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Von ddp-Korrespondentin Iris Hansch
Berlin (ddp). Ohne Medikamente wäre die Geschichte der Medizin eine Kurzgeschichte. Mehrere tausend Wirkstoffe sind heute zugelassen und doch können viele Krankheiten nicht angemessen behandelt werden. Oftmals bringt die Therapie zwar Linderung, aber noch keine Heilung.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Depressionen, chronische Schmerzen, Allergien und Demenz-Erkrankungen sind auf dem Vormarsch. Weltweit sind über 40 Millionen Menschen mit dem HIV-Virus infiziert. Die Hoffnungen auf neue Arzneimittel vor allem zur Heilung von schweren und lebensbedrohlichen Erkrankungen sind groß.
Zwar gibt es inzwischen Arzneimittelkombinationen, die in der Lage sind, bei HIV-Infizierten den Ausbruch von Aids zu verhindern, doch die ersehnte Schutzimpfung ist vorerst nicht in Sicht. Nach Angaben des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) wird keiner der derzeit in klinischen Studien geprüften Impfstoffe in den nächsten drei Jahren verfügbar sein.
Laut einer aktuellen Umfrage des Verbandes unter den Mitgliedsfirmen kommen dafür bis 2007 voraussichtlich weitere Medikamente zur Behandlung einer HIV-Infektion auf den Markt, darunter solche, mit denen sich auch inzwischen resistente Viren bekämpfen lassen. Zudem steht die Entwicklung eines zweiten so genannten Fusionshemmers vor dem Abschluss, der das Eindringen der Viren in die Zellen verhindern kann.
Außerdem könnte unter den bis 2007 neu zugelassenen Arzneimitteln der erste Impfstoff gegen Papillomaviren sein. Diese durch Geschlechtsverkehr übertragbaren Erreger sind die Ursache für die meisten Fälle von Gebärmutterhalskrebs. "Wenn es gelingt, einen verlässlichen Impfstoff gegen diese Viren herauszubringen und ganze Jahrgänge vor der Geschlechtsreife zu impfen, könnte Gebärmutterhalskrebs in einigen Jahren bis Jahrzehnten praktisch ausgerottet sein", prognostiziert VFA-Vorstandsvorsitzender Andreas Barner.
Überhaupt darf bei Infektionskrankheiten mit wichtigen Fortschritten vor allem bei Impfstoffen etwa gegen Genitalherpes, Gürtelrose und Rotaviren - Auslöser von schweren Durchfallerkrankungen vor allem bei Kindern - gerechnet werden.
Bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen - Todesursache Nummer 1 in Deutschland - konzentrieren sich die Forscher darauf, die Folgeschäden eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls zu verringern. Auch für die Vorbeugung und Behandlung von Blutgerinnseln dürften laut Barner in den nächsten Jahren Medikamente "mit deutlich erhöhter Zuverlässigkeit" verfügbar werden.
In der Krebstherapie liegt der Fokus auf Medikamenten, die an biochemischen Besonderheiten von Tumorzellen angreifen und gesundes Gewebe schonen. Schon lange wird an Medikamenten geforscht, welche die Bildung neuer Blutgefäße im Tumor unterbinden können. Diese so genannten Angiogenese-Hemmer könnten die Ausbreitung eines Tumors verhindern. "Erstmals besteht heute die Zuversicht, dass aus der guten Idee in absehbarer Zeit auch eine praktikable Therapie werden kann", sagt Barner.
Außerdem stellt der Verbandschef eine ganz neue Art von Präparaten gegen Krebszellen in Aussicht: die Antisense-Medikamente. Sie wirken, indem sie Zellen daran hindern, bestimmte Gene zu benutzen, mit denen sie sich gegen die Krebstherapie zur Wehr setzen.
Die Krankheit, für deren Behandlung in den nächsten Jahren die meisten Zulassungen zu erwarten sind, ist nach Verbandsangaben Morbus Parkinson. Insgesamt zwölf neue Medikamente könnten bis 2007 gegen die so genannte Schüttelkrankheit zur Verfügung stehen. Zwar wird keines davon Heilung bringen, doch ist mit einer wirksameren Linderung der Symptome und einer deutlichen Verzögerung des Krankheitsverlaufes zu rechnen.
Nicht zuletzt kommt nach Jahrzehnten mit vielen erfolglos abgebrochen Projekten erstmals die Chance zur hormonellen Empfängnisverhütung für den Mann. "Dabei wird es sich allerdings weniger um eine Pille, als vielmehr um eine Spritze oder ein Implantat handeln", stellt Barner in Aussicht.
Viele Innovationen werden laut Verbandschef gentechnische Präparate sein. Die Gentechnik hat in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung genommen. Sind derzeit rund drei Prozent der zugelassenen Wirkstoffe gentechnischer Natur, werden es bis 2007 bereits um die 20 Prozent sein.
Insgesamt sind derzeit mehr als 200 Projekte bei den forschenden Arzneimittelherstellern so weit fortgeschritten, dass sie bis 2007 zur Zulassung oder zur Zulassungserweiterung für ein bereits existierendes Präparat, darunter speziell für Kinder, führen können.
Ganze zehn bis zwölf Jahre dauert die Entwicklung eines neuen Arzneimittels. Im Durchschnitt erreicht nur eine von 5000 bis 10 000 untersuchten Substanzen die Marktzulassung. Die Kosten dafür belaufen sich - Fehlschläge mit eingerechnet - auf rund 800 Millionen US-Dollar. Die forschenden Arzneimittelhersteller in Deutschland haben im vergangenen Jahr 3,6 Milliarden Euro in die Medikamentenforschung investiert. Umgerechnet waren das rund zehn Millionen Euro am Tag.
Welche Substanzen eignen sich als Arzneimittel?
Berlin (ddp). Damit eine Substanz zum Arzneimittelwirkstoff taugt, muss sie eine außergewöhnliche Kombination von Eigenschaften mitbringen:
Substanzen zu finden, die diese und weitere Kriterien zugleich erfüllen, ist geradezu eine Mission impossible. Dennoch war und ist die Arzneimittelforschung dabei erfolgreich. Mittlerweile konnten mehrere tausend Substanzen als Wirkstoffe zugelassen werden. Auf jede davon kommt aber ein Vielfaches an Substanzen, die in Tests nicht alle Anforderungen erfüllten und deshalb aufgegeben werden mussten.
(Quelle: Verband Forschender Arzneimittelhersteller, Berlin)
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