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28.01.05

Über den richtigen Ton bei Verkehrskontrollen

ddp
In Münster werden derzeit Polizeilehrfilme wissenschaftlich ausgewertet


Von ddp-Korrespondentin Barbara Temath

Münster (ddp-nrw). Diplomkaufmann Doktor Schmitz hat einen schlechten Tag erwischt. Nicht genug damit, dass ihn die Polizei beim Rasen auf der Landstraße ertappt hat - der Polizist ist auch noch aufreizend langsam und uneinsichtig. Wer die Szene sieht, dem wird schnell klar: Dieser Polizist ist weder Freund noch Helfer. Und genau das ist der Sinn der Sache. Denn Diplomkaufmann Doktor Schmitz und der patzige Polizist sind Negativbeispiele aus einem Polizeilehrfilm aus den 1960er Jahren. Einer von vielen, die derzeit am "Geschichtsort Villa ten Hompel" in Münster erforscht werden.

"Ansprechen des Mitbürgers" heißt der Schwarzweißfilm aus dem Jahr 1965. Er besteht aus vier Fällen, in denen Polizisten mit Bürgern erst falsch, dann - in einer zweiten Version - richtig umgehen. Das gilt auch für den rasenden Doktor Schmitz. In der vorbildlichen Fassung bleibt Hauptwachtmeister Albrecht ruhig, stellt zügig ein Knöllchen über fünf Mark aus und verabschiedet den Rausgewunkenen freundlich.

Für Stefan Querl, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Villa ten Hompel, ist dieser Film bei allem nostalgischen Unterhaltungswert vor allem als historische Quelle interessant. "Hier geht es um den richtigen Tonfall bei Verkehrskontrollen im Streifendienst, aber noch aufschlussreicher sind die späteren Lehrfilme, die ab Ende der sechziger Jahre gesellschaftliche Konflikte wiederspiegeln", sagt er. "Statt um Raser und Drängler geht es da plötzlich um Demonstranten und Hausbesetzer."

Die Forschung zur Polizeigeschichte ist nur ein Teil dessen, was die Mitarbeiter der Villa ten Hompel beschäftigt. Unter der Leitung der Historiker Christoph Spieker und Alfons Kenkmann wird hier auch ein unrühmliches Stück deutscher Geschichte dokumentiert: Die Rolle der Polizei im Nationalsozialismus. In dem Haus, in dem von 1940 bis 1945 der Befehlshaber der regionalen Ordnungspolizei saß, erinnert heute die Ausstellung "Im Auftrag" an die Schreibtischtäter, die halfen, die Nazi-Ideologie mit ihren Deportationen und Massenmorden umzusetzen.

"Wenn wir in den Projekten Ausschnitte aus alten Lehrfilmen zeigen, wünschen wir uns, dass die Zuschauer eigene Schlüsse aus dem Quellenmaterial ziehen: Wer definiert eigentlich in welchem Jahrzehnt, was unangepasstes, was störendes Verhalten ist?", fragt Seminarleiter Christoph Spieker. "Leit- und Feinbilder unterliegen einem gesellschaftlichen Klima, sie werden von Politik und Medien beeinflusst", erklärt er.

Was wie Dokumentation und Beweissicherung wirken soll, ist tatsächlich teilweise nur inszenierte Imagepflege. Wie wichtig es ist, Vorschriften angemessen auszulegen, zeigt ein anderer Film, der 1966 ebenfalls in Hamburg entstand. Ein Sprecher kommentiert darin Bilder vom Einsatz beim Konzert der "Beatles" und macht unter den Publikum eine klare Aufteilung aus: Harmlose Beat-Fans und bedrohliche Rocker. Worin die Gefahr durch die Gruppe langhaariger Lederjackenträger liegt, zeigt der Film nicht. Schließlich wird sogar mit Wasserwerfern gegen einige der Konzertbesucher vorgegangen.

"Solche Filme werfen die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel auf", meint Stefan Querl. Polizei stehe oft zwangsläufig im Brennpunkt, etwa zwischen Politik und Protestierenden. Doch wenn jemand Vorschriften rücksichtslos und ohne kritische Reflexion umsetze, drohe Gefahr für die Demokratie. Dass Polizeibeamte mündige Bürger statt bloßer Befehlsempfänger sein müssten, lehre nicht nur die Geschichte des NS-Regimes, so Querl.


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