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10.10.2002
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Die Nachfahren des Johann F. - In Passauer Sterbebüchern fahndet
ein Neurologe nach dem entscheidenden Alzheimer-Gen



Von ddp-Korrespondentin Julia Weigl

Passau (ddp-bay). Alzheimer wird offenbar durch Gene beeinflusst. In Deutschland leiden zur Zeit mehr als eine Million Menschen unter der tödlichen Gehirnerkrankung. Drei Alzheimer-Gene konnten Wissenschaftler bereits identifizieren. Am Regensburger Bezirksklinikum ist der Neurologe Hans Klünemann jetzt einem vierten Gen auf der Spur, das die Grundlage für eine Therapie der Krankheit bilden könnte. Bei der Suche bedient sich der Wissenschaftler neben den gängigen Methoden auch der historischen Bevölkerungsforschung.

Zusammen mit dem Historiker Herbert Wurster, Direktor des Archivs des Bistums Passau, fahndet der Arzt nach Alzheimer-Erkrankungen in Familienstammbäumen. Wurster hatte vor knapp fünf Jahren mit dem Aufbau einer Bevölkerungsdatenbank begonnen, die inzwischen über eine Million Datensätze aus der Zeit von 1750 bis 1900 umfasst. Die Befunde der heute in der Diözese Passau erkrankten Alzheimer-Patienten vergleicht der Neurologe mit den Beschreibungen der Todesfälle in den Sterbebüchern. Da heißt es zum Beispiel «gefangen im Geist» oder «zuletzt ohne Geist». Das Phänomen benannte Emil Kraepelin, der Verfasser des Standardwerks «Psychiatrie - ein Lehrbuch für Studierende und Ärzte» von 1910, nach seinem Schüler Alois Alzheimer.

Johann F., Alzheimers erster Fall, wies im Vergleich zu späteren umfassend untersuchten Fällen eine Besonderheit auf, die Klünemann auf eine hoffnungsvolle Spur brachte. Die meisten histologisch untersuchten Hirn-Gewebeschnitte von Alzheimerpatienten zeigen neben den charakteristischen Ablagerungen (Plaques) auch Knäuel, so genannte Neurofibrillen. Diese treten auch bei einer Reihe anderer neurologischer Krankheiten auf, wohingegen kein einziger Alzheimer-Fall ohne Plaques bekannt ist. Der historische Fall Johann F. hat die Krankheit also in seiner reinen Form ausgebildet und zwar schon relativ früh, im Alter von 54 Jahren. In den meisten Fällen tritt Alzheimer erst nach dem 60. Lebensjahr auf.

Johann F. stammte aus Niederbayern, aus dem südlichen Landkreis Passau. Nachdem seine Krankheit ausgebrochen war, hatte ihn sein Bruder nach München in die Klinik gebracht. Die histologischen Schnitte des Patienten-Hirns wiesen laut Gehirnpathologe Alzheimer nur Plaques, aber keine Fibrillen auf.

Mit Hilfe der Bevölkerungsdatenbank der Diözese Passau ermittelte Wurster die Vorfahren des Johann F. bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Stammbäume verbreitern sich im 20. und 21. Jahrhundert und heute gehören mehrere tausend Menschen zu den Nachfahren des Johann F. Sie alle sind potenzielle Träger des dringend gesuchten Gens. Weil die reine Plaques-Form der Krankheit dafür verantwortlich zu sein scheint, dass die Patienten bereits vor dem 60. Lebensjahr erkranken, suchen die Wissenschaftler nach Menschen, die zu diesem Stammbaum zählen und relativ jung an Alzheimer erkranken.

Als etwa eine niederbayerische Gemeinde den Todesfall einer 40-Jährigen nach der Diagnose Schizophrenie meldete, hegte Klünemann bereits Verdacht. Er kontaktierte die Familie und fand heraus, dass es sich um einen Fall früher Alzheimer-Erkrankung handelte. Er bat die Familienmitglieder, Blut zu spenden, um sein von der Ethikkommission der Regensburger Universität befürwortetes Projekt zu unterstützen.

Dem Gen ist Klünemann seit zwei Jahren auf der Spur. 20 Angehörige von Alzheimerpatienten haben bisher Blutproben für seine Forschung zur Verfügung gestellt. «Ein aufwändiger Prozess, für den es viel Zeit, Einfühlungsvermögen und Vertrauen braucht», resümiert Klünemann.

Die Verantwortlichen des bayerischen Kulturfonds, aus dem die Passauer Bevölkerungsdatenbank finanziert wurde, und Archivar Wurster hatten zunächst nur die Förderung der Geschichtswissenschaft zum Ziel. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass von der Datensammlung jetzt die aktuelle medizinische Forschung profitieren würde. Auch Klünemann hatte nie zuvor berufliche Berührungspunkte mit der Geschichtswissenschaft. «Doch die Chancen stehen gut, dass sie die Nadel im medizinischen Heuhaufen finden hilft», sagt er.


© ddp / 10. Oktober 2002



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