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Von ddp-Korrespondent Jürgen Seidel
Schwerin (ddp-nrd). Mit den neuen Medien hat auch eine neue Suchtform in Deutschland Einzug gehalten die Internet-Sucht. Betroffene können sich nur schwer von ihrem Computer lösen und verbringen teilweise extrem lange Zeit in der Cyber-Welt. Sie zeigen typische Auffälligkeiten, wie sie Mediziner und Psychologen zuvor zum Beispiel von Alkohol- oder Drogenabhängigen kannten. Noch scheint die Internet-Sucht hierzulande eher unbedeutend. Und auch wenn Hugo von Keyserlingk, Chefarzt der Klinik Schweriner See in Lübstorf nahe der Landeshauptstadt, noch keine große Zahl der Internet-Süchtigen in Mecklenburg-Vorpommern sieht, so hat sich sein Haus bereits auf diese neue Sucht-Form eingestellt.
Viele der Symptome zeigten Ähnlichkeiten mit dem Verhalten "pathologischer Glücksspieler", sagt der Mediziner. Mit dieser Sucht habe man in Lübstorf bereits langjährige Erfahrungen. Und an diese Therapie lehnen sich auch die Behandlungsangebote für die Internet-Süchtigen an.
Hinter dem Zwang, online gehen zu müssen, stecken zumeist mehrere Ursachen. Als erstes zähle dazu eine genetische Veranlagung, sagt Keyserlingk. Zum zweiten spielten Schwierigkeiten in der persönlichen Entwicklung und gesundheitliche Probleme in der Jugend eine Rolle. So seien zum Beispiel viele der süchtigen Spieler in ihrer Kindheit hyperaktiv gewesen. Und nicht zuletzt spielten die sozialen Rahmenbedingungen eine Rolle. So sei es kein Zufall, dass in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und wenigen Ausbildungsplätzen der Computer als Ausweichmöglichkeit erscheine und sogar süchtig machen könne, erklärt der Experte.
Das Verlockende am Internetspiel sei die Flucht in eine andere Realität. Im Internet könne man mit der eigenen Identität experimentieren, ganz andere Rollen spielen als im wirklichen Leben und sogar Geschlecht und persönliche Geschichte wechseln. Ein Ausdruck für diese Tendenzen sind nicht zuletzt die zum Beispiel beim Chatten verwendeten Tarnnamen. Dabei überhöhen sich die User nicht selten, wie Keyserlingk festgestellt hat. Aus einem eher schüchternen jungen Mann wird schnell ein "Lord" oder ein "Super-Tiger". Besonders wichtig für die Therapie sind deshalb Angebote, um das Selbstvertrauen und die Selbstkontrolle zu stärken.
So stehen in den bis zu maximal 16 Wochen dauernden Klinik-Aufenthalten Übungen zur Selbstbeurteilung und zur Kontakt-Aufnahme mit den eigenen Gefühlen im Vordergrund. Besonders wichtig sei das Entwickeln sozialer Kompetenz, erklärt der Sucht-Experte. Auch bei der Internet-Sucht sei das oberste Ziel der kontrollierte Umgang mit dem Medium. Denn nicht immer bietet es sich als letzter Ausweg an, den PC einfach zu verkaufen. Nicht zu vergessen seien aber auch körperliches Training und andere Alternativen im Freizeitbereich.
Keyserlingk rät Angehörigen, auf die Zeit zu achten, die schon Kinder oder Jugendliche am Computer oder im Internet verbringen. Denn wie viele andere Süchte beginne auch die Internet-Sucht im Alter unter 14 Jahren. Die Grenzen zwischen Viel-Gebrauch und Missbrauch seien fließend, aber immerhin würden auch einfache Spiele wie das Kartenspiel Solitär ein nicht unerhebliches Suchtpotenzial bergen.
Weiterführende Informationen
http://www.internetsucht.de
http://www.online-sucht.de
http://www.klinik-schweriner-see.de
Stichwort: IAD - Internet-Sucht
Schwerin (ddp-nrd). In den USA tauchte Mitte der 90er Jahre ein neuer Begriff für eine neue Sucht auf Internet Addiction Disorder (IAD), kurz Internet-Sucht. Damals führte der New Yorker Psychiater Ivan Goldberg - ursprünglich eher als eine Art Scherz gemeint - diese Bezeichnung für eine psychische Abhängigkeitserkrankung in die Fachwelt und die Öffentlichkeit ein. Er bezog sich dabei auf charakteristische Merkmale der "pathologischen Spielsucht".
Nach dieser Definition haben Internet-User Schwierigkeiten, den Gebrauch oder Konsum des World Wide Web zeitlich zu begrenzen. Nach Auffassung der amerikanischen Psychologie-Professorin Kimberly S. Young, die in Bradford (Massachusetts) das "Center für On-Line-Addiction" der Universität Pittsburgh leitet und als erste "Cyber-Psychologin" der Welt gilt, sind weltweit etwa sieben Prozent der User an der "patological internet use" erkrankt und damit süchtig.
In den USA wird die Zahl der Internet-Süchtigen gegenwärtig auf rund 200 000 Menschen geschätzt. Für Europa und Deutschland liegen bisher noch keine umfassenden statistischen Daten vor. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass sich etwa 90 Prozent aller Internet-User "normal" verhalten. Sie verbringen bis zu 17,5 Stunden pro Woche online. Etwa sieben Prozent der User verbringen wöchentlich bis zu 29 Stunden im Internet und gelten als gefährdet. Weitere drei Prozent sind bis 35 Stunden pro Woche online und gelten als süchtig.
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