Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

Startseite Rubrik: Meldung vom Tage aktualisiert
20.10.2006



Übersicht "Meldung vom Tage" (September 2006)



11.09.
Situation psychisch Kranker und ihrer Angehörigen verbessern
naps


NEU
Bericht
Rostock/Bonn (naps). In Rostock ist am Wochenende die Filmemacherin Stella Tinbergen während eines Bundestreffens der Angehörigenverbände psychisch Kranker mit dem Journalistenpreis "Schizophrenie und Stigma - Mit psychisch kranken Menschen leben" für ihren Film "Siegfried - Geister, die ich rief" ausgezeichnet worden.

Die Preisverleihung fand im Rahmen des Bundestreffens der Angehörigenverbände im InterCityHotel Rostock statt
Filmemacherin Stella Tinbergen (2.v.r.) im Kreis der Jury unter Vorsitz von Dr. Eckart Schibber, Medizinjournalist (r.)

Ziel dieses Journalistenpreises ist es, sachlich über die Lebenssituation von an Schizophrenie erkrankten Menschen und ihrer Familien zu informieren sowie die Wahrnehmung Betroffener in der Öffentlichkeit zu verbessern. Nach Angaben der Jury erfüllt der Film von Stella Tinbergen, der am 3. November 2005 auf Arte gesendet wurde, diese Kriterien. (Der Film wird am Donnerstag, den 19. Oktober 2006, um 15.45 Uhr erneut auf ARTE ausgestrahlt.) Da die Preisträgerin nicht nur Filmemacherin, sondern gleichzeitig Angehörige eines psychisch Kranken ist, hatte sie die Möglichkeit einer Langzeitbeobachtung ihres Bruders. "Was darin transportiert wird, ist keine didaktische Absicht, sondern «erlebtes Wissen». Das hat uns sehr beeindruckt", hob Dr. Eckart Schibber, Medizinjournalist und Vorsitzender der Jury in seiner Laudatio hervor. Stella Tinbergen freute sich nicht nur über den Preis, sondern vor allem darüber, dass es ihrem Bruder durch die Unterstützung seiner Schwester, insbesondere aber auch dank seiner eigenen Entschlossenheit gelang, ein großes Stück Selbständigkeit zu erlangen. "Eigenständigkeit? Das schaffe ich", sagt er an einer Stelle des Films. Und: Es stimmt!

Stifter der mit 5000 Euro dotieren Auszeichnung sind die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie, Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. (BApK) und das forschende pharmazeutische Unternehmen Janssen-Cilag GmbH.

Die Redaktion "Durchgeknallt" erhielt für ihren Beitrag "Was ist Schizophrenie?" eine Belobigung
Sandra Scherm und Stefan Schimpl ernten mit ihrem Rap "Schizzoismus" viel Beifall

Eine Belobigung ging an den Radio-Beitrag "Was ist Schizophrenie? Definition und Vorurteile" der Redaktion "Durchgeknallt", gesendet im Dezember 2005 auf Radio Z, Nürnberg. Dabei handelt es sich um einen Bürgerfunkbeitrag einer Gruppe junger Menschen mit psychischen Erkrankungen. Mit der Belobigung wurden die kontinuierliche Arbeit der Gruppe sowie die gute Umsetzung ihrer Erlebnisse gewürdigt. Dazu Christian Liffers, ehemaliger Preisträger des "Journalistenpreises Schizophrenie und Stigma, in seiner Rede: "Besonders beeindruckt haben mich die Straßenumfragen der Redaktion zum Thema psychische Erkrankungen. Es ist erschreckend, wie viele Vorurteile es gegenüber Betroffenen gibt. Das zeugt von großem Unwissen. Die jungen Leute der Redaktion «Durchgeknallt» sind selbst aktiv geworden und steuern mit einem Aufklärungsbeitrag dagegen an. Das finde ich toll!"

Als Experten auf dem Bundestreffen gefragt: Dr. med. Angelika Rülke, Dr. Antje Wrociszewski, Michael Köpke und Prof. Sabine Herpertz aus Mecklenburg-Vorpommern
Prof. Sabine Herpertz, Christian Kaiser und Ulrike Schob unterzeichnen die gemeinsam erarbeitete "Erklärung zum Umgang mit Patienten und ihren Angehörigen"

Auf dem dreitägigen Treffen im InterCityHotel Rostock sprachen sich zudem Angehörige, Ärzte und Betroffene für eine bessere Patientenversorgung und eine zeitgemäße Selbsthilfe aus. Dabei unterzeichneten Vertreter der Psychiatrischen Klinik der Universität Rostock und der Selbsthilfeverbände von Betroffenen und Angehörigen eine "Erklärung zum Umgang mit Patienten und ihren Angehörigen". Im Blick stehen nach Angaben der Klinik-Direktorin, Prof. Sabine Herpertz, "das Wohl und die Wünsche der Patienten sowie die Zusammenarbeit mit Angehörigen im Einvernehmen der Betroffenen". Diese Vereinbarung sei deutschlandweit in dieser Form ein "absolutes Novum". Denn alle drei Gruppen; Betroffene, Angehörige und Profis, beteiligten sich daran. Ein entscheidender Impuls kam von der Aktionsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker, ihrer Freunde und Förderer e.V. (ApK München) und dem Bezirkskrankenhaus Haar. Sie verabschiedeten im Oktober 2005 eine Gemeisame Erklärung zum Thema "Umgang, Information und Status von Angehörigen psychisch Kranker von Patienten des BKH Haar".


