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02.09.2002
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Kunst als Therapie

Münster, Mai 2001: Fachtagung wies Wege zu neuem Selbstwertgefühl

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Von ddp-Korrespondentin Mirjam Söchtig


Münster (ddp). Der Tagungsraum ähnelte mehr einem Klassenzimmer als einem Konferenzraum. Wiesenblumensträuße schmückten die sonnendurchfluteten Fenster, bunte Bilder hingen an der Wand, auf den Regalen standen Tonfiguren neben Scheren, Pinseln und Stiften in allen Größen und Farben. Allein die großen, buntbefleckten, blauen Schürzen deuteten darauf hin, dass dort nicht Kinder bastelten, malten und leimten, sondern Erwachsene.

Normalerweise finden in dem Raum des Alexianer-Krankenhauses in Münster kunsttherapeutische Stunden mit den Bewohnern der Einrichtung statt. Von Donnerstag an wurde er für einen Workshop genutzt, der bis Samstag innerhalb der internationalen Fachtagung zum Thema Kunsttherapie in der Psychiatrie stattfand. Ärzte, Psychologen, Therapeuten, Pädagogen und Künstler trafen sich, um drei Tage lang über Konzepte und Ansätze der Kunsttherapie zu sprechen und Erfahrungen auszutauschen.

"Die eigentliche Idee der Kunsttherapie ist es, den Patienten ein Mittel zur Kontaktaufnahme mit sich und der Welt zu erschließen", erzählte Brigitte Lenfert, Kunsttherapeutin in der geschlossenen psychiatrischen Anstalt Eickelborn. "Wenn die Sprache kein Medium ist, können sich Menschen oft durch Kunst ausdrücken, egal ob das Malerei, Literatur oder Theater ist." Innerhalb der künstlerischen Arbeit, berichtete Lenfert, fingen die Patienten oft zum ersten Mal an, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Sie lernten, ihre Gefühle und Aggression nicht einfach auszuleben, sondern auszudrücken und so zu verarbeiten.

Doch die Therapie verfolgt auch ganz praktische Ziele. Durch die künstlerische Arbeit wird die Feinmotorik gestärkt, die oft gestörte Konzentrationsfähigkeit verbessert und durch die Arbeit in Kleingruppen die Kommunikation zwischen den einzelnen Patienten gestärkt.

Soviel zur Theorie - die Praxis gestaltet sich oft viel komplizierter. "Viele Patienten haben Probleme, sich auf künstlerisches Schaffen einzulassen", erzählte die Kunsttherapeutin von ihrem Arbeitsalltag. "Dadurch, dass sie sich in einem geschlossenen System befinden, ihr Tagesablauf komplett durchorganisiert, reglementiert und kontrolliert ist, verkümmert oft jedes Gefühl, jede Phantasie und Kreativität." Sie hätten es im Anstaltsalltag verlernt, etwas von sich aus zu tun.

Diese Erfahrung hat auch Feliks Szysko gemacht. Der Künstler arbeitet mit schizophrenen Patienten des Józefa Babinski-Krankenhauses in Krakau. "Viele meiner Patienten, die seit Jahren in Kliniken leben, haben Probleme, sich auf etwas Neues, auf künstlerische Aktivität einzulassen", veranschaulichte er. Manchmal würden die Patienten zur Kunst finden, indem sie sich mit Kunstgeschichte beschäftigten.

"Ein Patient von mir hat sich beispielsweise zunächst strikt geweigert, selbst etwas zu schaffen. Er hat nur bekannte Werke aus Kunstbüchern kopiert." Erst nach und nach habe er angefangen, Bilder über sich selbst, seine Erfahrungen und seine Vergangenheit zu malen - Bilder, die für die psychotherapeutische Arbeit von unschätzbarem Wert sind.

Feliks Szysko, der durch die Erkrankung seines Bruders zur kunsttherapeutischen Arbeit kam, ist überzeugt: "Kunst kann dem Leben eines psychisch Kranken einen neuen Sinn geben." Die Menschen gewinnen seinen Erkenntnissen zufolge durch die kreative Arbeit wieder Freude am Leben, sie werden aus ihrer Lethargie herausgeholt, beginnen wieder aktiv etwas zu gestalten. Dieses Schaffen gibt den Kranken ein neues Selbstwertgefühl - "etwas, das von anderen gelobt wird, worauf sie stolz sein können".

Darüber, dass es kein ideales Modell, keinen allgemeingültigen Ansatz der Kunsttherapie gibt, herrschte unter den Besuchern der Tagung Einigkeit. "Kunsttherapie", meinte Szysko, "ist ein Abenteuer, in dem es keine festen Regeln gibt und dessen Erfolg nicht immer messbar ist. Aber es ist ein Abenteuer, das sich lohnt - für jeden einzelnen Patienten, der wieder lernt an sich zu glauben."

(c) ddp 27.05.01

Veröffentlicht:Februar 2002


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