Nachrichten aus Psychiatrie und Selbsthilfe

Startseite Rubrik: Meldung vom Tage aktualisiert 07.12.2004


Übersicht "Meldung vom Tage" (Dezember 2004)

07.12.04
Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. (BApK):
pm
Selbsthilfe muss als "vierte Säule" der Gesundheitsversorgung weiter gestärkt werden

Familien-Selbsthilfe Psychiatrie fordert stärkere Prävention und
Überwindung der Sektorgrenzen für moderne psychiatrische Versorgung

(Berlin/Bonn, 7. Dezember 2004/pm). Versorgung verbessern und gleichzeitig Kosten sparen - für diese Aufgabe fehlt es im Gesundheitswesen oftmals an Konzepten. Gerade im Bereich der Psychiatrie sind noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft: Große Chancen bieten das konsequente Befolgen gesundheitsökonomischer Erkenntnisse sowie die Stärkung der Prävention. Das ist ein Fazit anlässlich der Jahres-Pressekonferenz der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie (BApK) im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin. Prof. Dr. rer. pol. Axel Olaf Kern, Gesundheitsökonom an der FH Ravensburg-Weingarten, verwies dabei insbesondere auf die hohen indirekten Kosten durch psychische Erkrankungen. Moderne Therapiemaßnahmen könnten gerade hier die Gesamtkosten bei gleichzeitig besserer Versorgung senken. Dementsprechend forderte die Geschäftsführerin des Bundesverbandes, Margit Golfels, endlich die starren Sektorengrenzen im Gesundheitswesen zu überwinden. Ein großes Potenzial bieten zusätzlich stärkere Präventionsanstrengungen. Der Selbsthilfe kommt dabei eine wichtige Rolle zu: De facto ist sie die "vierte Säule" in der Gesundheitsversorgung, so Golfels. Unterstützung fand Golfels in Helga Kühn-Mengel, MdB, der Patientenbeauftragten der Bundesregierung: "Das engagierte Auftreten der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie trägt mit dazu bei, über psychische Erkrankungen aufzuklären und Vorurteile abzubauen".

Für eine angemessene Versorgung psychisch Kranker muss die rein sektorale Kosten-Betrachtung überwunden werden, so das Fazit von Kern. Es gilt, die gesamten Behandlungskosten - direkte wie indirekte - einzubeziehen. "Nur so können moderne Therapieformen und Medikamente zur Behandlung psychisch Kranker in der Praxis zum Einsatz kommen", sagte Kern. Sie können zu sinkenden Gesamtkosten und einer besseren Versorgung von Betroffenen und ihren Angehörigen beitragen. So ergeben sich durch moderne Behandlungsmethoden z.B. kürzere Krankenhausaufenthalte, geringere Rehospitalisierungsraten und weniger Frühverrentungen.

Mindestens jeder Vierte macht einmal in seinem Leben eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung durch. Für die Versorgung psychisch Kranker wurden in Deutschland 2002 rund 22,4 Mrd. Euro für ärztliche Behandlung oder Arznei-, Heil- und Hilfsmittel aufgewendet (dies entspricht 10 Prozent der Ausgaben für alle Erkrankungen). Wesentlich höhere Belastungen ergeben sich darüber hinaus aber für indirekte Ausgaben. So beträgt das Verhältnis in der Indikation Schizophrenie z.B. etwa 1,5 Mrd. Euro an direkten zu 3 Mrd. Euro an indirekten Kosten (u. a. durch Arbeitsausfall oder Frühverrentung).


Sektordenken führt oft zu teurer Hilfe, die Betroffene nicht brauchen

Dass die Gesundheitsökonomie auch für Angehörige von großer Bedeutung ist, erläuterte die stellvertretende Vorsitzende der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie, Jutta Seifert: Laut der Gießener Angehörigenstudie (GISA, 2003) unterstützen 40 Prozent der Angehörigen einen psychisch Kranken monatlich mit mindestens 100 Euro, 12 Prozent sogar mit über 500 Euro. Zwei Drittel von ihnen befinden sich wegen der Belastung durch die Pflege selbst in einer behandlungsbedürftigen Verfassung. "Es ergeben sich erhebliche Kosten sowohl direkt für das Gesundheitssystem als auch indirekt durch eingeschränkte Erwerbsmöglichkeiten für die Angehörigen", sagte Seifert.

