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31.01.05

Wismarer Kinderuni erweist sich als Volltreffer

ddp
Zusätzliche Vorlesungsreihe gestartet


Von ddp-Korrespondentin Katrin Schüler

Wismar/Rostock (ddp-nrd). Kann die Natur wirklich zählen? Theresa und Inken staunen, dass eine Tropfenkrone niemals mehr als zwölf Zacken hat. Das Schneckenhaus stimmt millimetergenau mit der Form des galaktischen Sternenwirbels überein. Und selbst die Zahl der Blätter an Zweigen scheint abgezählt zu sein. Professor Herbert Müller, der zum zweiten Mal eine Mathematik-Vorlesung an der Wismarer Kinderuni hält, lächelt verschmitzt. Seine Begeisterung für Zahlen und Mathematik hat die Kinder offenbar angesteckt. Trotz schwerer Kost haben seine Kinderstudenten an der Hochschule Wismar wieder etwas dazu gelernt.

Den Eltern geht es nicht anders. Sie sitzen im Hörsaal ein Stock höher und verfolgen Müllers Vorlesung auf der Leinwand. "Das ist doch viel zu schwer für die Lütten", zweifelt der Vater eines gerade Achtjährigen und ist dann baff erstaunt über die Antworten der jungen Zuhörer. "Irgendetwas nehmen die Kinder immer an Wissen mit", ist sich Müller sicher. "Und es ist doch schön, ihnen die Welt zu zeigen."

Seit 41 Jahren lehrt der Professor an der Hochschule, eigentlich sei er ein alter Hase. Aber für die Vorlesungen an der Kinderuni habe er sich jeden Satz überlegen müssen. Das sei eine seiner schwierigsten aber auch schönsten Aufgaben gewesen, gibt Müller zu. Dass die Idee der Kinderuni gleich auf offene Ohren der Professoren stößt, hatte Organisatorin Kerstin Baldauf nicht erwartet. "Es ist toll, was da an Ideen kommt", sagt die Hochschulsprecherin. Dabei zeigen sich die Dozenten von einer eher ungewöhnlichen Seite, "sie sind alle sehr aufgeregt", hat Baldauf registriert. "Mancher übt richtig zu Hause vor seinen Kindern. Andere schreiben die Vorbereitungen dreimal um".

Der Erfolg macht die Beteiligten sprachlos. Fast ohne Werbung hatten sich aus dem Stand heraus 538 Kinder für die Steppke-Uni angemeldet. Der Hörsaal fasste nur knapp 300 Studenten, so dass jetzt die gesamte Vorlesungsreihe parallel ein zweites Mal abgehalten wird. Die jungen Hörer kommen bei weitem nicht nur aus Wismar, wie Baldauf erzählt. Auch aus Bad Schwartau in Schleswig-Holstein und aus Prislich an der Grenze zu Brandenburg, aus Schwerin und Rostock reisen die Kinderstudenten an. Mit ihrem Studentenausweis um den Hals spazieren sie stolz über den Campus, machen einen Abstecher in die Bibliothek oder in die Mensa, "das dürfen sie alles, wir freuen uns über ihre Neugier", sagt die Hochschulsprecherin.

Auch die Rostocker Uni will nun ihren Hörsaal für wissensdurstige Kinder öffnen. "Eigentlich hatten wir unsere Programme für Schüler der oberen Klassen aufgelegt. Aber auch Jüngere sind unser Potenzial", sagt Rostocks Uni-Sprecher Karl-Heinz Kutz. Die Rostocker lassen sich überraschen von der Resonanz. Vorsichtshalber haben sie aber den größten Hörsaal für die erste Vorlesung im Februar reserviert, der Audimax hat 500 Plätze. Wenn man erklärt, wie man aus Brausepulver einen Knallfrosch machen kann, weckt man bei einem Achtjährigen vielleicht auch das Interesse, anderen komplizierten Fragestellungen auf den Grund zu gehen, hofft Kutz.

Ob die Grundschüler aber später der Hochschule als richtige Studenten die Treue halten, steht auf einem anderen Blatt. "Zunächst wollen wir ihnen ja nur die Welt der Wissenschaft öffnen", sagt Baldauf. Die kostenlosen Vorlesungen seien vor allem auch für Kinder gedacht, die nicht so ohne weiteres Zugang zu Bildungsangeboten haben. "Wir müssen doch irgendetwas gegen Fernsehen und Computerspiele aufbieten", findet Professor Müller. Das könne durchaus die mathematische Fibonacci-Zahlenreihe sein, die sich auch 600 Jahre nach ihrer Entdeckung auf wundersame Weise in der Natur wiederfinde. Die beiden Mädchen Theresa und Inken aus Neuburg jedenfalls sind begeistert von Müllers Zahlen. Dafür klopfen sie zum Ende der Vorlesung so lange auf die Bänke, dass ihnen die Knöchel weh tun. "Uni ist toll, und Mathe wird jetzt mein Lieblingsfach", sagt die Viertklässlerin Inken.


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