|
|
Von ddp-Korrespondent Reinhard Sobiech
Neubrandenburg (ddp-nrd). In der kalten Zeit des Jahres sehnen sich viele Menschen ganz besonders nach Wärme und Zuspruch. Wer in diesen Tagen die kostenlosen Rufnummern 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222 wähle, tue das oft aus dem Grund, weil sich einsam fühle, sagt die Leiterin der Neubrandenburger Telefonseelsorge Edeltraud Wilde.
Besonders schwer sei die Situation für jene, die im Laufe des Jahres einen Angehörigen verloren hätten. Bei akuten Problemen sei vor allem konkreter Rat gefragt, erzählt die Seelsorgerin. Das Jahr über sei dies vor allem die Angst um den Arbeitsplatz und vor schwerer Krankheit, Gewalt in der Ehe und überhaupt die Sorge um die Zukunft. Viele fürchteten sich vor unterdrückten Konflikten, die gerade an Feiertagen aufzubrechen drohten, berichtet Wilde.
Alleinsein werde insbesondere in einer Zeit der Besinnlichkeit als schmerzlich empfunden. Gerade ältere Menschen klagten über ausbleibenden Besuch der sehnlichst erwarteten Kinder oder Enkel, sagt Wilde. Sie fühlten sich dann vergessen und im Stich gelassen. Den meisten Anrufern helfe es schon, sich das alles von der Seele reden zu können.
In den vergangenen Wochen nahmen die Anrufe in der kleinen, anonymen Wohnung in Neubrandenburg, die von der Telefonseelsorge angemietet wurde, ständig zu. Täglich treffen sich hier einige der ehrenamtlichen Mitarbeiter zum Dienst. 38 Frauen und 12 Männer, meist im Alter zwischen 30 und Anfang 50, sind es, die in ihrer Freizeit den Anrufern mit Rat und Trost zur Seite stehen. Ein Unternehmer gehört genauso dazu wie eine Professorin, Lehrer, Hausfrauen, Mütter im Babyjahr oder eine Köchin. "Alle haben ein großes, warmes Herz", sagt die Leiterin.
Vier Stunden dauert die "Schicht" für jeden. Mancher Anrufer ist mit einem viertelstündigen Gespräch am Telefon zufrieden. In Ausnahmefällen dauert es auch schon mal eine ganze Stunde. Die Anrufer kommen aus ganz Mecklenburg-Vorpommern, denn die vier Stützpunkte der Telefonseelsorge in Neubrandenburg, Schwerin, Rostock und Greifswald sind untereinander verbunden.
Seit zehn Jahren gibt es dieses Angebot im Nordosten. Getragen wird es von den evangelischen und katholischen Kirchen sowie deren Wohlfahrtsorganisationen Diakonie und Caritas. Die Zahl der freiwilligen Telefonseelsorger beträgt inzwischen 220. Und sie steigt ständig. In Neubrandenburg haben sich gerade wieder 15 Freiwillige zu einer Schulung angemeldet. Ein Jahr lang werden sie von Fachleuten im einfühlsamen Umgang mit ihren von Nöten geplagten Mitmenschen unterrichtet. Denn das Vertrauen der Anrufer soll schließlich nicht enttäuscht werden.
Erstmals bewilligten die Neubrandenburger Stadtvertreter kürzlich für diesen Lehrgang einen Zuschuss. Sogar einstimmig. "In diesen schweren Zeiten mit den allerorts knappen Kassen ist das auch ein schönes Zeichen von wohlverstandener Nächstenliebe", sagt Wilde.
|
|