Zudem macht vielen Angehörigen die strenge Sektorisierung im Gesundheits- und Sozialsystem zu schaffen. Für vorbeugende und ambulante Hilfe fehlt häufig das Geld. Für eine teure Klinik- oder Heimunterbringung stehen dann aber ausreichend Mittel aus einem anderen Topf zur Verfügung. "So sind die Kosten insgesamt höher, als sie sein müssten, und zusätzlich erhält der Betroffene eine Hilfe, die er oft weder will noch braucht", so Seifert.


Selbsthilfe nicht länger Flickschuster für mangelhaftes System

Bundesweit engagieren sich mehr als 3 Mio. Menschen in über 100.000 Selbsthilfegruppen. Die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie ist ein Teil dieser Bewegung. Diese "vierte Säule" der Gesundheitsversorgung stellt ein breites Dienstleistungsangebot für Patienten und Angehörige zur Verfügung. "Viele Defizite des Versorgungssystems werden dadurch abgemildert", sagte Golfels. Es könne aber nicht sein, dass die Selbsthilfe als Flickschuster des nicht mehr ausreichend leistungsfähigen Systems missbraucht werde. "Das neue Präventionsgesetz muss die Selbsthilfe gemäß ihrem wahren Stellenwert als Partner in der Prävention verankern. Gleichzeitig ist der Gesetzgeber gefordert, hier verlässliche finanzielle Rahmenbedingungen zu schaffen", forderte Golfels.

"Es ist noch nicht hinreichend bewusst, dass es Gesundheits- und Präventionsziele im Bereich psychischer Erkrankungen gibt", sagte Kühn-Mengel. Wichtig sei es, dass psychisch kranke Menschen in der Umsetzung des Präventionsgesetzes ausreichend Beachtung fänden. Für eine bessere Versorgung sei es zudem notwendig, mangelnde Kooperation und die starren Grenzen zwischen den Leistungsbereichen abzubauen.

Die Selbsthilfe stärkt nicht nur die Eigenverantwortung der Betroffenen zur Bewältigung der Erkrankung, sondern durch Beratungsleistungen auch die Compliance, so Golfels. Prävention kann so zur verbesserten Lebensqualität der Betroffenen und geringeren Ausgaben im Gesundheitswesen beitragen. Auf Bundes- und Landesebene gibt die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie ihre Erfahrungen in zwei Präventionsprojekten weiter.

Das Informationsangebot "Psychische Erkrankungen im Arbeitsleben" hat 2004 seine Modellphase abgeschlossen. In den letzten zwei Jahren wurden rund 500 Mitarbeiter in 40 Unternehmen (u.a. in der REWE Zentrale in Köln und beim ZDF in Mainz) durch Angehörige über psychische Erkrankungen und ihre Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt. Wegen des großen Erfolges wird der BKK-Bundesverband das Projekt für weitere zwei Jahre fördern.

Die Kampagne "Mit psychisch Kranken leben" soll in der Öffentlichkeit über psychische Erkrankungen aufklären, Selbsthilfeangebote bekannt machen und so auch zur Prävention beitragen. Gestartet ist die Kampagne im Herbst 2004 in Berlin mit Unterstützung der Selbsthilfe-Fördergemeinschaft der Ersatzkassen. Gemeinsam mit Ärzte- und Apothekerverbänden wird eine Informationsbroschüre verbreitet, die mit der Leitfigur Amelie - einem
17-jährigen Mädchen, dessen Bruder psychisch krank ist - in der Bevölkerung um Aufmerksamkeit und Verständnis wirbt. Die Kampagne soll auch auf andere Regionen ausgeweitet werden. Schon jetzt wird die Broschüre unter www.bapk.de von zahlreichen Interessierten aus dem gesamten Bundesgebiet angefordert.


Die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie

Die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie (Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V.) ist die Selbsthilfeorganisation und Solidargemeinschaft von Familien mit psychisch kranken Menschen in Deutschland. Der 1985 gegründete Bundesverband versteht sich als Interessenvertretung der Angehörigen psychisch Kranker und als Lobby für psychisch kranke Menschen auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen.


Familien-Selbsthilfe Psychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V.
Pressebüro, Beate Lisofsky,
Mannheimer Straße 32, 10713 Berlin
Telefon: 030 / 86 39 57 - 04, Telefax: 030 / 86 39 57 - 02
E-Mail: bapk-berlin@psychiatrie.de, Internet: www.bapk.de



Die Organisation der Jahres-Pressekonferenz der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie
wurde ermöglicht mit freundlicher Unterstützung der Lilly Deutschland GmbH.


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