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Von ddp-Korrespondentin Ilka Lehnen-Beyel
Leinfelden (ddp). Manche Menschen haben extrem schnelle Reaktionszeiten. Ob es um das Bremsen in gefährlichen Situationen im Straßenverkehr geht oder um das geistesgegenwärtige Auffangen umgeworfener Gegenstände - immer reagieren sie als erste. Ihr Gehirn läuft auf Hochtouren, es saugt Informationen auf wie ein Schwamm und verarbeitet sie ungewöhnlich schnell. Doch viele müssen für ihr gutes Reaktionsvermögen einen hohen Preis bezahlen: Sie leiden unter Migräne.
Die meisten Wissenschaftler sind mittlerweile davon überzeugt, dass den anfallartigen Kopfschmerzen, die häufig von Übelkeit und extremer Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet werden, eine Übererregbarkeit des Gehirns zugrunde liegt. Im Klartext heißt das, die Nervenzellen im Hirn von Migränikern übertreiben - sie stehen unter Dauerstress.
Ständig werden sie von elektrischen Impulsen bombardiert und müssen als Reaktion darauf Botenstoffe bilden. Irgendwann wird das Dauerfeuer dann zuviel: Zum Schutz der erschöpften Nervenzellen produziert das Gehirn hemmende Botenstoffe, die einerseits zwar tatsächlich die Nervenüberreizung blockieren, andererseits jedoch gleichzeitig eine Entzündungsreaktion im Gehirn einleiten - eine Migräne-Attacke beginnt.
Etwa jeder Fünfte in Deutschland ist betroffen, berichtet das Magazin «Bild der Wissenschaft» in seiner Juni-Ausgabe. Während bei vielen Menschen Migräne-Anfälle häufig wie aus heiterem Himmel zu kommen scheinen, gibt es bei anderen Vorboten, die vor der drohenden Notbremse im Gehirn warnen: Lichterscheinungen wie Blitze, Flackern und Kribbeln oder Taubheitsgefühle gehören zu der so genannten Migräne-Aura. Sie sind typische Sinneseindrücke, die Stunden oder auch Tage vor der Attacke auftreten können. Bei einer anderen, eher seltenen Form, der so genannten hemiplegischen Migräne, werden die Anfälle sogar von Lähmungen begleitet.
Migräne ist nicht einfach nur ein Stressphänomen, wie Experten lange Zeit glaubten. Vielmehr scheinen die Gene, oder eher bestimmte Genveränderungen, eine wichtige Rolle zu spielen. So ist schon seit langem bekannt, dass die Krankheit in manchen Familien gehäuft auftritt. 1996 entdeckten Forscher dann einen eindeutigen Hinweis auf die genetische Ursache. Sie fanden einen Zusammenhang zwischen der hemiplegischen Migräne und Mutationen in einem Gen, das entscheidend für den Aufbau der Nervenzellmembran ist.
Eine Veränderung dieser äußeren Hülle von Nervenzellen, wie sie von den Mutationen verursacht wird, beeinflusst, wie schnell die Zelle auf elektrische Impulse reagieren oder selber solche Signale losschicken kann. Die Mutationen verändern also die Erregbarkeit der Nervenzellen - ein Befund, der sehr gut zu der Theorie von der Überreaktion des Gehirns als Migräneursache passt.
Der Kopfschmerzexperte Stefan Evers von der Universität Münster ist von diesem Zusammenhang nicht überrascht. Schließlich beruhten auch andere, anfallartig auftretende neurologische Erkrankungen wie beispielsweise die Epilepsie auf ähnlichen Störungen bei der Signalweiterleitung. Und obwohl ein so klarer Zusammenhang bislang nur bei der hemiplegischen Migräne entdeckt worden ist, sind Experten davon überzeugt, dass auch die häufigeren Migräne-Formen einen genetischen Hintergrund haben.
Da sich die Symptome dieser üblicherweise auftretenden Formen jedoch von Mensch zu Mensch und sogar von Anfall zu Anfall unterscheiden können, scheinen hier nicht nur ein oder zwei Genveränderungen eine Rolle zu spielen. So vermutet beispielsweise Hartmut Göbel, Direktor der Schmerzklinik Kiel, dass die Erkrankung eher auf mehreren Genen und deren Zusammenspiel basiert - was die Ursachenforschung extrem erschwert.
Um die komplexen Wechselwirkungen aufzuklären, untersuchen die Wissenschaftler nun die Gene von Familien, in denen Migräne bei mehreren Familienangehörigen auftritt. Die Fahndung nach genetischen Markern zeigt auch schon erste Erfolge: Zwei verdächtige Gene konnten bereits identifiziert werden, die - ähnlich wie bei der hemiplegischen Migräne - die Erregbarkeit von Nervenzellen beeinflussen.
Diese Ergebnisse können zwar die Betroffenen noch nicht von ihren Schmerzen befreien. Sie können aber dazu beitragen, neue Ansatzpunkte für Wirkstoffe und Therapien zu finden, die beispielsweise die ständige Alarmbereitschaft im Gehirn dämpfen.
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