Hintergrundinformation
Etwa jeder Dritte erkrankt mindestens einmal in seinem Leben an einer psychischen Störung. Das Wissen um psychische Erkrankungen in der Bevölkerung ist jedoch gering. Oft erscheint das Verhalten der Betroffenen ihrer Umwelt unheimlich und fremd. Das liegt zum einen an immer noch großen Wissensdefiziten, zum anderen an einer häufig einseitigen und verzerrten Darstellung psychisch kranker Menschen in den Medien. Berichte schildern diese Menschen nicht selten nur als gewalttätig und gefährlich. Unter dieser einseitigen und verzerrten Darstellung psychisch kranker Menschen leiden die Betroffenen und ihre Familien, sie bildet aber auch einen Boden für weitere Vorurteile in unserer Gesellschaft.


Die Stifter des Journalistenpreises im Kurzporträt
Das pharmazeutische Unternehmen Janssen-Cilag GmbH forscht seit vielen Jahren an der Entwicklung von Arzneimitteln und neuen Therapieformen für psychisch kranke Menschen. Darüber hinaus möchte das Unternehmen aber auch gemeinsam mit den Angehörigen die Wahrnehmung Betroffener in der Öffentlichkeit verbessern. Daher pflegt es nicht nur engen Kontakt zu Einrichtungen der Rehabilitation und zu Selbsthilfegruppen, sondern fördert mit dem "Zukunftspreis" auch innovative Projekte, die sich für die Bedürfnisse psychisch kranker Menschen einsetzt. So ehrte die Jury 2004 z.B. das Berliner Projekt "Netz und Boden" für Kinder psychisch erkrankter Eltern, das integrative Betreuungskonzept der "Reha-Ambulanz" in Neuss sowie das Projekt "Medcircle" zur Qualitätssicherung medizinischer Informationen im Internet.

Die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie (Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V., BApK) versteht sich als Anlaufstelle für psychisch kranke Menschen und ihre Angehörigen. Sie berät, vermittelt Kontakte und fördert über Aufklärungsmaßnahmen, Veranstaltungen und Selbst-hilfegruppen den Erfahrungsaustausch. So entsteht ein Netzwerk, das Familien aus der Isolation holt und ihnen auch in Krisen Halt gibt. Eine der vielen Aufklärungsmaßnahmen etwa ist die Kampagne "Mit psychisch Kranken leben - Entstigmatisierung, Information, Hilfe", die im Herbst 2004 in Berlin in Ämtern, Arztpraxen und Apotheken gestartet wurde. In diesem Zusammenhang wird u.a. eine Informationsbroschüre angeboten, in der der Leser neben Erfahrungsberichten auch sachliche Informationen über die Ursachen psychischer Erkrankungen, die Schwierigkeiten der Diagnose, Therapiemöglichkeiten und Hilfsangebote findet. Zudem beschreibt die Broschüre die sechs häufigsten psychischen Krankheiten - bipolare Störungen, Depression, Schizophrenie, Sucht- und Zwangserkrankungen sowie die Borderline-Störung - und kann helfen, Symptome einer Erkrankung rechtzeitig zu erkennen. Interessierte können die Materialien per Fax unter 030-863 957-02 anfordern.

Weitere Informationen zur Familien-Selbsthilfe Psychiatrie, Janssen-Cilag GmbH und zu psychischen Erkrankungen unter www.bapk.de, www.janssen-cilag.de bzw. www.psychiatrie-aktuell.de


DownloadTipp
Gemeinsame Erklärung des Landesverbandes
Psychiatrie-Erfahrener Mecklenburg-Vorpommern e.V.,
des Landesverbandes MV der Angehörigen und Freunde
psychisch Kranker e.V. und der Klinik und Poliklinik für
Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Rostock
zum Umgang mit Patienten und ihren Angehörigen (PDF)


LinkTipp
Gemeinsame Erklärung: Bezirkskrankenhaus Haar
(einschließlich Atriumhaus und ZAK) und ApK München e.V.
(Aktionsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker,
ihrer Freunde und Förderer e.V.) zum Thema:
Umgang, Information und Status von Angehörigen
psychisch Kranker von Patienten des BKH Haar (LINK)


Bericht
Lesen Sie hier den ausführlichen Bericht vom Bundestreffen
der Angehörigen psychisch Kranker



Fotos
R. Hartig
Übersicht "Meldung vom Tage" (September 2006)

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