchen Kinder?, dtv-Taschenbuch, 2004, 8 Euro, ISBN: 342336050.
Jirina Prekop, Christel Schweizer: Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen, Kösel Verlag, 2003, 14,95 Euro, ISBN: 3466305462.
Brigitte R. Meissner: Entspannte Babys - entspannte Eltern, Meissner Verlag, erscheint voraussichtl. im Juli 2006, 15,60 Euro, ISBN: 3952224642.
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