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11:41 Uhr
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Von ddp-Korrespondent Petr Jerabek
Hamburg (ddp). Sein Foto haben sie aus Dankbarkeit im Schlafzimmer aufgehängt. Das Schwarz-Weiß-Porträt von Bernd Zemella schließt die Reihe der bunten Hochzeitsfotos über dem raumbeherrschenden Ehebett ab. "Er hat einen Ehrenplatz verdient", sagt Volker Lauer, während aus dem Wohnzimmer der Heile-Welt-Gesang eines Volksmusikers tönt, den Ehefrau Monika zum Bügeln hört. Die beiden 47 und 44 Jahre alten geistig Behinderten haben sich nur dank Zemella kennen gelernt. Der Psychologe betreibt in Hamburg die "Schatzkiste", die erste Partnervermittlung für Menschen mit geistiger Behinderung.
Es ist kurz nach 17.00 Uhr. Volker Lauer ist eben erst von der Arbeit, der Tischlerei in einer Behindertenwerkstatt, nach Hause gekommen. Er schmiert sich schnell ein Honigbrot und deutet mit dem Kopf auf die Wand - auch über dem Küchentisch hängen Hochzeitsbilder. "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt er schwärmerisch, nimmt sein Brot und schlurft in seinen riesigen Plüschpantoffeln zu seiner Frau ins Wohnzimmer. "Früher war ich oft schlecht gelaunt, weil ich niemanden hatte", erinnert sich Monika. Sie lässt sich auf einen Sessel fallen und fängt an, sich eine Pfeife zu stopfen. "Ich war nicht so glücklich wie jetzt. Denn wir ergänzen uns gut."
Volker und Monika Lauer sind zwar das bisher einzige "Schatzkisten"-Paar, das vor den Traualtar getreten ist. Insgesamt hat Zemella aber seit der Gründung der ungewöhnlichen Partnervermittlung vor mehr als fünf Jahren immerhin den Grundstein für rund 50 Partnerschaften gelegt. 327 Männer und Frauen hat der Psychologe der Evangelischen Stiftung Alsterdorf bisher in seine Kartei aufgenommen, durchschnittlich zwei kommen pro Woche hinzu. Das Angebot ist kostenlos.
"Natürlich findet längst nicht jeder Topf einen Deckel", sagt Zemella. Schließlich wenden sich drei Mal so viele Männer wie Frauen an den Psychologen. In der Rubrik Frau sucht Frau steht derzeit nur eine einzige Kundin: "Da lässt sich schwer vermitteln."
Bei vielen geistig Behinderten basiert die Sehnsucht nach einem Partner insbesondere auf dem Wunsch nach Normalität. Die Sexualität spielt dagegen oft nur eine untergeordnete Rolle. "Denn Menschen mit geistiger Behinderung haben in der Regel wenig Gelegenheit Sexualität in ihr Verhaltensrepertoire aufzunehmen", sagt Zemella.
Die Karteikarten füllt Zemella gemeinsam mit den Behinderten aus. Neben Vorstellungen zum möglichen Partner werden Grad und Art der Behinderung, Partnererfahrungen, Temperament und Hobbys dokumentiert. Partnervorschläge erhalten die "Schatzkisten"-Kunden dann per Post. Auf Wunsch hilft die "Schatzkiste" auch beim ersten Treffen: Zemella lädt das potenzielle Paar zu sich ins Büro ein. Er hilft ihnen, die Schüchternheit zu überwinden oder die passenden Worte zu finden, wenn es doch nicht der Richtige ist.
Diese Hilfe haben Volker und Monika Lauer nicht mehr gebraucht. Sie haben sich gleich allein getroffen, am Bahnhof Altona. Volker war bereits der dritte Mann, den Zemella Monika vermittelt hatte. Und dieses Mal funkte es auf Anhieb. "Am ersten Tag haben wir uns schon geküsst", sagt Monika. Bereits wenige Monate nach dem ersten Treffen ging es aufs Standesamt, vier Wochen später besiegelten sie den Bund fürs Leben auch kirchlich.
Gefeiert hat das Paar die Hochzeit in kleinem Kreis in einem China-Restaurant. "Das mag ich gerne, mit Stäbchen essen", sagt Volker und schiebt sich das letzte Stück Honigbrot in den Mund. Er setzt sich neben seine Frau und drückt ihr einen Kuss auf die Wange.
Partnervermittlung "Schatzkiste"
Hamburg (ddp). Seit 1998 betreibt die Evangelische Stiftung Alsterdorf in Hamburg, eine der größten Behinderteneinrichtungen Norddeutschlands, in ihrem Zentrum für Beratung, Diagnostik und Psychotherapie eine Partnervermittlung für Menschen mit geistiger Behinderung. Anfang 2002 gründete Psychologe Bernd Zemella mit Betroffenen und ihren Eltern den Verein "Schatzkiste".
Aufgenommen in die Kartei werden bisher nur Behinderte aus Hamburg. Allerdings entsteht derzeit in Rostock eine erste Filiale, auch in Köln laufen bereits die Planungen. "Ich würde mich freuen, wenn sich der Ansatz bundesweit durchsetzen würde", sagt Zemella. Die "Aktion Mensch" prüft derzeit den Antrag des 57-jährigen Psychologen für ein bundesweites Projekt.
Kontakt zur "Schatzkiste":
Telefon: 040-50773542
Fax: 040-50773777
Internet: http://www.schatzkiste-alsterdorf.de
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