Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

Startseite Rubrik: Meldung vom Tage aktualisiert
20.03.2006



Übersicht "Meldung vom Tage" (März 2006)



20.03.

Wenn Sport zur Sucht wird
Betroffene erkennen ihr Problem meist nicht selbst
"Emotionsspirale" kann dem Körper sehr schaden
ddp

Von ddp-Korrespondentin Susann Huster

Braunschweig/Köln/Gießen (ddp). Sport soll der Gesundheit gut tun. Wenn allerdings der Drang nach Bewegung zum Zwang wird, könnte es gefährlich werden. Denn wenn den Aktivitäten alles andere im Leben untergeordnet wird, sprechen Psychologen bereits von Sportsucht - ein Phänomen, das Menschen aller Altersgruppen trifft. Sie sind dem Drang nach Bewegung mitunter so stark verfallen, dass sie sogar die Warnsignale des überlasteten Körpers ignorieren.

Immer wieder sind Betroffene auf der Suche nach dem "Kick", den die körpereigenen Glückshormone vor allem beim Ausdauersport auslösen. "Runners High" nennen die Profi-Jogger diesen Zustand, der sie alle Sorgen vorübergehend vergessen lässt. Wann jedoch die regelmäßige Bewegung zur Sucht wird, ist nicht immer leicht festzustellen. "Die Betroffenen erkennen es oft nicht selbst, für andere ist es einfacher", sagt der Braunschweiger Sportpsychologe Lars Hilgers. Der Sport bringe den Betroffenen so viel Spaß, dass sie ihre Sucht verleugnen. Freunde oder Angehörige dagegen könnten eher das unnormale Verhältnis zum Sport erkennen und sollten den Betroffenen daraufhin ansprechen, empfiehlt der Experte.

Offensichtlich werde das Problem allerdings, wenn beispielsweise eine Verletzung den "Sport-Süchtigen" zur Pause zwingt und sich Entzugserscheinungen einstellen, sagt der Leiter des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln, Henning Allmer. "Man ist dann unruhig, unausgeglichen, empfindet ein Kribbeln und Zittern", beschreibt er die Symptome einer starken psychischen Abhängigkeit.

In der heutigen Gesellschaft sei es schwer, Emotionen zu erleben. Deshalb suchten die Betroffenen in exzessivem Sport nach emotionaler Zufriedenheit, betont der Fachmann. Diese kurzfristigen Glücksgefühle wollten sie dann immer wieder, immer intensiver erleben und trieben deshalb ständig mehr Sport. "In solch einer Emotionsspirale bekommt man nicht mehr mit, wenn man dem Körper schadet", warnt Allmer. Die Folge könnten Schädigungen der Gelenke oder andere, teils irreparable Verletzungen sein.

Oft geht mit der Sportsucht nach seinen Worten auch ein Verlust der sozialen Kontakte einher, da sich das gesamte Leben nur noch um die tägliche Dosis Bewegung drehe. Sport sorge dann - ähnlich wie bei der Alkoholsucht - nur für einen kurzfristigen Lustgewinn, und das eigentliche Problem werde verdrängt.

"Sportsucht kann unbewusst eine Flucht vor privaten Schwierigkeiten sein", berichtet Hilgers. Auch Probleme im Job würden manchmal im Drang nach mehr und mehr Bewegung kompensiert. "Irgendwas im sozialen Gefüge stimmt nicht", sagt er. Wenn dies nur eine vorübergehende Phase im Leben ist und der Betroffene möglicherweise mit Hilfe anderer sein Problem erkannt hat, könne er selbst daran arbeiten, sein Sportpensum peu á peu auf ein Normalmaß herunterschrauben und sich mit seinen tatsächlichen Sorgen befassen.

Nur in besonders schwierigen Fällen empfiehlt Allmer eine Psychotherapie. Er berichtet vom Schicksal eines sportsüchtigen Mannes, der sich die Füße extrem wund gelaufen hatte und aus Angst vor einem Sportverbot nicht zum Arzt ging. Die meisten Menschen hätten allerdings ein normales Verhältnis zum Sport. Das Suchtpotenzial sei äußerst gering.

