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Von ddp-Korrespondentin Cathleen Paech
Magdeburg (ddp-lsa). Auf Dianas erstem Schulzeugnis stand, sie soll mehr für das Fach Mathematik üben. Und auch die folgenden Lehrer-Beurteilungen enthielten immer wieder diesen Hinweis. Aber trotz ständigem Üben zu Hause verbesserten sich ihre mathematischen Fähigkeiten nicht. Das Kind wurde immer frustrierter. "In der Schule war man offensichtlich unfähig zu erkennen, dass es andere Probleme gab als Faulheit", sagt der Vater. Eher zufällig erfuhr er eines Tages von dem Phänomen Rechenschwäche. Viele bürokratische Hürden mussten noch überwunden werden, bis das Mädchen endlich eine vom Jugendamt mitfinanzierte Einzeltherapie bekam. Mittlerweile ist die gut zweijährige Behandlung abgeschlossen.
Die 13-Jährige kann in Mathematik jetzt dem Stoff folgen und zählt an der Realschule zur besseren Hälfte der Klasse, wie Bernd Pickut erzählt. Er ist nun Vereinsvorsitzender der Initiative zur Förderung rechenschwacher Kinder in Sachsen-Anhalt und will helfen, die Situation betroffener Kinder und Eltern zu verbessern. Im Gegensatz zur Lese- und Rechtschreibschwäche Legasthenie bleibe die Dyskalkulie, wie die Rechenschwäche in Fachkreisen genannt wird, oft unerkannt, sagt Pickut. Von schulischer Seite erfolgten häufig falsche Hilfestellungen für rechenschwache Kinder, Jugendämter sowie Krankenkassen verwehrten Hilfen. Therapien müssten nicht selten vor Gericht erkämpft werden. Viel zu oft werde an den Kindern "herumexperimentiert", anstatt sie von Experten behandeln zu lassen. Bei gravierender Rechenschwäche helfe keine Gruppentherapie.
Die Probleme seien im gesamten mitteldeutschen Raum ähnlich gelagert, berichtet Pickut. Vor etwa drei Monaten hatte der Verein zusammen mit Elterninitiativen aus Sachsen und Thüringen zu einem Erfahrungsaustausch nach Leipzig eingeladen. Während die politischen Entscheidungsträger der Einladung fern geblieben seien, öffneten sich die Lehrer zunehmend diesem Thema, sagt Pickut.
Klaus Retzlaff vom Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche (ZTR) in Magdeburg bestätigt ein zunehmendes Interesse von Pädagogen an Fortbildungsveranstaltungen zum Thema Rechenschwäche. Der ZTR-Leiter hält den Mathematikunterricht an den Grundschulen allerdings generell für stark reformierungsbedürftig. Kein Kind dürfe Lücken bei den Grundrechenarten haben, sagte er. Er halte es für verkehrt, dass Mathematik Gegenstand der Leistungskonkurrenz sei. Ausschließliches Ziel müsse die Vermittlung der Kulturtechnik sein. Noten und andere Auslesemethoden seien fehl am Platz.
Bisher sei der Unterricht so aufgebaut, dass immer mehr Kinder den Anschluss verlieren. Jüngst im Norden Sachsen-Anhalts vorgenommene Tests in zweiten, dritten und vierten Klassen hätten ergeben, dass ein Viertel bis ein Drittel der Kinder nicht richtig rechnen können. Zu ähnlichen Ergebnissen sei eine in Zusammenarbeit mit der Universität Jena erstellte Studie bei vierten Klassen im Süden des Landes gekommen. Auch dort habe der Anteil rechenschwacher Kinder bei über 25 Prozent gelegen.
Die Weichen zur Entwicklung einer Rechenschwäche würden in der Regel in den ersten beiden Schuljahren gestellt, sagte Retzlaff. Als solche nicht erkannt, bedeute dies für die Kinder oft einen schulischen Leidensweg, an dessen Ende im schlimmsten Fall die Sozialhilfe stehe.
Für Retzlaff ist Rechenschwäche Ausdruck eines Systemfehlers im Bildungswesen. Quasi beginne der Aussortierungsprozess schon in der ersten Klasse und führe dazu, dass immer mehr Kinder vom Wissenszuwachs ausgeschlossen würden. Er sei überzeugt, dass viele vorzeitige Schulabgänger aus Sachsen-Anhalt nur deswegen die Bildungseinrichtung verlassen, weil die Rechenschwäche nicht behandelt wurde. Sachgerecht therapiert lässt sich Rechenschwäche aus Expertensicht zu weit über 90 Prozent heilen
Das ZTR betreibt vorrangig in den neuen Bundesländern Institute zur Diagnostik, Behandlung und Erforschung der Rechenschwäche. Rund 420 rechenschwache Kinder werden nach ZTR-Angaben derzeit therapiert.
www.ifrk-sa.de
www.ztr-rechenschwaeche.de
Was ist Rechenschwäche?
Magdeburg (ddp-lsa). Bei einer Rechenschwäche (Dyskalkulie) verfügt der Betroffene über mangelndes Zahlen- und Zahlenraumverständnis sowie über weit unterdurchschnittliche Rechenfertigkeiten. Davon betroffen sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die Probleme liegen gewöhnlich im Zahlverständnis. Beispielsweise können sich die Betroffenen keine Mengen vorstellen und rechen dann ausschließlich mit den Fingern.
Wie die Lese- und Rechtschreibschwäche (Legasthenie) wird die Rechenschwäche von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Teilleistungsschwäche klassifiziert. Demnach handelt es sich bei einer Rechenschwäche nicht um einen Mangel an Intelligenz oder an Begabung. Es handelt sich ebenso wenig um die generell mangelnde Fähigkeit zum logischen Denken, sondern um einen definierten Ausfall im mathematischen Lernen.
Eine Rechenschwäche wächst sich nicht aus. Sie ist aus Expertensicht aber heilbar, auch noch im Erwachsenalter. Nötig sind entsprechende lerntherapeutische Hilfestellungen.
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