Sehr vorsichtig mit dem Begriff Sportsucht ist der Gießener Sportwissenschaftler und Psychologe Gregor Kuhn. "Das legt Parallelen zu anderen Süchten nahe, die nicht gerechtfertigt sind", sagt er. Mehrfach habe er erlebt, dass übermäßiges Sporttreiben Begleitphänomen einer anderen Störung, beispielsweise des Essverhaltens, ist. Wenn sich jemand selbst durch Sport extrem belaste und möglicherweise sogar verletze, könne dies das Symptom einer Persönlichkeitsstörung sein. Sport sei dann ein Ventil, um Probleme in der Beziehung oder im Beruf vergessen zu können. Für andere Menschen sei Alkohol dieses Ventil.

Was ist Sucht?

Kassel (ddp). Obwohl das Wort "Sucht" nicht von "Suchen" kommt, hat es doch sehr viel mit Suchen zu tun. Sucht leitet sich eigentlich vom Wortstamm "Siechen" ab - und meint Krankheit. Damit ist auch klar, dass ein Mensch für eine Krankheit, die er in sich trägt, nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Denn um suchtkrank zu werden, bedarf es einer Veranlagung. Es ist der Anteil an der Suchtentwicklung, für den der betroffene Mensch nicht verantwortlich gemacht werden kann. Natürlich liegt es aber sehr wohl in der eigenen Verantwortung, wie man mit dieser Krankheit oder der Veranlagung dazu umgeht.

Eine maßgebliche Rolle spielt auch das psychosoziale Konfliktfeld. Die Beziehungen und das Umfeld, in denen jemand süchtig wird, sind so unterschiedlich wie die Suchtkranken selbst. Jeder Einzelne hat seine individuelle Suchtgeschichte. Gemeinsam ist allen, dass sie mit dem Leben nicht fertig geworden sind. Genauer gesagt: Sie sind mit sich selbst in diesem Leben nicht fertig geworden. Die erfolglose Suche nach der Mitte, nach dem Sinn des Lebens hat sie in der Sucht enden lassen. Trifft auf die Veranlagung und das psychosoziale Konfliktfeld das Suchtmittel, dann entwickelt sich die Persönlichkeit des Suchtkranken. Dabei ist es relativ gleichgültig, wie dieses Suchtmittel aussieht und benannt wird: Alkohol, Medikamente, illegale Drogen, Glücksspiel und so weiter.

Sucht ist nur das vordergründige Symptom einer Persönlichkeitsstörung, das in seiner Ausdrucksform schließlich selbst als Krankheit erlebt wird - etwa so, wie Fieber das Symptom einer Erkrankung im Menschen ist. Es ist nicht die eigentliche Krankheit, wird aber dennoch als Beeinträchtigung des Gesundseins, des Wohlbefindens erlebt. Würde man nur das Fieber bekämpfen und nicht nach den Ursachen für das Fieber forschen, bliebe die Krankheit erhalten. So reicht es auch bei einem Suchtkranken nicht aus, am Symptom des Trinkens herumzukurieren, ohne nach den tieferen Ursachen zu suchen. Bei einem Süchtigen müssen die psychosozialen Konflikte bearbeitet werden, und es muss ihm bei der Suche nach der "Mitte des Menschen", nach dem Sinn seines Daseins geholfen werden.

Quelle: www.freundeskreise-sucht.de


Copyright © ddp
Wiederveröffentlichung oder Verbreitung der Inhalte dieser Seite nur mit ausdrücklicher
schriftlicher Zustimmung der Nachrichtenagentur Deutscher Depeschendienst (ddp).

Übersicht "Meldung vom Tage" (März 2006)

Hier können Sie unseren Newsletter mit Neuigkeiten aus Psychiatrie, Soziales und Selbsthilfe bestellen!


RUBRIK
Meldung vom Tage

nach oben | E-Mail | Startseite  | Newsletter | Impressum |


nach oben Kontakt Startseite